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5. Dezember 2005

Broschen als Trostpflaster für den miserablen Lohn (Narrenturm 25)

„Pseudomonetär“ oder „paranumismatisch“ werden die Schwestern-Abzeichen von Fachleuten genannt. Im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum ist eine umfangreiche Kollektion davon öffentlich zugänglich.

Alles begann so harmlos. Im Herbst 1991 erhielt Mag. Peter Steiner, damals noch Mitarbeiter im Bundesmuseum, eine Brosche aus einer privaten Schwesternschule in Wien. Dem geschulten Blick des Numismatikers entging nicht, dass auf der Brosche der Kopf des Chirurgen Theodor Billroth mit Blick nach links abgebildet war. Das gleiche Portrait, das auch auf der Zweischillingmünze der Republik Österreich aus dem Jahr 1929 prangt. Dies weckte das Interesse Steiners. Seine Recherchen ergaben, dass diese offensichtlich alte Anstecknadel des Rudolfinerhauses in Wien noch immer unverändert ausgegeben wurde. Steiner erwarb auch die dazugehörige Diplombrosche dieser ehrwürdigen privaten Krankenanstalt und Schwesternschule und begann außerdem mit Erlaubnis des damaligen Direktors des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums, Hofrat Dr. Karl Portele, Diplombroschen der Stadt Wien für das Museum zu erwerben. Der leidenschaftliche Sammler Portele war bald von der Vielfalt dieser bunten Abzeichen fasziniert und gab den Auftrag, eine Sammlung medizinischer Broschen und Berufsabzeichen im Narrenturm aufzubauen. Es dauerte nicht lange, und der Narrenturm besaß alle in Österreich aktuell gebräuchlichen Diplombroschen und dazu noch einen großen Teil der historischen Stücke.

Kurze Tradition

Broschen und Berufsabzeichen für diplomiertes und undiplomiertes Pflegepersonal werden noch nicht lange ausgegeben. Wann und wo Schwestern das erste Mal derartig dekoriert wurden, ist nicht geklärt. Die ältesten Broschen datieren, so Steiner, aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die erste interkonfessionelle Krankenpflegeschule in Österreich war jedenfalls die von Billroth 1882 im Wiener Rudolfinerhaus gegründete. Billroth erkannte, dass der Erfolg seiner chirurgischen Arbeit zu einem großen Teil von der Qualität der postoperativen Pflege abhing. Zudem wurden die Aufgaben des Pflegepersonals in der modernen Medizin immer anspruchsvoller. Die karitative Pflege, der unbezahlte „Liebesdienst“, der lange Zeit als Ideal gegolten hatte, genügte nicht mehr. Man benötigte gut ausgebildete Krankenschwestern, die medizinische Maßnahmen verstehen und auch unterstützen konnten. Aus dem 1904 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien etablierten Pflegerinneninstitut der „Blauen Schwestern“ entstand 1913 die erste Krankenpflegeschule im AKH. Erst 1914 verankerte eine Verordnung des Innenministeriums die Krankenpflege auch rechtlich als Beruf. Die Schwestern erhielten einen Lohn, „schlechter als eine Kuhmagd am Lande“, aber sie durften nach Abschluss der zweijährigen Ausbildung eine „Ehrendekoration“, die „Brosche“, tragen. Da es zur Verleihung solcher Dekorationen, die von den verschiedensten Betreibern von Krankenpflegeschulen – Stadt, Land, Spitäler, private Vereine – durchgeführt wurden, kaum Aufzeichnungen, Statuten oder Vorschriften gab, war es für die Kustoden oft reichlich mühsam, ältere Berufsabzeichen der Sammlung gesichert zu dokumentieren. Bei der Datierung und Identifizierung halfen ihnen neben der Recherche in Archiven und der Lektüre von Festschriften oft alte Fotografien von Krankenschwestern in ihrer Tracht – mit Brosche.

Die bildlichen und grafischen Darstellungen auf den Anstecknadeln variieren stark, lassen sich jedoch meist in einige Symbolgruppen einordnen. Häufige Motive sind Wappen und Embleme, Spitalsdarstellungen, der Kopf eines Stifters oder Heiligen sowie Säuglinge oder Kinder für Berufsabzeichen der Kinderkrankenpflege. Auch die klassische Öllampe, die an die Gründerin der modernen Krankenpflege Florence Nightingale – „The Lady with the Lamp“ – erinnern soll, und das so genannte Genferkreuz, das in vielen Variationen auf den Broschen auftaucht, sind beliebte und symbolträchtige Motive. Aus einem ganz harmlosen Geschenk begann so vor über einem Jahrzehnt für den Narrenturm ein völlig neues medizinhistorisches Sammelgebiet. Heute ist die umfangreiche Kollektion von Broschen und Berufsabzeichen im Narrenturm mit ihren über 600 zum Teil sehr seltenen Objekten einzigartig. Nicht nur wegen ihrer Vielfalt und Größe. Sie ist wahrscheinlich die einzige Sammlung dieser Art in einem medizinhistorischen Museum.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 38/2005

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