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5. Dezember 2005

Die Dame mit der Lampe (Narrenturm 26)

Sie war der „Engel der Verwundeten“ und die eigentliche geistige Urheberin des Roten Kreuzes. Florence Nightingale, die auch leidenschaftlich gegen soziale Missstände kämpfte, gilt als Wegbereiterin der modernen Krankenpflege.

1992 ersteigerte das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm ein wahres Prunkstück: die Florence-Nightingale-Medaille des Roten Kreuzes. Bereits 1907 war bei der VIII. Rotkreuzkonferenz in London die Verleihung einer internationalen Gedenkmedaille beschlossen worden. Frauen, die sich im besonderen Maße um die Krankenpflege verdient gemacht hatten, sollten damit ausgezeichnet werden. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte die geplante erstmalige Verleihung der „Florence-Nightin­gale-Medaille“ im Jahr 1914. Erst am 12. Mai 1920, dem 100. Geburtstag von Florence Nightingale (1820–1910), erhielten die ersten Krankenschwestern diese Auszeichnung. Die Statuten wurden im Lauf der Jahre mehrfach leicht geändert. Seit 1991 kann die Auszeichnung auch an Männer vergeben werden. Die Medaille wird alle zwei Jahre am 12. Mai, dem Geburtstag Nightingales, verliehen. Die Nightingale-Medaille ist die erste und damit älteste Auszeichnung einer internationalen Organisation. Bis 1999 erhielten insgesamt 17 Österreicherinnen dieses Abzeichen.
Nightingale gilt heute als Begründerin und Wegbereiterin der modernen Krankenpflege. Schon als junges Mädchen beschloss sie, ihr Leben den Armen und Kranken zu widmen, eine Entscheidung, die ihre Eltern ganz und gar nicht guthießen: Für ein wohlerzogenes Mädchen aus gutem Haus war das absolut keine passende Ausbildung, der Beruf hatte damals einen ausgesprochen üblen Ruf. Praktisch gegen den Willen der Eltern nahm sie an einem Krankenschwesternkurs beim evangelischen Pfarrer Theodor Fliedner in Kaiserswerth bei Düsseldorf teil und sammelte anschließend Erfahrungen bei den Barmherzigen Schwestern in Paris.
1853 übernahm Nightingale die Leitung eines Hospitals in London und überzeugte hier nicht nur durch ihr hervorragendes Organisationstalent. Als Grundübel für die elenden Zustände in Englands Spitälern sah sie den Mangel an geschultem Pflegepersonal.

Kampf gegen Missstände

Ihren Ruhm begründete Nightin­gale während des Krimkrieges (1854–1856). Nach einem aufsehenerregenden Artikel in der „Times“, in der auf die katastrophale Situation der britischen verwundeten Soldaten auf der Halbinsel hingewiesen wurde, wurde sie beauftragt, die Krankenpflege im britischen Heer zu organisieren. Mit 38 ausgebildeten Krankenschwestern traf sie im Oktober 1854 in der Türkei ein. Nach einem schier unglaublichen Kampf gegen alle nur möglichen Widrigkeiten – angefangen vom Widerstand der Militär-Ärzte über Probleme mit der Heeresbürokratie und der mangelnden Versorgung mit Lebensmitteln und Sanitätsmaterial bis zu Krankheiten wie Ruhr, Cholera und Typhus – gelang es Nightingale und ihren Helferinnen unter äußerstem Einsatz, das Los der verwundeten Soldaten dramatisch zu verbessern. So sank die Sterblichkeitsrate in den Lazaretten von 42 auf zwei Prozent. Ihren Beinamen „Lady with the lamp“ erhielt sie, weil sie unermüdlich, nachts mit einer Öllampe, durch die Krankensäle eilte, um Verwundeten zu helfen oder Sterbende zu trösten. Florence Nightingale wurde zur englischen Nationalheldin und in Europa eine Berühmtheit. Nach ihrer Rückkehr nach England 1856 wurde sie sogar von Königin Viktoria empfangen.

Ein achtenswerter Beruf

1860 eröffnete sie ihre Krankenpflegeschule im St. Thomas Krankenhaus in London – die erste Schule in England, in der Krankenschwestern unter ärztlicher Anleitung ausgebildet wurden, ein Modell, das zum Vorbild für die Krankenpflegeausbildung auf der ganzen Welt wurde. Nightingales größte Genugtuung war es aber, die Tätigkeit der Krankenschwester zu einem achtenswerten Beruf aufgewertet zu haben. Der Philantrop Henri Dunant, der am 22. August 1864 das Rote Kreuz gründete und damit das Los der Kriegsverletzten deutlich verbesserte, erklärte 1872: „Wohl bin ich der Gründer des Roten Kreuzes und der Schöpfer der Genfer Konvention. Aber die Ehre, die mir deswegen zuteil geworden ist, habe ich mit einer englischen Frau zu teilen. Was mich während des Krieges 1859 dazu brachte, nach Italien auf das Schlachtfeld von Solferino zu gehen und dort zu helfen, war das große Vorbild, das Florence Nightingale uns auf der Krim gegeben hatte.“ Die 1933 an die österreichische Fürsorgerin Hermine Wadoska für ihre pflegerischen Leistungen im Ersten Weltkrieg und bei der Tuberkulosefürsorge verliehene Medaille kann nach Voranmeldung im Ausstellungsbereich Pflegeberufe im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum besichtigt werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 39/2005

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