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5. Dezember 2005

Eine Seuche von biblischem Ausmaß (Narrenturm 27)

Jahrtausendelang verursachte die „sechste ägyptische Plage“ des alten Testaments mehr oder weniger ausgedehnte Epidemien in fast allen Gebieten der Erde. Heute kennen Ärzte die Krankheit nur mehr aus Büchern.

Gottergeben hielt man die Pocken für eine unvermeidliche Kinderkrankheit, bei der das Blut im Kindesalter einen „Prozess der Gärung“ zur Reinigung von überflüssigen schädlichen Substanzen durchlaufen müsse. Millionen Menschen starben an den Blattern, die Überlebenden waren durch die typischen Pockennarben oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt und viele erblindeten teilweise oder vollständig. Der Erreger der Pocken ist ein Virus aus der Gattung Orthopoxvirus, und hier unterscheidet man heute etwa 40 Arten. So verschieden wie die Erreger sind auch die Verlaufsformen der Krankheit. Von leichten Ausschlägen, wie sie etwa der Erreger der Kuhpocken verursacht, bis zu den fast immer tödlich verlaufenden „Schwarzen Blattern“ – einer Infektion mit der gefährlichsten Form, der so genannten Variola haemorrhagica – sind alle Formen möglich.
Die Übertragung erfolgt meistens über Tröpfcheninfektion beim Sprechen, Niesen oder Husten, zuweilen sogar auf stattliche Distanzen. So wurden Infektionen auf eine Entfernung von 20 Metern beobachtet. Aber auch durch die Wäsche oder die Kleidung von Pockenkranken oder das Einatmen von Staub, etwa beim Ausschütteln der Bettwäsche, kann die Krankheit übertragen werden. Ein unrühmliches Beispiel dafür ist die Kriegslist des Oberst Henry Bouquet bei der Eroberung Kanadas im Jahr 1763. Der britische Befehlshaber eines von Indianern belagerten Forts verschenkte als Zeichen seiner Wertschätzung Decken an zwei Häuptlinge. Eine schwere Epidemie mit vielen Toten bei den immunologisch völlig ungeschützten Indianern war die Folge, denn die Decken waren voller Pockenviren. Die stark durchseuchten Europäer dagegen waren weniger gefährdet.

Die europäische Leitseuche des 18. Jahrhunderts

Die Pocken gelten unter Seuchenhistorikern heute als europäische „Leitseuche“ des 18. Jahrhunderts: Jedes neunte Kind starb noch vor dem zehnten Lebensjahr an dieser Infektion. Oft wurden die Kinder erst dann zur Familie gezählt, wenn sie eine Pockeninfektion überstanden hatten. Die Blattern sind aber viel, viel älter. Eindeutige Zeichen einer Pockeninfektion finden sich bereits an der Mumie des Pharaos Ramses V., der um 1157 vor unserer Zeitrechnung starb. Auch indische Texte mit der Beschreibung der Pocken gehen möglicherweise auf Quellen aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus zurück. Die Chinesen dokumentierten die erste Pockenepidemien zwischen 1700 und 243 vor Christus. Wie gefährlich die Pocken vor allem für Kinder waren, belegt auch ein altes chinesisches Sprichwort, nach dem nur derjenige richtig geboren ist, der die Pocken überlebt hat. So furchtbar diese im wahrsten Sinn des Wortes „gemeingefährliche“ Seuche auch wütete, im Grunde war sie „demokratisch“. Keine Bevölkerungsschicht blieb verschont. Auch im österreichischen Kaiserhaus gab es einige tragische Fälle. Das wohl prominenteste Opfer war die Kaiserin Maria Theresia, die sich im Mai 1767 bei ihrer Schwiegertochter angesteckt hatte. Im Gegensatz zu anderen Familienmitgliedern überstand Maria Theresia die Infektion. Ihr Leibarzt Gerard van Swieten erhielt dafür das wahrhaft fürstliche Geschenk von 3.000 Dukaten – heute etwa 200.000 Euro entsprechend –, und Maria Theresia wurde zu einer Vorkämpferin der damals noch heftig umstrittenen Impfung gegen die Pocken. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Am 8. Mai 1980 erklärte die WHO die Welt für „pockenfrei“. Die konsequente Impfung der Bevölkerung, die auf Beschluss der Weltgesundheitsorganisation 1967 weltweit Pflicht wurde, war letztendlich für diesen Erfolg verantwortlich. Die Pocken sind das erste Beispiel für die Ausrottung einer Krankheit durch ein konsequentes Impfprogramm. Die Pockenimpfpflicht wurde daraufhin weltweit aufgehoben, die Laborbestände an Pockenviren wurden zerstört. Experten vermuten, dass sich manche Staaten aber einige Proben als Reserven für biologische Kampfstoffe zurückbehalten haben. Heute gibt es „offiziell“, das heißt mit Genehmigung der WHO, Pockenviren nur mehr in zwei Labors: im Forschungszentrum der amerikanischen Seuchenbehörde CDC (Center für Disease Control) in Atlanta, Georgia, und im russischen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie (Vector) in Koltosovo bei Novosibirsk. Praktisch alle Ärzte kennen die Pocken heute nur mehr von Fotos und aus Büchern. Wer allerdings realistisch die typischen Hautveränderungen der Variola vera – Papeln, Vesikel, Pusteln und dann Verkrustung – und ihre furchtbaren Entstellungen, vor allem im Gesicht, studieren will, der kann das bei einem Besuch im Narrenturm tun.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 40/2005

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