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5. Dezember 2005

Edward Jenner und die Kuhpocken (Narrenturm 28)

In der Geschichte der Medizin gibt es wohl kaum eine Entdeckung, die mehr Leben gerettet hat und insgesamt der Menschheit mehr nützte als die von einem englischen Wundarzt durchgeführte Kuhpocken-Schutzimpfung.

Die Versuche, die der Wundarzt Edward Jenner (1749-1843) am Ende des 18. Jahrhunderts in England an seinem eigenen kleinen Sohn und später dann an James Phipps, einem gesunden achtjährigen Knaben, durchführte, hätten heute nicht die geringste Chance, von einer Ethikkommission überhaupt begutachtet zu werden. Dem Einreicher einer solchen Versuchsanordnung würde wohl im günstigsten Fall ein psychiatrisches Gespräch angeraten werden. Wahrscheinlich aber würde ihm ein derartiges Ansinnen ein lebenslanges Berufsverbot als Arzt eintragen.

Notfallmaßnahme Impfung

Am 17. Dezember 1789 impfte Jenner seinen achtzehn Monate alten Sohn mit – für harmlos gehaltenen – Schweinepocken-Viren. Vier Wochen später überprüfte er die Wirkung seiner Impfung durch die „Inokulation“ von echten Pocken. Ganz so furchtbar, wie uns dieses Vorgehen heute vorkommt, war die Sache allerdings nicht. Jenner immunisierte seinen Sohn nicht in einem von langer Hand geplanten Menschenversuch, sondern eher als Notfallmaßnahme, da wieder einmal eine brandgefährliche Pockenepidemie im Anmarsch war. Die Inokulation von Pockenviren, die so genannte „Variolation“, war bereits lange vor Jenner weit verbreitet und als vorbeugende Maßnahme gegen die Blattern gebräuchlich. Bereits die Inder, Chinesen und Perser übertrugen operativ Eiter aus Pockenpusteln von nur leicht erkrankten Personen als Schutz vor einer späteren, womöglich tödlich verlaufenden Pocken­erkrankung. Über die Türkei kam diese Methode am Beginn des 18. Jahrhunderts nach Europa. In China steckte man Kindern auch Pockenschorf in die Nase.
Interessant ist auch die Impftechnik mit so genannten Impffäden. Man tränkte Fäden mit Pockeneiter, ließ sie trocknen und hielt sie in Apotheken vorrätig. Bei Bedarf wurde ein Stück Faden abgeschnitten und durch eine mit einem Zugpflaster erzeugte Hautblase am Arm gezogen. Obwohl alle diese aus der Volksmedizin stammenden Verfahren durchaus Wirkung zeigten und sich auch bewährten, waren sie naturgemäß nicht ungefährlich. Es bestand ein gewaltiges Risiko, nach der Impfung ernsthaft zu erkranken und zu sterben. Auch konnte durch die Impfung selbst durchaus eine Epidemie ausgelöst werden.
Bereits während seiner Ausbildung zum Wundarzt erfuhr Jenner von einer Kuhmagd, dass die Volksmedizin allgemein der Ansicht war, dass durchgemachte, harmlose Kuhpocken, eine Krankheit, die hauptsächlich Melker und Melkerinnen befiel, eine Erkrankung an den echten, gefährlichen Pocken verhindere. Jenner sah hier eine Chance, die Pockenimpfung gefahrloser zu machen und die Menschheit von einer Geißel zu befreien. Die Idee ließ ihn nicht mehr los. Im medizinischen Club soll er sie so oft zur Sprache gebracht haben, dass ihm bei nochmaliger Erwähnung der Ausschluss aus dem Verein angedroht wurde. Aber Jenner gab nicht auf.

Pockenviren von der Magd

Zwei Jahrzehnte beobachtete und überlegte er. Nach der erfolgreichen Impfung seines Sohnes mit Schweinepocken übertrug er schließlich am 14. Mai 1796 das erste Mal Kuhpockenviren direkt von einem Menschen auf einen anderen. Von der an Kuhpocken erkrankten Magd Sarah Nelmes übertrug er aus einer Pustel an ihrer Hand die Erreger auf einen gesunden achtjährigen Knaben. Prompt erkrankte der Junge. „Um mir Gewissheit zu verschaffen, ob dieser in so milder Form infizierte Knabe gegen Pocken immun wäre, unterzog ich ihn am 1. Juli der Impfung mit der aus einer Pustel entnommenen Blatternmaterie. Zu einem Ausbruch der Blattern kam es nicht“, schrieb Jenner 1798 in seinem Buch „Untersuchungen über die Ursachen und Wirkungen der Kuhpocken“. Schon ein Jahr später erschien das Werk in lateinischer Übersetzung in Wien. Im selben Jahr führte Jean de Carro (1770-1857), unterstützt von Johann Peter Frank (1745-1821), dem ersten Direktor des Allgemeinen Krankenhauses, in Wien die ersten Kuhpocken-Schutzimpfungen auf dem Kontinent durch. Bald darauf begann man in ganz Europa mit „Vakzinationen“, in einigen Ländern bereits als Zwangsimpfung. Obwohl Jenner weder die eigentliche Ursache der Pocken noch die immunisierende Wirkung seiner „Vakzination“ (der Name ist abgeleitet von vacca, die Kuh) kannte, so waren seine systematischen Beobachtungen und Untersuchungen doch Anregung und Vorbild für viele folgende Arbeiten. In der Geschichte der Medizin gibt es wohl kaum eine Entdeckung, die mehr Menschenleben gerettet hat und insgesamt der Menschheit mehr nützte als Jenners Kuhpocken-Schutzimpfung. Dass die WHO am 8. Mai 1980 die weltweite Ausrottung der Pocken verkünden konnte, ist sicherlich auch ein Verdienst dieser, uns heute als haarsträubend erscheinenden Versuche Edward Jenners.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 41/2005

  • Herr Henrik Hoffmann, 19.02.2013 um 11:09:

    „Sie haben vergessen zu erwähnen, dass:

    1. Sein bis dahin gesunder zehn Monate alter Sohn, mit einer Gehirnerkrankung reagierte und bis zu seinem frühen Tod geistig schwerstbehindert war.

    2. der fünfjährigen John Baker, wenige Tage nach der Impfung starb.

    3. Jenner wurde noch zu Lebzeiten Zeuge großer Pockenepidemien,
    denen auch viele Menschen zum Opfer fielen, die er geimpft hatte.

    Aber das nur zur Vollständigkeit.“

  • Herr Mario Grunert, 09.11.2013 um 02:37:

    „Sehr geehrter Herr Henrik Hoffmann,

    können Sie für diese sich viruelent verbreitente Behauptung eine glaubwürdige (zeitgenössische schriftliche Quelle, mit C14 Methode datiert und neutral) Quelle nennen ?

    Oder schreiben Sie das auch nur von fragwürdigen Quellen ab.

    Was würde ihre Behauptung eigentlich ändern - Millionen Leute überlebten die Impfungen später, ich selbst trage noch die Narbe und wurde staatlich organisiert durchgeimpft.“

  • Herr Andreas Blesch, 11.09.2014 um 16:38:

    „Grüß Gott,
    sie stellen die Behauptungen von Hr. Henrik Hofmann in Frage.
    Dies, und auch noch die Tatsache, das eine Frau im 8 Schwangerschaftsmonat von Dr. Jenner geimpft wurde und sie nach einigen Wochen ein totes Kind gebar, welches mit pockenähnlichen Blasen bedeckt war, können sie im Buch von Dr. med Gerhard Buchwald nachlesen.
    Titel: Impfen - Das Geschäft mit der Angst
    Ich würde mal behaupten, dass es keinen Mediziner gibt, der sich so intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat, wie Dr. Buchwald. Er recherchierte über Jahrzehnte und kam zu der Feststellung, das Impfungen mehr Schaden als nützen.
    Es gibt diesbezüglich ( Impfkritik) mittlerweile viel und gute Literatur. Die sollten sie lesen und wenn sie dann immer noch davon überzeugt sind, dann impfen sie.
    Ich bin übrigens auch ein Impfschadensfall.“

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