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5. Dezember 2005

Meerjungfrauen und Schattenfüßler (Narrenturm 29)

In bildnerischen Kunstwerken und Dichtungen fast aller Kulturen und Völker begegnen uns immer wieder Götter, Dämonen und Fabelgestalten, die ihren Ursprung wohl in der Beobachtung angeborener menschlicher Fehlbildungen haben.

Sicher ist, dass die Künstler solche Missbildungen entweder selbst gesehen oder zumindest von ihnen gehört hatten. So tummeln sich in der griechischen und römischen Mythologie zahlreiche furchterregende Mischwesen, wie etwa die grausamen Zyklopen und die dämonischen Sirenen, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit den gleichnamigen schweren Fehlbildungen von Menschen haben.

Fast nie lebensfähig

Die Sirenenbildung, auch Symmelie, Sympodie oder Meerjungfrauensyndrom genannt, manifestiert sich mit unterschiedlich ausgeprägter Verschmelzung der unteren Extremitäten. Meist ist sie kombiniert mit einer Polyphänie der unteren Wirbelsäule, des Beckens, des Gastrointestinaltraktes und des Urogenitaltraktes. Menschen mit dieser überaus komplexen Missbildung, die oft auch Lunge, Herz und Zentralnervensystem betrifft, sind fast nie lebensfähig. Die Pathogenese dieser ungemein seltenen Entwicklungsstörung (eine auf 70.000 bis 100.000 Geburten) ist noch immer nicht vollständig geklärt. Da die Füße, falls überhaupt angelegt, häufig an den Fersen zusammengewachsen und nach außen gedreht sind, erinnern sie an die Schwanzflossen eines Fisches und entsprechen damit dem legendären Bild einer Meerjungfrau, diesem Mischwesen aus Mensch und Fisch. Die griechische Mythologie bevölkerten neben diesen fischschwänzigen Formen, den in der Odyssee beschriebenen Najaden, auch Harpyien: Mädchen mit Vogelflügeln. Hier scheint allerdings die künstlerische Phantasie zuweilen mit den Dichtern und Zeichnern etwas durchgegangen zu sein. Je grotesker solche Fehlbildungen waren, umso mehr Autoren griffen die Motive auf, publizierten sie und machten sie so zum Mythos. Im antiken Volksglauben betörten die Sirenen, diese blutrünstigen, aber sangeskundigen Totenseelen, die vorbeifahrenden Fischer, die dann mit ihren Schiffen an den Klippen zerschellten. Das Ufer der Insel, auf der die Sirenen hausten und mit ihren lieblichen Gesängen die Seeleute lockten, soll mit den Knochen ihrer Opfer übersät gewesen sein.

Fuß als Sonnenschirm

In Libyen wiederum soll ein sagenumwobenes Volk gelebt haben, die Skiapoden, Monoskelen, Einfüßler oder „Schattenfüßler“: Wesen mit nur einem Bein, das in einem sehr großen Fuß endete. Mit diesem Springbein konnten sie sich sehr schnell fortbewegen. Bei großer Hitze legten sie sich auf den Rücken und benutzten den Riesenfuß als Sonnenschirm. Gut vorstellbar, dass der Anblick einer Sirenenmissbildung mit nur einem, extrem stark abgewinkelten Fuß, einem so genannten Sympus monopus, die Dichter zur Geschichte von den Skiapoden anregte. Der französische Militärchirurg Ambroise Paré (1517–1590) veröffentlichte 1573 eine wissenschaftliche Zusammenstellung über Monster und menschliche Fehlbildungen. Neben durchaus naturalistischen Zeichnungen präsentierte der berühmte und anerkannte Gelehrte aber auch phantastische Fabelgestalten wie Vogelmenschen, Hundemenschen und Schattenfüßler. Wie viele seiner Zeitgenossen hielt er diese Wesen für existent. Verwunderlich ist das nicht. Auch für Martin Luther war ja der Teufel ein Wesen aus Fleisch und Blut. Fischschwänzige Wasserfrauen, die mit menschlichen Partnern Kinder zeugten, waren auch für Paracelsus eine Tatsache: „Etliche gibt es, die singen können, etliche pfeifen auf Röhren, etliche so und so“, fabulierte Paracelsus in seiner Schrift über die „Nymphen“.
Die Sirenomelie, das Meerjungfrauensyndrom, ist extrem selten. Praktisch alle Kinder, die damit auf die Welt kommen, versterben innerhalb einer Woche, nur leichtere Fälle haben eine Chance. Derzeit sind weltweit nur zwei Fälle bekannt, die erfolgreich operiert wurden und noch am Leben sind. Die erste Patientin war die heute 16-jährige Amerikanerin Tiffany Yorks, deren Beine im Babyalter getrennt wurden. Die jetzt dreizehn Monate alte Milagros Cerron wurde Juni 2005 in Lima vom peruanischen Ärzteteam um Luis Rubio erfolgreich operiert. Die kleine Milagros wird in den nächsten Jahren aber noch mehrere chirurgische Eingriffe benötigen. Ihre Nieren sind unzureichend entwickelt und es bestehen weitere Fehlbildungen im Bereich des Darmes und des Urogenitaltraktes.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 42/2005

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