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5. Dezember 2005

Von der Kräuterkammer zur Apotheke (Narrenturm 30)

Das Horn des sagenhaften Einhorns, von der Decke hängende, ausgestopfte exo­tische Tiere, getrocknete Kräuter und andere geheimnisvolle Zutaten erinnern im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum noch heute daran, dass in den frühen Apotheken die Alchemie eine große Rolle spielte.

In der kleinen Ausstellung über die Geschichte des Apothekerwesens im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm in Wien finden sich neben Mörsern und Waagen, den Ur-Gerätschaften und ständigen Begleitern der Apothekerzunft, auch eine Wagenapotheke mit Originaltapezierung aus dem Jahr 1539 und eine wertvolle Reiseapotheke aus dem 18. Jahrhundert. Größere oder kleinere, oft gefinkelt konstruierte, zusammenklappbare Reiseapotheken mit kleinsten Instrumenten gehörten seit dem Mittelalter zum Gepäck jedes wohlhabenden Reisenden, der im Notfall gegen fast alle Eventualitäten gerüstet sein wollte. Ein chinesischer Apothekenschrank, Salbenbehälter, so genannte Cirkulare, Schriftstücke, in denen man Verordnungen über die Berufsausübung veröffentlichte und Gebühren regelte, geben einen kleinen Überblick über die Entwicklung des Apothekenwesens. Die prächtige, original wieder aufgebaute kleine Apotheke aus dem Biedermeier war von 1820 bis 1960 in Österreich in Verwendung und war einst als Hausapotheke an eine Landarztpraxis angeschlossen.
Die großen Ärzte des Altertums, etwa Hippokrates und Galen, waren noch gleichzeitig Ärzte und Hersteller von Heilmitteln. Teile dieses Wissens bewahrten später vor allem Priester und heilkundige Mönche. Um Rohmaterial für ihre Tees, Salben und alkoholischen Auszüge zur Verfügung zu haben, legten bereits im 9. Jahrhundert Mönche in einigen Klöstern Kräu­tergärten an. Die Räume, in denen die Mönche die Heilkräuter verarbeiteten und lagerten, nannten sie lateinisch „apotheca“, die Kräuterkammer.
Neben den heilkundigen Mönchen in Europa sind es in der arabischen Welt vor allem die Kräuter- und Gewürzhändler, die heute als Vorläufer der Apotheker gelten. Die erste urkundlich erwähnte Apotheke gab es bereits um 700 n. Chr. in Bagdad. Auch im europäischen Raum waren die ersten Apotheker zunächst Kaufleute, die mit Drogen, Heilkräutern und Gewürzen Handel trieben. Die Gründung eines selbstständigen Apothekerstandes mit Eid auf die Apothekerordnung und die strenge Trennung des Apothekerberufes von dem des Arztes erfolgte erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Apotheker, die ursprünglich von Stadt zu Stadt zogen und ihre Waren an mobilen Verkaufsständen am Marktplatz anboten, wurden sesshaft und eröffneten ihre Apotheken an zentralen Plätzen der aufstrebenden jungen Städte. Aus den fliegenden Händlern wurden angesehene und wohlhabende Bürger und aus den Läden für Drogen und Heilkräuter Werkstätten, in denen die Apotheker Arzneimittel nach Angaben des Arztes herstellten. Die Offizine, die Werkstätten der Apotheker, in welche die Kunden damals zwar keinen Zutritt hatten, aber hineinsehen konnten, waren häufig sehr aufwändig, ein wenig mystisch und geheimnisvoll gestaltet. Wahrscheinlich wollten die Apotheker bei ihren Kunden Eindruck schinden.
Für den Laien geheimnisvoll beschriftete Spanschachteln, farbenprächtige kostbare Gefäße aus Porzellan und aufwändig bemalte Gläser und Dosen zierten die oft aus wertvollen Hölzern gefertigte Einrichtung. Auf dem Rezepturtisch, auf dem die Arzneien mehr oder weniger streng nach Rezept hergestellt wurden, dominierten natürlich prächtige Waagen und Mörser. Das Horn des sagenhaften Einhorns, in Wirklichkeit Narwalzähne, von der Decke hängende, ausgestopfte exotische Tiere, duftende Kräuter und andere geheimnisvolle Zutaten erinnern heute noch daran, dass für die Ausstattung der Offizine und die chemischen Techniken des Apothekers zumindest zu Beginn die Alchemie eine große Rolle spielte.
Nach und nach wurde die Offizin zum Verkaufsraum und die Herstellung der Arzneimittel verlagerte sich ins Labor. Die Zahl der Arzneimittel nahm rasch zu. Reisende brachten zahlreiche neue und bisher unbekannte Pflanzen und Heilkräuter nach Europa und daneben fanden auch zunehmend chemische Substanzen in der Heilkunde Verwendung. In den Labors der Apotheken wurde oft wild probiert, getestet und experimentiert, zunehmend aber auch wissenschaftlich exakt geforscht. Aus der Alchemie entwickelte sich die pharmazeutische Chemie und aus manch einfachem Apothekenlabor entstand ein pharmazeutischer Großbetrieb.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 43/2005

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