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5. Dezember 2005

Innenansichten als Jahrmarktsensation (Narrenturm 31)

Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Fund des Physikers Wilhelm Conrad Röntgen war eine Jahrhundertsensation. Mit Hilfe der extrem kurzwelligen, energiereichen Strahlen konnte man erstmals ins Innere des Körpers schauen.

Unter der Musealnummer 16.310 besitzt das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm ein recht kurioses Objekt aus dem Jahr 1911: Die Moulage einer Verbrennung durch Röntgenstrahlen. Nicht dass Strahlenschäden in dieser Anfangsphase der Radiologie eine Seltenheit gewesen wären – über die gefährlichen Nebenwirkungen der Röntgenstrahlen wusste man damals noch sehr wenig. Aber die Schäden, die ein Schausteller davongetragen hatte, weil er sich als Jahrmarktsattraktion in einem verdunkelten Zelt mit Röntgenstrahlen durchleuchten ließ und sein schlagendes Herz und seine Knochen dem Publikum gewerbsmäßig vorführte, waren vermutlich auch damals schon eine medizinische Kuriosität.

Sensationeller Fund

Am 8. November 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen beim Experimentieren bisher völlig unbekannte Strahlen. Diese „neuen Strahlen“ hatten eine sensationelle Eigenschaft: Sie konnten feste Gegenstände durchdringen. Röntgen kam diese Entdeckung zunächst so phantastisch vor, dass er niemandem davon erzählte, um nicht für verrückt gehalten zu werden. Erst als es ihm gelang, damit Fotoplatten zu schwärzen, informierte er einige befreundete Physiker. So auch Franz Exner, den Ordinarius für Physik in Wien. Seinem Brief fügte Röntgen erste Bilder bei. Unter Exners Bekannten befand sich auch ein Redakteur der Tageszeitung „Die Presse“. Durch eine kleine Indiskretion erfuhr der Journalist bei einem Abendessen bei Exner von dieser Entdeckung – und ließ sich die Sensation nicht entgehen. Am 5. Januar 1896, noch bevor Röntgen seinen Glücksfund offiziell bekannt gab, berichtete die „Presse“ von dieser „sensationellen Entdeckung“.
Von Wien aus verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer um die Welt. Bereits am 14. Jänner 1896 fand in Wien die erste medizinisch indizierte diagnostische Anwendung statt. Röntgen machte die Entdeckung seiner „X“-Strahlen erst am 23. Jänner 1896 publik. In dieser ersten Phase überwog das Staunen und die Faszination über die neue Technologie. Über die Risken dieser extrem kurzwelligen energiereichen elektromagnetischen Strahlen wusste man zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Aber bereits einige Monate später tauchten erste Berichte über lokalen Haarausfall, Rötungen der Haut und Dermatitis nach Röntgenaufnahmen auf. Nicht unbedingt verwunderlich bei Belichtungszeiten von über einer Stunde für eine Aufnahme. Bald erkannte man zwar, dass die schädigende Wirkung auf die Haut mit der Menge der verabreichten Strahlung zusammenhing, und konstruierte einfache Geräte zur Messung der Strahlenmenge, mit denen man zumindest die Schäden an den Patienten deutlich verringern konnte. Sich selbst zu schützen, an Strahlenschutz, dachten die Röntgenpioniere aber damals noch nicht.
Viele dieser Ärzte, die sich der neuen faszinierenden Diagnostik und Therapie verschrieben hatten und Wien zu einer Geburtsstätte der modernen Radiologie machten, bezahlten ihr Engagement mit ihrer Gesundheit, manche sogar mit ihrem Leben. Die Liste der Röntgen- und Radium­opfer aller Nationen auf einem 1936 eingeweihten Gedenkstein neben dem Röntgeninstitut im St.-Georg-Krankenhaus Hamburg ist lang.

Kommerzielle Nutzung

Ab Mitte 1896 wurde die neue Technologie nicht nur medizinisch, sondern auch kommerziell, künstlerisch und sogar als Jahrmarktsattraktion genutzt. Zu Beginn waren es vorwiegend Photographen, die die neue Technik erlernten und kommerziell nutzten – eine der ersten Röntgenanlagen in Wien betrieb die k. u. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Im Februar 1896 veröffentlichte dieses Institut bereits einen prachtvollen Atlas mit Röntgenbildern von Tieren, die auch heute noch, sowohl aus technischer als auch aus ästhetischer Sicht, höchsten Ansprüchen genügt. Auch so genannte „Portraits aus dem Inneren“ kamen groß in Mode. Nach und nach erkannte man aber, dass die Strahlen durchaus nicht harmlos waren. 1904 veröffentlichte William H. Rollins, ein Zahnarzt in Boston, ein kleines Buch über Strahlenfolgen und den Schutz davor. Doch der Pionier des Strahleschutzes fand damals noch keine Beachtung.
Dass es möglich war, in den Körper zu schauen, machte Röntgens Entdeckung zu einer Jahrhundertsensation. Der Physiker wurde zum Star, Straßen und Schulen wurden nach ihm benannt. Das Durchleuchten und das Betrachten der eigenen Knochen war populär und wurde sogar Belustigung und Unterhaltung bei gesellschaftlichen Veranstaltungen. All das aber ohne den geringsten Schutz. Kaum vorstellbar scheint es heute, dass es noch bis in die 1960er Jahre auch in Österreichs Schuhgeschäften – vor allem beim Schuhkauf für Kinder, die sich noch nicht selbst artikulieren konnten – üblich war, mit kleinen Röntgenschaukästen zu überprüfen, ob die Schuhe passten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 44/2005

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