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5. Dezember 2005

Bizarre Fundstücke der Mediziner (Narrenturm 32)

Glasperlen und Muschelschalen, Holzstückchen und Hühnerknochen: Viele Chirurgen, Laryngologen und Endoskopiker aller Fachrichtungen besitzen kleine private Sammlungen von oft recht kuriosen Gegenständen, die sie mehr oder weniger tief verborgen in ihren Patienten entdeckt haben.

Natürlich hat auch das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm neben zahlreichen Operations- und Obduktionspräparaten mit verschiedenartigsten Fremdkörpern eine Sammlung von Objekten, „die von außen in den Organismus eingedrungen sind oder künstlich eingebracht wurden, keinem therapeutischen Zweck dienen“ und erfolgreich entfernt werden konnten. Eine Sonderstellung in dieser Sammlung nimmt die Pultvitrine mit 42 Präparaten aus der Klinik Schrötter ein, der ersten Klinik für Laryngologie in Wien und ersten Lehrkanzel für dieses Spezialfach weltweit überhaupt.

Handwerklich geschickt

Die 1870 gegründete Klinik bestand zwar nur aus zwei Krankenzimmern im alten Allgemeinen Krankenhaus in Wien, war aber bald weltberühmt und bildete Ärzte aus der ganzen Welt aus. Begründer der Klinik und des Spezialfaches Laryngologie war der handwerklich unglaublich geschickte Leopold Schrötter Ritter von Kristelli (1837–1908).
Sein Studium begann Schrötter in einer Phase, als die Wiener Medizin mit dem Pathologen Carl Freiherr von Rokitansky, dem Chirurgen Franz Schuh, dem Dermatologen Ferdinand Ritter von He­bra und dem Internisten Josef Skoda gerade Weltruhm erlangte. Nach Abschluss seines Studiums 1861 begann Schrötter seine Karriere als Operationszögling bei Schuh und danach als Assistent bei Skoda. Diese beiden klinischen Lehrer waren es auch, die Schrötters weitere Laufbahn entscheidend beeinflussten. Bei Schuh eignete er sich die chirurgische Technik für seine später viel bewunderten, handwerklich perfekten Operationen in der Laryngologie an, und bei Skoda erlernte er vom Meister selbst die physikalische Krankenuntersuchung.
Fasziniert vom Kehlkopfspiegel, den Ludwig Türk 1858 erfunden hatte, bildete er sich selbst in der „Spiegelkunst“ aus und wurde als Autodidakt zum Laryngologen. Über „Krankheiten der Brustorgane und des Kehlkopfes“ habilitierte er 1867. Mit seinen Erfolgen in der Laryngologie, dieser Disziplin zwischen Chirurgie und innerer Medizin, erregte er bald allgemein große Beachtung. Dadurch gelang es Schrötter auch, die Fakultät von der Notwendigkeit einer eigenen Klinik und Lehrkanzel zu überzeugen.
Larynxstenosen, die nach Pocken oder im Rahmen der Syphilis häufig auftraten, waren damals ein nur unbefriedigend gelöstes medizinisches Problem. Internistische Therapie gab es praktisch keine, und auch die Chirurgen konnten die Strikturen des Kehlkopfes nicht beseitigen und mussten die Patienten für ihr weiteres Leben mit einer Trachealkanüle versorgen. Schrötter entwickelte für diese Patienten die unblutige „progressive Dilatationsbehandlung“ mit Zinnbolzen und Hartgummiröhren. Die sensationellen Erfolge dieser Behandlung machten Schrötter international bekannt und berühmt.
Mit seiner Perfektion beim Spiegeln des Kehlkopfes revolutionierte er auch die Diagnostik des Kehlkopfkrebses. Das war auch der Grund, dass man ihn 1887 zu einem Konsilium an das Krankenbett des deutschen Kronprinzen, dem späteren Kaiser Friedrich III., rief. Schrötter diagnostizierte damals im Gegensatz zu anderen hochrangigen Autoritäten auf den ersten Blick die Bösartigkeit der Erkrankung.
Die Klinik Schrötter wurde von Patienten und Ärzten aus der ganzen Welt förmlich gestürmt. Seine laryngoskopischen Kurse lockten Studenten und Ärzte aus der ganzen Welt nach Wien. Sein Sohn Hermann Schrötter (1870–1928), der als Assistent an Vaters Klinik tätig war, machte sich als Pionier der Bronchoskopie einen Namen. In der Vitrine aus der Klinik Schrötter im Narrenturm finden sich verschiedenste Fremdkörper aus dem Kehlkopf, der Luftröhre und den Bronchien, die in den Jahren 1867 bis 1908 laryngoskopisch, operativ oder bronchoskopisch entfernt wurden. Die Präparate sind zumeist die entfernten Fremdkörper selbst – alle fein säuberlich handschriftlich etikettiert und gelegentlich auch mit einer erklärenden Zeichnung über die Lage des Objekts im Körper versehen. Neben Fichtenholzstückchen, die sechs Wochen lang bei einem 12-jährigen Mädchen im hinteren Anteil der Glottis eingekeilt waren und mittels Larynxpinzette und Kokainanästhesie entfernt wurden, finden sich hier Hühnerknochen, Fischgräten, Meermuscheln, Zweihellerstücke, Nadeln, Glasperlen, Teile von Trachealkanülen und Bleiplomben, die alle mit oder ohne Lokalanästhesie in verschiedenen Techniken, viele von Schrötter selbst, erfolgreich entfernt werden konnten.
Auf den Etiketten ist neben der eingesetzten Technik, dem Operateur und dem Datum des Eingriffes zum Teil auch der Heilungsverlauf penibel dokumentiert.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 45/2005

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