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5. Dezember 2005

„Verachtet mir die Bader nicht!“ (Narrenturm 33)

„Nur kan Bader in die Händ´ falln!“, dieser Stoßseufzer eines mehr oder weniger Kranken mag heute in gewissem Sinn durchaus noch Gültigkeit haben. Lange Zeit war aber der Bader, der Barbier oder der Wundarzt der Einzige, an den sich ein kranker „normal Sterblicher“ wenden konnte.

Die Bader-Kraxe aus dem Jahr 1850 erinnert im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm an eine Berufsgruppe, die vom Mittelalter bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts den Großteil der medizinischen Versorgung gewährleistete: die Bader, Barbiere, Hebammen, die kräuterkundigen „weisen Frauen“, die Wundärzte und andere wandernde Heilkundige.

Studierte und nicht studierte Heilkundige

Die auf den Universitäten ausgebildeten Medici hielten diese nicht akademischen Mediziner, die sich wegen der großen Konkurrenz noch dazu oft reißerisch präsentieren mussten, nicht für ebenbürtig. Ein chirurgisches Instrument in die Hand zu nehmen war weit unter ihrer akademischen Würde. Die Kraxe im Museum erinnert aber auch an Scharlatane, Quacksalber und Marktschreier, die vorgaben, mit Zaubersprüchen und magischen Beschwörungen Krankheiten vertreiben zu können.
Jahrhunderte lang war für die meisten Menschen der studierte Arzt, der „Medicus“, in unerreichbarer Ferne. Einem Großteil der Bevölkerung war es schon aus finanziellen Gründen nicht möglich, seine Hilfe zu beanspruchen. Die studierten „Buchärzte“ waren zudem praktisch nur in den großen Städten verfügbar. Außer für die „inneren Erkrankungen“, gegen die die akademisch ausgebildeten Ärzte zu dieser Zeit mit ihren Arzneien und Kuren meist auch nicht viel ausrichten konnten, waren die handwerklichen Chirurgen für fast alle anderen Leiden und Verwundungen zuständig: Krankheiten, die heute in die Fachgebiete Augenheilkunde, Chirurgie, Urologie, Orthopädie, Dermatologie, Zahnheilkunde, Hals-, Nasen-, und Ohrenheilkunde und sogar Gerichtsmedizin fallen würden. In manchen Ländern Europas war die soziale Stellung der Bader schlecht. Sie gehörten wie die Henker, Gaukler und Tänzer zu den „unehrlichen“ Leuten, die sich in keiner Zunft organisieren durften. Nicht so in Italien oder Österreich. Hier waren Bader und Barbiere durchaus geschätzte Bürger. In Wien lässt sich die Zunft der Bader bis an den Beginn des 15. Jahrhunderts zurückverfolgen.
Die Ausbildung, das heißt die Lehre bei einem Meister, dauerte drei Jahre. Danach war eine dreijährige Wanderschaft und Ausübung des Gewerbes bei anderen Meistern gefordert. Erst nach Ablegung einer recht kostspieligen Meisterprüfung und eines Examens an der Wiener Medizinischen Fakultät war dem Bader dann die selbständige Berufsausübung erlaubt. Etwas später spalteten sich vom Gremium der Bader und Wundärzte die sich als etwas Besseres dünkende Zunft der Barbiere und Chirurgen ab. Um die permanenten Streitigkeiten zu beenden, vereinigte Kaiserin Maria Theresia in einem Nachtrag zum „Sanitätsnormativ“ 1773 beide Zünfte zu einem Gremium der Chirurgen und Wundärzte mit einheitlicher, zusätzlich auch theoretischer universitärer Ausbildung.
Festgelegt wurde auch beider Berufsbild. Dem Wundarzt war „die innerliche Praxis“ verboten, wo ein befugter „Mediker zugegen ist“, umgekehrt durften die „Mediker“ keine den Chirurgen „zugehörige Kuren, Aderlasse oder andere Operazionen, außer in einem Notfalle unternehmen“. Die Wundärzte befassten sich vorwiegend mit Schröpfen, dem Setzen von Blutegeln, dem Aufschneiden von Abszessen, dem Versorgen von Verstauchungen, Verrenkungen und Brüchen, dem Verbinden von Wunden, dem Zähneziehen und dem Allheilmittel Aderlass. Gelegentlich führten sie auch geburtshilfliche Eingriffe durch.
Es wurde auch versucht, den Berufsstand aufzuwerten und mit Verboten zu schützen: „Sind auf einmal und für allezeit alle Marktschreier, Quacksalber, Afterärzte, herumschweifende Operateurs und Zahnbrecher, Theriak- und Arzneikrämer ec. in allen unseren kais. kön. Erblanden abzuschaffen“. Ganz so einfach war die Konkurrenz aber nicht abzustellen. Neben den wirklichen Quacksalbern und „Leutbescheißern“ gab es auch durchaus gut ausgebildete Bader und Barbiere, die ihr Gewerbe außerhalb der Zünfte, in die sie wegen begrenzter Mitgliederzahl oder den hohen Kosten nicht eintreten konnten, betrieben. Auf dem Land sicherten diese wandernden Heilkünstler oft die einzige, meist wahrscheinlich gar nicht die schlechteste medizinische Versorgung von Mensch und Vieh.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 46/2005

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