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30. November 2005

Jugendalter: Zeit der Widersprüche

Mit Eintritt in die Schule werden nicht nur steigende Ansprüche an den Intellekt der Kinder, sondern auch an die Entwicklung von Persönlichkeit, Selbstwert und Integrationsfähigkeit gestellt. Eltern und Lehrern kommt ein ganz wesentlicher Stellenwert in der Unterstützung von jungen Menschen in diesen prägenden Lebensphasen zu. Durch das in den letzten Jahren wachsende Problem der Suchtgefährdung von Kindern und Jugendlichen sind auch ÄrztInnen zunehmend als Ansprechpartner gefordert.

„Kinder freuen sich im Allgemeinen auf die Schule“, so Prof. Dr. Christian Popow, Wiener Univ.-Klinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters auf der 34. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) in St. Pölten: „Endlich sind sie keine ‚kleinen Kinder’ mehr, lernen lesen, schreiben und rechnen. Die Mühen des Alltags, Selbstwert- und Integrationsprobleme können freilich dazu führen, dass sich das positive Bild der Schule verändert.“

Entwicklungsaufgaben fordern Kinder im Schulalter

Generell sind Kinder im Schulalter mit zahlreichen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Dazu zählen die Verbesserung ihrer körperlichen Fähigkeiten, der Aufbau von Beziehungen zu Lehrern und Mitschülern, das Finden von Akzeptanz innerhalb ihrer Peer Group, das Erlernen logischer und arithmetischer Operationen, die Internalisierung von Zielen und Werten und die Entwicklung von Selbstkonzepten. Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen sind dabei Geborgenheit, Selbstwertgefühl, ein stimulierendes Umfeld, Neugier, Eigenaktivität, Selbstbestimmung und ein entsprechender Entwicklungsstand. „Ein unterstützender und wertschätzender Erziehungsstil wirkt sich positiv auf Selbstwertgefühl und Eigeninitiative aus“, betonte Popow. Zur Prävention von Krisen im Schulalter bzw. zu einem guten Krisenmanagement tragen folgende Faktoren bei:

• eine stabile Eltern–Kind–Beziehung
• Zeit und Verständnis der Eltern
• eine realistische Einschätzung der Schwächen des Kindes
• realistische Ziele (was soll es unbedingt können, was nicht)
• das Betonen der Stärken des Kindes
• individuelles Anpassen der Anforderungen, Ersparen überflüssiger negativer Erfahrungen
• Hin-, nicht Wegschauen bei Problemen
• Kooperation mit der Schule, aber nicht um jeden Preis
• kompetente Partner für Beratung, Diagnostik und Therapie

Zu bedenken sei auch, dass der Entwicklungsstand von Kindern mit einem großen Streubereich normal verteilt ist. Wichtig sei weiters, mögliche Interaktions-, Integrations-, Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsprobleme frühzeitig zu erkennen.

Sprunghaftigkeit auch als Zeichen für Kreativität werten

Zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter zählt die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), die vor allem bei Leistungs- und Integrationsproblemen einer Behandlung bedarf. „Dabei sollten etwa die Ablenkbarkeit und Sprunghaftigkeit auch positiv als Zeichen für Kreativität gesehen werden“, sagte Popow. Die Behandlung ist multimodal und beinhaltet problem­orientiert Teilleistungstraining, Ergotherapie, Verhaltenstherapie und auch Medikamente.

Aggressives Verhalten als Appell oder Ausdruck von Angst

Aggressives Verhalten mit seinen zahlreichen Ausdrucksformen kann u.a. die Funktion eines Appells haben oder durch Angst motiviert sein. Die Genese von aggressiv-dissozialen Verhaltensstörungen ist multifaktoriell (biopsychosoziales Modell). „Bei der Schulangst unterscheidet man die Angst vor der Schule, die Angst vor der morgendlichen Trennung vom Elternhaus und das Schuleschwänzen auf Grund von Unlust“, erläuterte Popow. Schulangst hat eine hohe Komorbidität (Angst, Depressionen). Die Behandlung erfolgt vorzugsweise mittels Verhaltenstherapie.

Wichtige Rolle der Schulärzte

Um zu Krisenprävention und auch -management beitragen zu können, sollte sich die Schule vor allem als Serviceinstitution verstehen. Popow: „Wichtig sind fürsorgliches und verständnisvolles Eingehen auf das Kind, Humor und Realismus, Beachten der Erkenntnisse der Lerntheorie, frühzeitiges Erkennen von Problemen sowie kompetente Hilfe und Beratung. Dabei spielen auch Schulärzte eine wichtige Rolle.“ Mit dem Jugendalter – einer Zeit der Widersprüche und Stimmungswechsel – beschäftigte sich Prof. OA Dr. Peter Scheer, Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung für Allgemeinpädiatrie der Grazer Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde. „Die intensiven Emotionen der Jugendlichen sollten dabei nicht relativiert werden, es sollte höchstens versucht werden, beim Relativieren zu helfen“, so der Experte. Jugendliche zu verstehen, bedeute, um das Hauptmerkmal der Pubertät, die Widersprüchlichkeit, zu wissen und sie zu akzeptieren. Dies verlangt u. a. Humor, Freude am Diskutieren, Offenheit und eine hohe Flexibilität. „Widersprüchlichkeit bei Erwachsenen ertragen Jugendliche kaum, denn davon haben sie selbst genug“, erklärte Scheer.

Häufig in der Pubertät: Magersucht und Bulimie

Häufige Pubertätserscheinungen sind heute die Magersucht und die Bulimie. Scheer: „Sie erfüllen den Zweck einer Aussage. AnorektikerInnen demonstrieren ihre Willensstärke und zeigen die Schwäche der Eltern auf. Bei der Bulimie lautet die Aussage: ‚Es kotzt mich an. Es ist zu viel, es muss hinaus, aber ich kontrolliere, wann ich gebe.’ Das Problem dabei ist: Wenn man einmal süchtig ist, kann man nicht leicht wieder aufhören, selbst wenn die Aussage getan ist.“ Bei Anorexia nervosa und Bulimie ist die offene Kommunikation von großer Bedeutung. Scheut man sich, die Thematik deutlich anzusprechen, sollte man Experten vermitteln. „Den Jugendlichen muss im Hinblick auf das Abnehmen oder auch das exzessive Sportbetreiben eine klare Grenze nachvollziehbar dargestellt werden“, erläuterte Scheer. Hier seien Koalitionen wichtig, etwa mit Sportmedizinern. Ein zunehmendes Problem bei Jugendlichen und Kindern stellt der Alkoholmissbrauch dar. „Alkoholvergiftungen sind deutlich häufiger als früher“, betonte Prof. Dr. Wilhelm Müller, Präsident der ÖGKJ.
Bei den heute sehr häufig gewordenen Scheidungen/Trennungen wäre es sehr wichtig, dass die ehemaligen Partner weiter miteinander kommunizieren, so Scheer. Ungünstig für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sei das Heranwachsen in Alleinerzieherhaushalten mit finanziellen Problemen, geringer Elastizität des Elternteils, abgebrochener Kommunikation zwischen den früheren Partnern und mit problematischen Vorbildern. Ein Problem sieht Scheer auch darin, dass manche Jugendliche sich mit Hilfe von Computerspielen, Musikvideos und iPod eine Eigenrealität erschaffen (in der alles möglich erscheint) und sich nicht für die „eigentliche“ Welt interessieren. Bei Hausbesuchen könne man dann manchmal feststellen, dass die gesamte Familie in Scheinrealitäten flüchtet.

Ärzte sollten Jugendliche mit Respekt behandeln

Wenn Jugendliche zusammen mit den Eltern/einem Elternteil einen (Jugend-)Arzt aufsuchen, sollte gelten: Der Arzt ist der Helfer des/der Jugendlichen, nicht der Koalitionspartner der Eltern. Scheer: „Ärzte sollten sich zuerst an die Jugendlichen wenden und nicht vergessen, sie zu fragen, ob sie mit ‚Du’ oder ‚Sie’ angesprochen werden wollen. Weiters sollten die Jugendlichen auch gefragt werden, ob es ihnen recht ist, wenn beim Arztgespräch die Eltern dabei sind.“ Er fordert für jede Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde einen Psychosomatik-Schwerpunkt – so wie es im Österreichischen Strukturplan Gesundheit 2005 festgeschrieben wurde. Generell findet der Psychosomatik-Experte, dass die Anliegen von Jugendlichen in unserer Gesellschaft nicht ernst genug genommen werden: Typisch sei etwa, wenn sich der einzige junge Kandidat der Wiener SPÖ auf Platz 59 der Kandidatenliste findet oder wenn Skateparks am Rande der Stadt neben dem Mistplatz errichtet werden. Scheer: „Man sollte immer bedenken: Wir lernen bei jedem Jugendlichen Neues.“

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