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30. November 2005

Mit der künstlichen Sonne gegen die Hauttuberkulose (Narrenturm 35)

Medizin- und architekturhistorisch interessant ist die ehemalige Lupusheilstätte – heute Pavillon 24 – im Wilhelminenspital der Stadt Wien. Im pathologisch- anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm erinnert ein Modell dieses Jugendstilbauwerks von Otto Wagner an die Heilstätte für Tuberkulosekranke.

Der dänische Mediziner Niels Ryberg Finsen (1860–1904) beschäftigte sich schon seit seinen Studientagen intensiv mit den physiologischen Wirkungen des Sonnenlichts. Eigentlich war er auf der Suche nach einer Therapie für seine eigene Krankheit, gegen die die Medizin bis heute praktisch machtlos ist. Der Arzt litt seit seinem 25. Lebensjahr am Pickschen-Syn­drom, heute wohl als Niemann-Pick-Krankheit bezeichnet, einer Sphingomyelinose, die zu einer schweren Schädigung der Leber, der Milz und des Gehirns führt und schließlich in der präsenilen Demenz endet.
Durch Beobachtungen und Selbstversuche erforschte Finsen die unterschiedlichen Einflüsse der verschiedenen Strahlen der Sonne auf den Organismus. Er erkannte, dass das Sonnenerythem, der Sonnenbrand, nicht von den roten Wärmestrahlen der Sonne, sondern von den blauen, violetten und ultravioletten – er nannte sie die „chemischen“ – Strahlen der Sonne verursacht wird. In Tierversuchen und schmerzhaften Selbstversuchen konnte er beweisen, dass die „chemischen Strahlen“ Entzündungen hervorrufen können. Seine Arbeit „Über die entzündliche Wirkung des Lichtes auf die Haut“ erschien 1893. Gleichsam als negative Lichttherapie versuchte Finsen die schädlichen „chemischen Strahlen“ aus dem Sonnenlicht zu filtern, um mit diesem „Rotlicht“ Entzündungen der Haut bei gewissen Krankheiten zu behandeln oder zu verhindern. In erster Linie dachte der Arzt hier an die Pocken. Er hoffte auf eine wesentlich geringere Narbenbildung im Gesicht, wenn sich die Bläschen der Blattern nicht entzündeten. Dem von seiner Idee Besessenen gelang es tatsächlich, den leitenden Arzt eines Kopenhageners Seuchenkrankenhauses, der dies übrigens für eine überaus „törichte Idee“ hielt, zu überreden, die Pockenkranken vom gefährlichen „chemischen Licht“ abzuschirmen und sie in Zimmer mit rotem Fensterglas oder hinter rote Vorhänge oder rote Wandschirme zu legen. Finsen behielt Recht. Mit „Rotlicht“ konnten die Pockenpusteln tatsächlich therapeutisch positiv beeinflusst werden. Allmählich wurde der Name des dänischen Mediziners in der Fachwelt bekannt. Als Nächstes beschäftigte sich Finsen mit den positiven Wirkungen der „chemischen Strahlen“. Er wollte einfach nicht glauben, dass dieser Bereich des Lichtspektrums nur körperschädigende Eigenschaften haben sollte.

Heilende Effekte auf die Haut

Bald machte er eine wichtige Beobachtung: Wenn er aus dem Licht die Wärmestrahlung herausfilterte und erkrankte Hautareale gleichsam mit gebündeltem „chemischen Licht“ beschoss, gelang es ihm, heilende Effekte auf der Haut zu erzielen. Er erkannte, dass „die chemischen Strahlen des Sonnenlichtes die Fähigkeit besitzen, Bakterien in ihrer Entwicklung zu hemmen und bei genügender Einwirkung sogar zu vernichten“. Mit diesen Strahlen, die er mit einer wilden Konstruktion aus einer mit Wasser gefüllten Sammellinse bündelte, gelang es Finsen, den Lupus vulgaris, eine Form der Hauttuberkulose, die zu furchtbaren Verstümmelungen des Gesichtes führt, erstmals erfolgreich zu behandeln.
1896 gründete der Arzt in Kopenhagen ein Institut zur Erforschung der Lichttherapie. Nobelpreis-würdig Um auch an bewölkten Tagen behandeln zu können, entwickelte der Lichtdoktor, wie man ihn mittlerweile nannte, eine künstliche Sonne: die so genannte Finsen-Lampe, eine spezielle Kohlenbogenlampe, die einen hohen Anteil an ultraviolettem Licht aussendet, mit Linsensystemen bündelt und mit Filtern die Wärmestrahlung absorbiert. Damit gilt Finsen heute als Begründer der UV-Bestrahlung, die auch heute noch ihren Stellenwert in der Therapie hat.
Für seine Erfindung erhielt Finsen 1903 den Nobelpreis für Medizin, den er aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst entgegennehmen konnte. Eine Therapie für seine eigene Krankheit hatte er nicht gefunden, aber mit seiner Lichttherapie eröffnete er, wie das Nobelpreiskomitee bemerkte, „der medizinischen Forschung einen neuen Weg“. Niels Ryberg Finsen starb am 24. September 1904 in Kopenhagen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 48/2005

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