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14. Dezember 2005

Der Wegbereiter der „natürlichen Geburtshilfe“ (Altes Medizinisches Wien 66)

Eine Gasse im 12. Bezirk in Wien und, allerdings weniger ruhmreich, der unscheinbare Sarkophag von Prinzessin Elisabeth von Würthemberg, der ersten Gemahlin Kaiser Franz II., in der Kapuzinergruft unter der Kirche am Neuen Markt in Wien erinnern an den Geburtshelfer Johann Lukas Boër (1751 bis 1835), der in Österreich die Geburtshilfe als eigenes Fach begründete.

Seit 1889 leitete er, von Kaiser Joseph II. persönlich ernannt, die Abteilung für arme Wöchnerinnen im Alten Allgemeinen Krankenhaus. Ebenso persönlich bestimmte ihn der Kaiser zum Geburtshelfer der Erzherzogin bei ihrer ersten Geburt. Boër, ein Anhänger der natürlichen Geburt – seine Rate an Zangengeburten lag bei 0,4 Prozent, während prominente Geburtshelfer in Deutschland bis zu 40 Prozent Zangengeburten hatten – musste in diesem Fall unglücklicherweise eine Zangengeburt durchführen. Nach der Entbindung kam es zu Komplikationen. Boër, der nach der zunächst problemlosen Zangengeburt zwar in der Hofburg nächtigte, trotz verzweifelter Suche in dem weitläufigen Gebäude aber nicht gefunden werden konnte, kam zu spät. Die Prinzessin verblutete. Und obwohl der Kaiser ihm persönlich mitteilte und dies auch öffentlich feststellte, dass Boër keine Schuld an dem Unglück träfe, war Boërs Ruf als Geburtshelfer dahin. Der Zustrom an Patientinnen in seine Praxis versiegte, und Boër konnte sich, gezwungenermaßen, mehr seiner Abteilung und dem Lehramt widmen. Und das tat er auch.

Weltruhm für Wiener Schule

Boër verschaffte der Wiener geburtshilflichen Schule Weltruhm. Er schuf bessere hygienische Verhältnisse und glaubte nicht wie viele seiner Zeitgenossen, die deshalb sogar die Krankenzimmer verdunkelten „wie in einer schwarzen Totengruft“, dass Zugluft die Ursache für das Kindbettfieber sei. Licht, Luft und eine gute Küche für die geschwächten Schwangeren hielt er für wesentlich wichtiger als die Apotheke. Die Verwaltung des Krankenhauses machte ihm öfters Vorwürfe, dass er den Schwangeren zu reichliche und zu gute Kost verordne. Seine medikamentösen Verordnungen bestanden oft nur aus „einem halben Seitel Wein, etwas Pflaumenmuß mit Bittersalz und einigen Löffeln Rhabarbertinktur“. „Sie kuriren hier alles mit Biersuppen, wozu andere große Gelehrsamkeit und theure Arzneyen nötig hätten.“

Tiefes Vertrauen in die Kraft der Natur

Aderlass und Purgieren als Geburtsvorbereitungskuren lehnte er entschieden ab. In der Geburt sah er einen physiologischen Vorgang, der die Hilfe des Arztes nur selten benötigt. Das Kind von der Mutter empfangen, nicht von ihr losreißen, war seine Maxime. Er konnte zeigen, dass sich auch ungünstige Lagen des Kindes im Mutterleib „durch die Kraft der Natur“ noch während der Geburt richtig einstellen können. Zu operativen Eingriffen entschloss er sich nur im äußersten Notfall. Das Leben der Mutter bewertete er höher als das des Kindes. Mit Boër begann eine neue Ära der Geburtshilfe, und Boër gilt heute als der Begründer der „sanften Geburt“, die heute wie damals kontrovers diskutiert wird. Johann Lucas Boogers, wie Boër eigentlich wirklich hieß, wurde 1751 in der Nähe von Bayreuth geboren. Seine Ausbildung zum Wundarzt absolvierte er in Würzburg. Zum Dank für seine ausgezeichnete Arbeit als Epidemiearzt schickte ihn sein Bischof, ausgestattet mit einem gut dotierten Stipendium, zu weiteren Studien 1771 nach Wien. Aber die Verlockungen der Großstadt verführten Boogers bald zu einem „leichtsinnigen Leben“. Prompt verlor er die finanzielle Unterstützung des Bischofs.

Boogers hatte sich aber in Wien bereits so etabliert, dass er mit Korrekturlesen für die Trattnersche Buchhandlung sowie mit eigenen literarischen Arbeiten - er verfasste unter anderem ein Theaterstück mit dem Titel „Die Post oder die Frau als Kourier“ – seinen Unterhalt selbst verdienen konnte. Durch Nachtwachen und Assistentendienste bei Ärzten der Wiener Klinik kam Boogers zur Geburtshilfe. 1778 wurde Boogers zum magister chirurgiae und 1780 zum magister artis obstetriciae promoviert. Bei seiner Tätigkeit als Wundarzt im Waisen- und Findelhaus kam er mit Kaiser Josef II. in Kontakt, der häufig das Waisenhaus besuchte. Der Kaiser fand Gefallen an dem jungen Wundarzt und schickte ihn nach Frankreich und England, um sich in der Geburtshilfe auszubilden: „Von ihm wünsche ich, dass er sich der Geburtshilfe weihe und diesem Fach jenen Fleiß und jene Obsorge zuwende, die es wegen seiner Wichtigkeit verdient. Seine Persönlichkeit eignet sich ganz zum Geburtshelfer, sein Talent und sein Fleiß werden das übrige tun.“

Ausgestattet mit einer Kalesche, Reisegeld und Empfehlungsschreiben trat Boogers, der seinen Namen auf Wunsch der Kaisers – „als Konzession an die gallische Zunge“ – in Boër geändert hatte, seine Reise 1785 an. In Paris verwendete man damals die seit 1723 allgemein in Verwendung stehende Geburtszange ungemein häufig und setzte bei jeder Gelegenheit, manchmal sogar ohne Notwendigkeit, ein ganzes Arsenal von stumpfen und spitzen Werkzeugen ein. „Fast hätte man meinen können, die Natur habe ihr Geschäft der Gebärung aufgegeben und solches dem Werkzeug des Geburtshelfers überlassen“, bemerkte dazu Boër. In England lernte er dagegen die konservative Richtung der Geburtshilfe kennen. „In Frankreich habe ich kennen gelernt, was die Kunst, in England, was die Natur vermöge.“ Die Engländer blieben immer Boërs große Vorbilder. Die einfache, natürliche Geburtshilfe, wie Boër sie betrieb, brachte die konservative Richtung der Engländer zur Vollkommenheit.

Anonyme Entbindung möglich

1788 kehrte Boër nach Wien zurück und übernahm 1789 die Leitung der neu eingerichteten Abteilung für arme Wöchnerinnen im Allgemeinen Krankenhaus. Eine Abteilung, die Josef II. als „Zufluchts- und Rettungsort“ für ledige Mütter geschaffen hatte, in der die Frauen „mit Larven, verschleiert und überhaupt so unkennbar als sie immer wollen“ anonym entbinden konnten. Anonym, um der Schande und der Diskriminierung, der ledige Mütter damals ausgesetzt waren und die vielfach zu Kindsmord führte, zu entgehen. Im selben Jahr ernannte Josef II. Boër zum außerordentlichen Professor für praktische Geburtshilfe.

Der unglückliche Ausgang der Entbindung der Erzherzogin Elisabeth – der Fall wird in der Literatur in verschiedenen Varianten berichtet – war für Boër ein „Karriereknick“ wie man es wohl heute bezeichnen würde. Das war Anfang 1790. Nach dem Tod seines Gönners Josef II. hatte Boër in Wien ständig unter Anfeindungen, Neid und Hass zu leiden. Boër widmete sich nur mehr seiner Klinik und dem Lehramt. Die Gebärklinik im Allgemeinen Krankenhaus erwies sich als ideale Ausbildungsstätte. Das Wiener Gebärhaus wurde zum Wallfahrtsort für Ärzte und Hebammen aus allen Ländern. Die Studenten hatten hier die Möglichkeit, Tag und Nacht bei Geburten dabei zu sein und von den routinierten Hebammen zu lernen. Boër bildete seine Studenten zu praktischen Geburtshelfern aus, zu „Helfern im entscheidenden Augenblick“, nicht zu Theoretikern. Seine „Abhandlungen und Versuche geburtshülflichen Inhalts“, erschienen von 1791 bis 1807, waren lange Zeit das Evangelium für Geburtshelfer.

Gehässige Vorwürfe in Wien

1808 beförderte man Boër zum ordentlichen Professor, und 1817 übernahm er auch die Lehrkanzel für theoretische Geburtshilfe. Trotz internationaler Anerkennung seiner Arbeit, viele medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaften ernannten ihn zum Ehrenmitglied, bekämpfte man ihn in Wien weiter. Bei einer Disziplinaruntersuchung mit gehässigen Vorwürfen und „hochnotpeinlichen Verhören“ fand man bei Boër eine Reihe von „Gebrechen“, welche er sich angeblich „sowohl als Lehrer als auch als Vorsteher der Gebärklinik“ zu Schulden hatte kommen lassen, und versetzte ihn 1822 in den Ruhestand.

Boërs Nachfolger Johann Klein, als Gegner Ignaz Semmelweis unrühmlich in die Medizingeschichte eingegangen, leitete die „geburtshülfliche Klinik“ mit weniger glücklicher Hand, die Wiener Gebärklinik verlor rasch an Bedeutung. Ausländische Ärzte kamen nur mehr selten, und auch nur deshalb, weil man hier das Kindbettfieber so gut wie nirgendwo anders studieren konnte. Boër hatte zufälligerweise – die tatsächliche Ursache lag ja für ihn, trotz vieler Überlegungen, noch „außerhalb unseres Wissens“ – eine geringe Rate an Kindbettfieber. Er hatte sich nicht an den Lehrplan gehalten und die Studenten nur am Phantom und nicht an der Leiche üben lassen. Sein Nachfolger allerdings hielt sich streng an die allerhöchste Verordnung. Prompt stieg die Sterblichkeit an Kindbettfieber dramatisch an.

Die letzten 13 Jahre seines Lebens verbrachte er sehr zurückgezogen. Fast täglich besuchte Boër, der mit Eleonora Jacquet, der Tochter eines damals berühmten Hofschauspielers, verheiratet war, bis zu seinen letzten Lebenstagen das Josefstädter Theater. Am 19. Jänner 1835 starb Johann Lucas Boër. Die Ursache seines plötzlichen Todes findet sich im Sektionsprotokoll: „Berstung der rechten Vena iliaca und hierdurch bedingten Bluterguss im Gewicht von zwei bis zweieinhalb Pfund.“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 10/2004

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