zur Navigation zum Inhalt
 
14. Dezember 2005

Arzt der Könige – König der Ärzte (Altes Medizinisches Wien 86)

Ein Denkmal im Hirschenbergerlpark beim Rudolfinerhaus in Wien Döbling erinnert an den vielleicht letzten großen Allrounder der Inneren Medizin: an den bereits zu Lebzeiten legendären Karl Fellinger (1904 - 2000).

Fellinger war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der bekanntesten und angesehensten Ärzte Österreichs. Als „Hausarzt“ zahlreicher Monarchen, die er ab den 1950-er Jahren jahrzehntelang behandelte, erhielt er den Beinamen „Arzt der Könige“. In Österreich wurde Fellinger vor allem durch seine populärmedizinischen Fernsehserien „Der gläserne Mensch“ und „Telemed“ als Volksbildner bekannt und populär. Fellinger wuchs in Linz in einfachen Verhältnissen als Sohn eines Taglöhners bei der Bundesbahn auf. Nach der Matura 1923 begann er in Wien Mediz in zu studieren. Seine Facharztausbildung für Innere Medizin startete 1929 auf der 2. Medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus, an jener Klinik, die er später fast 30 Jahre lang geleitet hat.

Fellingers Habilitation

Im Jahr 1937 habilitierte er über das thyreotrope Hormon bei Hyperthyreosen. Eine Habilitation war damals noch gleichbedeutend mit der Übertragung eines Primariats, so auch bei Fellinger. Im selben Jahr noch wurde er zum Primararzt der Medizinischen und Stoffwechselabteilung des Krankenhauses Lainz ernannt. Da politisch als nicht zuverlässig eingestuft, enthoben ihn die Nazis 1938 seines Amtes und entzogen ihm auch die Dozentur. Gnädigerweise durfte er aber 1940 für sie in den Krieg ziehen und als Militärarzt an der Ostfront dienen. Nach dem Krieg betraute man Fellinger zunächst mit der Leitung der Wiener Poliklinik, und im Juni 1946 erfolgte die Berufung zum Vorstand der 2. Medizinischen Universitätsklinik in Wien als Nachfolger seines Lehrers Nikolaus von Jagic. Es ist heute kaum vorstellbar, unter welchen Bedingungen damals gearbeitet werden musste. Die Räume waren verwüstet, die Labors geplündert. Es gab praktisch nichts. Mit Hilfe persönlicher „Beziehungen“ zu Patienten konnte Fellinger Lichtschalter, Steckdosen, Drähte und Zement organisieren, alles Dinge, auf die damals endlos gewartet werden musste, weil die Gemeinde natürlich nicht bereit war, Schwarzmarktpreise zu bezahlen. Blutausstriche mussten mit Farbstoff aus aufgelösten Tintenbleistiften (Gentianaviolett) auf Glasscherben gefärbt werden. Aber Fellinger hatte die Gabe aufzubauen, im Rahmen der Möglichkeiten Neues zu schaffen und vor allem Geld zu organisieren. Rasch erkannte er, dass die Wiener Medizin den rasanten Fortschritt der anglo-amerikanischen Medizin während der Kriegsjahre technisch und finanziell nicht mehr aufholen konnte. So begann er in Forschungsgebiete der Inneren Medizin einzusteigen, die damals ganz am Anfang standen und daher noch die Möglichkeit boten, mitzuhalten.
Diese „Marktnischen“ waren die Kardiologie mit dem Herzkatheter, die Isotopenmedizin und die Dia-lyse. In der Folgezeit prägten vor allem drei Arbeitsrichtungen das Image der Klinik: Rheumatologie, Nuklearmedizin und Elektronen-mikroskopie. Das Labor für klinische Elektronenmikroskopie auf einer Internen Abteilung war im Jahr 1951 europaweit einmalig. Fellingers Konzept ging auf. Die nach dem Krieg darniederliegende österreichische Medizin fand wieder Anschluss an die Weltmedizin. Fellinger erkannte – und förderte dies auch –, wie wichtig Spezialisierung und Subspezialisierung für den Fortschritt des Faches war. Er forderte aber immer, dass der Arzt trotz aller Spezialisierung auch Heiler sein muss. Heiler durchaus auch im Sinne eines Medizinmannes, der es versteht, den ganzen Menschen zu betreuen und nicht nur ein Organ zu reparieren.

Spuren im Ärztegesetz

Aber Fellinger war nicht nur Arzt und Wissenschaftler. Er beschäftigte sich mit praktisch allen Bereichen des österreichischen medizinischen Lebens. Maßgeblich beteiligt war er am Wiederaufbau der Österreichischen Ärztekammer und am österreichischen Ärztegesetz von 1949, das unter anderem die postpromotionelle Pflichtausbildung – Turnus und Fachausbildung – als Voraussetzung für die selbständige und eigenverantwortliche Tätigkeit als Arzt festlegte. In die Planung des neuen Wiener Allgemeinen Krankenhauses war er von Anfang an eingebunden. Als Präsident des obersten Sanitätsrates, ein Posten, den er mehr als 40 Jahre bekleidete, prägte er wie kaum ein anderer die österreichische Medizin im 20. Jahrhundert. Sein außerordentlicher Einfluss auf die gesamte Gesundheitspolitik und Gesetzgebung trug ihm neben dem Bei-namen „Arzt der Könige“ auch noch den Zusatz „König der Ärzte“ ein.

Gastprofessur in Kairo

Sein Ruf als „Arzt der Könige“ begann mit seiner Gastprofessur in Kairo 1952. Hier bat ihn der saudische König und Staatsgründer Abdal Asis zu einem Konsilium an sein Krankenbett. In seinen Lebenserinnerungen „Arzt zwischen den Zeiten“ erzählt Fellinger über dieses Konsil mit den Leibärzten des Königs: „Ich schlug unter anderem auch Injektionen mit einem herzkräftigenden Mittel vor, doch bat mich der Leibarzt eindringlich, diese Verordnung lieber zu unterlassen, denn bei dem hohen Alter und dem Gesundheitszustand des Königs bestehe die Möglichkeit eines plötzlichen Herztodes. Träte dieser kurz nach der Injektion ein, wäre es durchaus möglich, dass man die Ärzte verdächtigen würde, sie hätten dem König etwas Gefährliches oder Schädliches injiziert. Dies würde nun wiederum sofort die Vergeltung der Leibwache provozieren. Also änderten wir die Therapie diesem Umstand entsprechend.“ Im Rahmen dieses Aufenthalts konsultierte ihn auch der Sohn des Königs, Kronprinz Ibn Saud, der sich von Fellinger später auch im Allgemeinen Krankenhaus in Wien behandeln ließ und 1963 mit seinem gesamten Gefolge einschließlich Haremsdamen und Minister in Wien für mediales Aufsehen und gewaltige Umsätze in den Nachtlokalen sorgte. Das Hotel Bristol war Wochen hindurch von Saudis „besetzt“.

„Who is who“-Patientenkartei

Fellingers Ansehen, nicht nur in der arabischen Welt, stieg schlagartig. Viele gekrönte Häupter, darunter Reza Pahlevi, der Schah von Persien, der afghanische König Zahir Schah und König Hassan von Marokko, gehörten zu seinen Patienten. Seine Patientenkartei las sich streckenweise wie das „Who is Who“ der glamourösen Welt. Die Liste der Auszeichnungen und Ehrungen, die Karl Fellinger im Laufe seines Lebens erhielt, ist fast ebenso lang, wie die gewaltige Liste seiner vielfältigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Viele seiner Schüler wurden auf Lehrstühle berufen und zahlreiche Primariate in ganz Österreich mit Fellinger-Schülern besetzt. Bis ins hohe Alter war Fellinger aktiv im medizinischen Leben Österreichs als Präsident zahlreicher Arbeitsgemeinschaften und Leiter von Forschungseinrichtungen tätig. 1989 berief man ihn noch zum Vorsitzenden der internationalen Experten-Kommission, welche die Hintergründe der Mordserie im Krankenhaus Lainz analysieren sollte. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand 1975 engagierte sich Karl Fellinger jahrzehntelang für das Privatspital „Rudolfinerhaus“ in Döbling, das er nicht zuletzt durch seine guten Kontakte in den nahen Osten in eine international gesehen medizinische Spitzenklinik verwandelte. Der „Fellinger-Pavillon“, das Fellinger-Museum und ein arabischer Krummsäbel im Foyer – ein Geschenk des saudiarabischen Königs Ibn-Saud – erinnern heute im Rudofinerhaus an den Mann, dem das Privatspital seinen Aufstieg an die Spitze der privaten Krankenanstalten Österreichs verdankt. Am 8. November 2000 starb der Doyen der österreichischen Medizin hier, in „seinem“ Rudolfinerhaus

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 34/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben