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14. Dezember 2005

„Er bohrt mir alle Kinder an“ (Altes Medizinisches Wien 77)

Er schuf den Begriff „Allergie“, wurde so zum Begründer einer neuen Lehre, der Allergologie, und legte damit auch den Grundstein zur modernen Immunologie. Obwohl ihm zwei der bedeutendsten Entdeckungen in der Medizin des 20. Jahrhunderts zu verdanken sind, ist er heute fast vergessen: der Pädiater Clemens Freiherr von Pirquet (1874 bis 1929).

Durch die von ihm entwickelte Tuberkulinprobe konnte man bei Kindern frühzeitig, noch bevor spezifische Symptome auftraten, eine Tuberkuloseinfektion nachweisen und mit gezielten Fürsorgemaßnahmen – ein Heilmittel gegen die Tuberkulose war damals noch nicht bekannt – der Krankheit entgegenwirken.

Unstandesgemäßer Berufswunsch

Clemens Pirquet, Freiherr von Cesenatico, wurde am 12. Mai 1874 im Schloss Hirschstetten, damals noch vor den Toren Wiens, heute im 22. Wiener Gemeindebezirk, als Sohn eines Großgrundbesitzers geboren. Auf Wunsch seiner Mutter sollte er Priester werden, begann auch zunächst Theologie in Innsbruck zu studieren, brach das Studium allerdings bereits nach einem Jahr ab. Seine Mutter soll entsetzt gewesen sein, als sich ihr Sohn zum Medizinstudium entschloss. Ende des 19. Jahrhunderts war der Beruf des Arztes zwar geachtet, für einen Adeligen aber nicht standesgemäß. Ob er sich mit seiner Entscheidung nur gegen seine Mutter auflehnen wollte oder ob ihn sein Schwager, der Chirurg Anton von Eiselsberg, beeinflusste, bleibt ungewiss.
Im Jahr 1884 begann Pirquet sein Medizinstudium in Wien. Nach Studien in Königsberg und Graz promovierte er 1900 in Graz. Hier kam er auch erstmals mit Theodor Escherich in Kontakt, der gerade dabei war, das noch junge Fach der Kinderheilkunde zu etablieren. Nach Beendigung seines Studiums entschloss sich Pirquet, Pädiater zu werden. Seine Ausbildung begann er in Berlin und setzte sie 1901 in Wien an der Universitäts-Kinderklinik im St. Anna-Kinderspital fort. 1902 wurde Escherich von Graz nach Wien berufen. In ihm fand Pirquet einen grandiosen Lehrmeister, der ihn nicht nur in die Grundzüge der Pädiatrie einführte, sondern auch zu wissenschaftlicher Forschung anspornte.
Pirquet war aber kein Forscher, der sich nur im Labor herumtrieb und über theoretischen Problemen grübelte. Sein Hauptinteresse galt nach wie vor seinen kleinen Patienten. Ende 1902 machte er am Krankenbett eine Beobachtung, die seine weitere Arbeit bestimmte: An Diphtherie erkrankte Kinder bekamen damals hohe Dosen eines Streptokokken-Pferdeserums injiziert. Die Erfolge waren verblüffend: Schwerst kranke Kinder erholten sich ungemein rasch. Die manchmal auftretenden, zum Teil schweren Nebenwirkungen, die Serumkrankheit, musste man hinnehmen. Aber noch etwas überraschte: Nach einer neuerlichen Injektion von Pferdeserum traten die Serumnebenwirkungen nicht wie bei der ersten Gabe nach zehn Tagen – „die Inkubationszeit der Serumkrankheit ist bei der Reinjektion stets kürzer als das erste Mal“ – sondern sofort auf. Pirquet und sein Mitarbeiter Bela Schick stellten die Theorie auf, „dass Antikörperbildung und Krankheit in kausalem Zusammenhang stehen.“

Neue Infektionslehre

Aufgrund dieser Beobachtungen entwickelte Pirquet eine neue Infektionslehre. Nicht nur die Vermehrung der in den Körper eingedrungenen Krankheitserreger bestimmten demnach den Krankheitsverlauf, sondern eine aktive Wechselwirkung zwischen Organismus und Erreger. Bei wiederholtem Kontakt mit dem gleichen Stoff, den er Allergen nannte, erfolgte eine Reaktion des Allergens (Antigen) mit dem Gegenstoff (Antikörper). In einem Fachbeitrag in der Münchner Medizinischen Wochenschrift schlug Pirquet 1906 für diese veränderte Reaktivität des Körpers den Begriff Allergie vor, den er durch die Zusammensetzung der griechischen Begriffe „allos“ (verändert) und „ergos“ (Aktion) gebildet hatte. In seiner 1910 erschienen Monographie „Allergie“ verwendete er den Begriff für die Serumkrankheit, Pockenimpfung und die Tuberkulinreaktion, drückte aber im Vorwort die Hoffnung aus, dass seine Arbeit zur „Anwendung auf weitere Krankheitskomplexe anregt“. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Die Allergie hat sich heute zu einer Volkskrankheit entwickelt. Der Begriff wird allerdings etwas anders verwendet. Er ist heute ein Oberbegriff für die Neigung des Körpers, mit krankmachender Überempfindlichkeit des Immunsystems auf körperfremde, sonst aber meist harmlose Stoffe zu reagieren.

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Eine fixe Idee

„Ich habe einen Assistenten“, erzählte Pirquets Chef, Theodor Escherich, „der ist zwar sehr tüchtig, aber er hat eine fixe Idee: er bohrt mir alle Kinder an.“ Auf der Suche nach einem diagnostischen Verfahren, um festzustellen, gegen welche Krankheitserreger der Körper allergisch reagiert, experimentierte Pirquet mit dem von Robert Koch 1890 aus Tuberkelbazillen hergestellten Tuberkulin. Als Heilmittel gegen Tbc hatte es zwar versagt, aber Pirquet gelang es 1907 durch eine standardisierte Methode, aus der Lokalreaktion der Haut zu erkennen, ob eine Tbc-Infektion bei Kindern vorlag oder nicht. „Ich empfehle, als erste Probe stets die kutane Impfung vorzunehmen. Die Haut des Unterarmes wird dabei mit einem Äthertupfer abgewischt, dann werden in einem Abstande von etwa zehn Zentimeter zwei kleine Tropfen von unverdünntem Kochschen Alttuberkulin aus einem Tropfglase fallen gelassen oder mit einem Glasstabe aufgetragen. Nunmehr wird mit einem Impfbohrer, dessen Platinspitze vorher in der Flamme ausgeglüht ist, in der Mitte zwischen den beiden Tropfen eine Bohrung ausgeführt, um als Kontrollstelle zu dienen, hierauf innerhalb der Tropfen selbst. Die positive Reaktion erscheint frühestens nach einigen, gewöhnlich innerhalb von 24 Stunden.“
Mit dieser genial einfachen Methode konnte man erstmals bei Kindern relativ schonend eine Frühdiagnose der Tuberkulose stellen. Diese Entdeckung machte die gesamte Tuberkulosefürsorge erst möglich. So konnte die Krankheit rechtzeitig durch ausreichende Ernährung, Luft, Licht und Sonne ausgeheilt werden. Die Tuberkulose ist in erster Linie eine soziale Erkrankung, die zwar durch den Tuberkelbazillus hervorgerufen wird, aber vor allem durch Unterernährung und schlechte Wohnverhältnisse begünstigt wird. Pirquet selbst betrachtete die Tuberkulinprobe als das wichtigste Resultat all seiner Forschungen. Sie wurde bald zur täglichen Routine in allen Krankenhäusern der Welt und ging als „Pirquet-Probe“ in die Geschichte der Medizin ein.

Organisatorisches Talent

Aufgrund seiner Forschungen wurde Pirquet 1908 als erster Professor für Kinderheilkunde an die Johns-Hopkins-Universität nach Baltimore berufen. Bevor er sich in Amerika richtig einleben konnte, ereichte ihn bereits 1910 der Ruf nach Breslau, dem er auch Folge leistete. Als Escherich 1911 überraschend starb, gelang es der Wiener Fakultät, Pirquet wieder nach Wien zu holen. Hier konnte sich nun sein nicht nur wissenschaftliches, sondern auch organisatorisches Talent voll entfalten. Er organisierte die Schwesternausbildung neu, indem er vor allem auf „teamwork“ Wert legte: Auch das Pflegepersonal durfte Neuerungen in die Patientenversorgung einbringen und damit auch in die Therapie. Revolutionär war auch, dass alle angehenden Ärzte ab 1924 an seiner Klinik ein Krankenpflegepraktikum absolvieren mussten, um die Probleme der Pflege besser zu verstehen und die Zusammenarbeit zwischen Schwestern und Ärzten zu verbessern.

Gute Beziehungen zu Amerika

International nicht durchsetzen konnte sich sein „Nahrungs-Einheit-Milch (NEM)“-System, wobei „1 NEM“ dem Nährwert von ein Gramm Milch entsprach. Pirquet versuchte aus der Sitzhöhe des Kindes die Oberfläche des Darmes und daraus dann den täglichen Nahrungsbedarf in NEM/cm2 Darm zu berechnen. Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte aber sein System in Österreich Bedeutung. Dank seiner guten Beziehungen zu Amerika konnten durch die amerikanische Kinderhilfsaktion und sein System, mit dem er den minimal nötigen täglichen Nahrungsbedarf berechnet hatte, bis zu 400.000 unterernährte Kinder täglich in ganz Österreich ausgespeist werden. Um die internationale Wertschätzung und den Weltruhm Pirquets und der Wiener Kinderklinik zu illustrieren, sei die Empfehlung des zeitgenössischen amerikanischen Beadeckers an Europa-Touristen zitiert: „Wenn Sie Europa besuchen, müssen Sie die Kinderklinik in Wien besuchen.“ Zu Lebzeiten blieb ihm also, nicht wie vielen anderen Pionieren, weder die fachliche noch die gesellschaftliche Anerkennung versagt. 1928 wurde er sogar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten genannt. Warum Clemens von Pirquet am 28. Februar 1929 gemeinsam mit seiner Frau, die er gegen den Willen seiner Mutter geheiratet hatte und bis zuletzt abgöttisch liebte, in den Freitod ging, bleibt Spekulation. Pirquet versuchte den Doppelselbstmord zwar als Unfall durch Kohlenmonoxid zu tarnen, die Obduktion ergab jedoch eindeutig eine Vergiftung durch Zyankali.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 23/2004

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