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30. November 2005

Natura morte – anatomische Stillleben (Narrenturm 15)

Der niederländische Anatom Frederik Ruysch (1638 bis 1731) gilt auch heute noch als einer der besten Präparatoren seiner Zunft. Eine seiner Spezialitäten waren kunstvolle anatomische Stillleben – Dioramen mit phantasievollen Landschaften aus Gallensteinen, Blasensteinen und Bäumchen aus filigranen Gefäßpräparaten der Lunge.

Bevölkert waren diese anatomischen Landschaften mit trauernden Skeletten von Foeten oder Neugeborenen. Der Narrenturm beherbergt ein Objekt, das an diese meisterhaften anatomischen Kunstwerke des Barockmenschen Frederik Ruysch erinnert. Kunstfertig präpariert und phantasievoll angeordnet wie die Originale des Meisters. Geschaffen aber im 21. Jahrhundert.

Heimliche Helfershelfer aus der Insektenwelt

Bekannt wurde Ruysch vor allem durch seine filigranen und detailgenauen Gefäßpräparate. Er experimentierte mit verschiedenen Flüssigkeiten und Injektionsmassen, die er in die Blutgefäße injizierte und sie dann von „seinen kleinen Helfern“ vom umliegenden Gewebe befreien ließ. Der Anatom Hyrtl vermutete, dass sich Ruysch seiner „heimlichen Helfershelfer“ schämte, da er sie kaum erwähnte. Nach eigenen Versuchen nahm Hyrtl an, dass Ruysch sich vermutlich der Larven des Speckkäfers oder Schmeißfliegenlarven bedient hatte. Frederik Ruysch war nicht nur ein Meister der Präparierkunst, er war auch als äußerst geschäftstüchtig bekannt. In seinem anatomischen Museum nützte er geschickt die Sensationslust seiner Zeit aus. Für Ruysch war dieses Museum eine beachtliche Einnahmequelle. Bei seiner Sammlung handelte es sich aber zumeist nicht um klassische anatomische Präparate, sondern um barocke „Arrangements, die das Grauen der Krankheit und des Todes behäbig bürgerlich als Kuriosum und als Jahrmarktsattraktion darstellen“. Jede Montage hatte eine andere Botschaft. Es waren symbolhafte Darstellungen der Vergänglichkeit des Lebens und der Gewissheit des Todes. Die Anordnung der Präparate war in erste Linie allegorisch und nicht systematisch. Ruysch stellte aber nicht nur anatomisch-poetische Kompositionen her. Auch seine pathologisch-anatomischen Feuchtpräparate und seine perfekt beherrschte Kunst der Einbalsamierung trugen zu seinem Ruhm bei. Seine anatomische Menagerie galt als achtes Weltwunder und zog damals Besucher aus ganz Europa an.

Russischer Zar als großer Bewunderer

Unter den Besucher des Museums befand sich auch der russische Zar Peter der Große. Er war so beeindruckt von der Sammlung, dass er sie unbedingt erwerben wollte. Nach zähen Verhandlungen kaufte er schließlich 1718 das gesamte Museum zu einem recht stolzen Preis. Teile der Sammlung befinden sich heute noch in der Kunstkammer Peter des Großen in Petersburg. Von Ruyschs Spezialitäten aber, seinen künstlerischen anatomischen Kompositionen, gibt es möglicherweise nur mehr Abbildungen im Katalog seiner Kollektion. Ob einzelne dieser anatomischen Installationen bis heute „überlebt“ haben, ist nicht restlos geklärt. Angeblich befinden sich noch, zurzeit allerdings nicht der Öffentlichkeit zugänglich, unversehrte Installationen in der Kunstkammer Peter des Großen in Petersburg. In Erinnerung an diese kunstvollen anatomischen Arrangements des Frederic Ruysch ließ Dr. Beatrix Patzak, die Direktorin des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums, ein dem großen Anatomen nachempfundenes Objekt für das Museum im Narrenturm herstellen. Thema: „Alles Leben kommt aus dem Wasser“. Der Präparator Edgar Nerat schuf hier, ganz im Sinne seines Vorbildes, im Jahr 2001 ein Objekt von barocker Schönheit und Eleganz. Ein allegorisches Arrangement, in dem sich Präparate von Fischen, Muscheln, Seesternchen, zierlichen humanen Skeletten, Säugetierembryonen, Schlangen, Garnelen, Tintenfischen, Pfeilschwanzkrebsen und Skeletten von missgebildeten und nicht lebensfähigen Neugeborenen unter Korallenbäumchen auf einem bizarren Berg aus Rinderpansen tummeln. Alle verwendeten Präparate stammen aus dem fast unerschöpflichen Fundus des Narrenturms. Selbst Frederik Ruysch hätte an diesem Objekt seine Freude gehabt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 22/2005

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