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14. Dezember 2005

Ein germanischer Waldmensch (Altes Medizinisches Wien 75)

„Ein germanischer Waldmensch. Ganz blondes Haar, Kopf, Wangen, Hals, Augenbrauen ganz unter Haar gesetzt und zwischen dem Haar und dem Fleisch kaum ein Farbunterschied. Zwei mächtige Warzen an der Wange und an der Nasenwurzel; nichts an Schönheit, aber gewiss etwas Besonderes.“ So beschrieb Sigmund Freud den weltweit berühmten und begehrten Internisten Hermann Nothnagel.

Bereits bei seiner Antrittsvorlesung als Leiter der 1. Medizinischen Klinik, der einstigen Lehrkanzel Skodas, am 16. Oktober 1882 definierte er die Veränderungen in der Diagnostik, die er durch die neuesten experimentell-funktionellen klinischen Forschungen für notwendig hielt: „Das symptomatische Bild ist unvollkommen, die anatomische Diagnose ist ungenügend, erst wenn wir imstande sind, die Funktionsstörungen aus den entsprechenden Organveränderungen ableiten und physiologisch erklären zu können, dann erst wird die Diagnose zu einer wissenschaftlichen.“

Diagnostik als Kunst und Wissenschaft

Bei der Diagnostik der Herz- und Lungenerkrankungen hatte man mit der von Skoda eingeführten und mittlerweile schon zur subtilen Kunst gewordenen Perkussion und Auskultation große Fortschritte gemacht. Bei einer Reihe von Krankheiten kam man aber mit der physikalischen Krankenuntersuchung nicht wirklich weiter. Um hier klinisch zu forschen, brauchte es andere Methoden: Laboratorien und spezielle Untersuchungen. Untersuchungen, die moderne experimentelle Physiologen in Deutschland etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt hatten. Mit der Berufung Nothnagels, der aus der Berliner Schule kam, leiteten diese neuesten klinischen Forschungen auch in der Wiener Klinik eine neue ruhmreiche Periode ein.
Trotz seiner streng naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin - er legte neben der physikalischen Diagnostik größten Wert auf chemische Befunde - hielt Nothnagel etwas vom „klinischen Blick“; jener Kunst, beim ersten Blick, bei den ersten Worten, beim ersten Abhorchen oder Betasten des Patienten zu erkennen oder intuitiv zu erahnen, welche Krankheit in dem jeweiligen Patienten steckt. Für Nothnagel war die Diagnose zugleich eine künstlerische und eine naturwissenschaftliche Leistung, wobei er selbst die künstlerische an erste Stelle setzte. Sein Satz, „mit Kranken, nicht mit Krankheiten hat es die Klinik zu tun“, war die Aufforderung an seine Schüler, alle Entscheidungen am Krankenbett zu treffen und nicht aus Laborbefunden Diagnosen und Therapien zu konstruieren. Den Patienten trotz aller Labordaten in seiner ganzen Individualität, in seiner Ganzheit von Leib und Seele zu sehen, war seine Maxime. Ein Appell, der wohl heute mehr denn je seine Berechtigung hat.
Der 1841 in Brandenburg geborene Hermann Nothnagel studierte Medizin in Berlin an der Pepinière, der Militärärztlichen Akademie, einer ähnlichen Institution wie das Wiener Josephinum, wo er auch 1863 promovierte. Verlockende Angebote von Virchow, pathologischer Anatom zu werden, lehnte er ab. Schon damals war er sich ganz sicher, dass er praktischer Arzt werden wollte, „um den leidenden Menschen zu helfen“. 1866 habilitierte er sich in Königsberg und wandte sich verstärkt der Neurologie zu, die damals noch zum Fachgebiet der Inneren Medizin gehörte.

Kometenhafter Aufstieg

In seinem 1870 erschienenen „Handbuch der Arzneimittellehre“ gelang es ihm, das damals gesicherte Wissen über die Wirkung der Arzneimittel für die therapeutischen Bedürfnisse der Praktiker so gut darzustellen, dass das Werk wiederholt aufgelegt und in viele Fremdsprachen übersetzt wurde. Bis über die Jahrhundertwende galt es als Standardwerk auf diesem Gebiet. Als Nothnagel 1882 aus Jena nach Wien berufen wurde, ging nicht einfach nur „ein neuer Stern am Wiener klinischen Himmel auf“, Nothnagels Aufstieg war „kometenhaft“. Seine Ausstrahlung und Wirkung auf Patienten muss ungeheuerlich gewesen sein. In kurzer Zeit war seine Praxis in der Rathausstraße 13, im 1. Bezirk, eine der größten Ordinationen Europas. Ärzte aus der ganzen Welt schickten ihre Patienten, um sie von Nothnagel begutachten zu lassen. Zu seiner Klientel zählten hohe und höchste Persönlichkeiten. Konsultationsreisen mit Eisenbahn und Dampfschiff durch ganz Europa und Russland waren an der Tagesordnung. Auch Kaiserin Elisabeth untersuchte er einmal in Kap Martin. Auf die Frage des Kaisers: „Wie finden Sie die Kaiserin“, antwortete Nothnagel: „Majestät, wenn ich die Wahrheit sagen soll, die Kaiserin befindet sich im Zustand einer Halbverhungerten. Sie ist schlecht genährt und hat das Bedürfnis nach kräftiger Nahrung.“ Die Antwort Franz Josefs lautete: „Sie haben Recht. Die Kaiserin isst zu wenig.“

Bedeutung des Blutdrucks

Für seine Vorlesungen wählte Nothnagel vorwiegend Fälle, die aus dem klinischen Alltag kamen. Seltene Fälle, ausgerissene Besonderheiten mochte er in seinen Vorlesungen nicht besonders. Die alltäglichen Fälle aber behandelte er mit ausgesuchter Gründlichkeit. Wochenlang sprach er über Lungenentzündung, Typhus oder Herzerkrankungen. Neben all seinen bahnbrechenden Arbeiten über die Physiologie und Pathologie des Darmes, das Nervensystem, über Gefäße, das Herz, die „Angina pectoris“ - er erkannte, dass bei diesem Krankheitsbild nicht eine Herzschwäche die Ursache der Schmerzen ist - war er der Erste, der die Bedeutung des Blutdrucks für viele Krankheiten erkannte. Vor allem der Puls und die Beschaffenheit des Pulses waren ihm besonders wichtig. Er rühmte sich, „dreimalhunderttausend Pulse in der Hand gehabt zu haben“. Nothnagel galt als milder Prüfer, aber beim Puls verstand er absolut keinen Spaß.

Gegen weibliche Medizinstudenten

So fortschrittlich Nothnagel in seinen therapeutischen Maßnahmen war – neben der noch immer recht bescheidenen Pharmatherapie setzte er den ganzen Apparat der physikalischen Medizin, Elektro-, Hydro-, Klima- und Balneotherapie ein –, so konservativ war er in der Frage der weiblichen Medizinstudenten. Bei seinen Vorlesungen lehnte er Hörerinnen ab. Seine Begründung: „Der schönste Zauber des Lebens ginge dahin, wenn die Frauen gleichfalls auf der staubigen Straße den Karren ziehen müssten.“ Von der Vorbeugung und Verhütung, nicht nur durch sanitätspolizeiliche Maßnahmen, erhoffte er sich viel. Schutzimpfungen, Antitoxine, „spezifische Mittel zur Vernichtung der eingedrungenen Krankheitserreger“ waren sein Ziel. Seine letzte Vision, „uns Ärzte entbehrlich zu machen“, wird aber möglicherweise nie Wirklichkeit.

Beobachter des Körpers bis zuletzt

Ganz gegen seine Gewohnheiten benutze er am 6. Juli 1905 einen Wagen, um sich von seiner Wohnung in der Rathausstraße ins Allgemeine Krankenhaus zu begeben. In der Klinik bemerkte man nichts Besonderes an ihm. Er machte wie üblich Visite, hielt am Nachmittag die Sprechstunde und kehrte am Abend nach Hause zurück. Von seinem Diener ließ er sich seine Tropfen – Kirschlorbeerwasser mit einem mäßigen Zusatz von Morphium – bringen, die er öfters zu sich nahm. Am nächsten Morgen fand sein Diener neben ihm einen Zettel: „Anfälle mit heftigsten Schmerzen, Puls im Anfalle ganz verschieden; einmal langsam, zirka 56 bis 60, ganz regelmäßig, stark gespannt; dann wieder beschleunigt, 80 bis 90, ziemlich gleich- und regelmäßig; endlich bald beschleunigt, bald langsamer, mit wechselnder Spannung. Die ersten Erscheinungen dieser Anfälle datieren mehrere, drei bis vier Jahre zurück, anfänglich ganz schwach, allmählich immer ausgesprochener. Eigentliche Anfälle mit starken Schmerzen sind jetzt erst vor fünf oder sechs Tagen aufgetreten. Geschrieben am 6. Juli 1905, abends spät, nachdem ich soeben drei heftige Anfälle gehabt habe.“ In dieser Nacht vom 6. zum 7. Juli starb Hermann Nothnagel, Beobachter und Erforscher des Körpers bis zum letzten Augenblick. Niemand weiß, wie oft die Worte seiner Antrittsvorlesung in Wien bei medizinischen Ehrungen, Feiern, Honneurs und Huldigungen verwendet wurden: „Nur ein guter Mensch kann ein großer Arzt sein.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 21/2004

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