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14. Dezember 2005

Vorläufer der modernen Narkose (Altes Medizinisches Wien 68)

„Jede Narkose bedeutet eine der feinsten ärztlichen Kunstleistungen, die vor zu geringer Einschätzung bewahrt werden sollte. In nicht wenigen Fällen bedeutet im Vergleich zur Operation die Narkose den verantwortungsvolleren Eingriff, in sehr vielen Fällen ist sie dem operativen Eingriff mindestens gleichzusetzen.“ Diesen Ausspruch machte der österreichische Chirurg Mikulicz (1850 bis 1905).

Diese Feststellung aus einer Zeit, als die Narkose vielfach noch eine Mischung aus Vergiftung und Sauerstoffmangel war, gilt heute wie damals. Obwohl die moderne Narkose technisch und medikamentös soweit entwickelt ist, dass praktisch jeder schonend narkotisiert werden kann, wird doch allzu oft – leider auch von den Operateuren – vergessen, welche Gefahren auch heute noch jede Narkose birgt. Das Bestreben der Sammlung im Josephinum ist es, die rasante Entwicklung der Anästhesie und Intensivmedizin, ohne die die großartigen Leistungen der Chirurgie nicht möglich wären, zu dokumentieren und Berufsanästhesisten und Laien anhand der ausgestellten Objekte den Einfallsreichtum und das technische Geschick der frühen Narkotiseure bewusst zu machen.

Neue Substanzen und Apparaturen

Nach der ersten, sozusagen „offiziellen“ Äthernarkose am 16. Oktober 1846 durch T.G. Morton in Boston begann weltweit eine hektische Suche nach anderen, besseren Substanzen, mit denen eine Narkose durchgeführt werden konnte. Bereits ein Jahr später verwendete Sir James Simpson erfolgreich Chloroform bei großen Operationen und in der Geburtshilfe. Aber nicht nur neue Substanzen wurden gesucht und gefunden, sondern auch Apparate konstruiert, mit denen die bis dahin übliche Narkosetechnik „rag and bottle“, etwas despektierlich übersetzt mit „Fetzen und Flasche“, verbessert werden konnte.

Die erste „Ätherisation“ in Wien führte der Chirurg Franz Schuh Ende Jänner 1847 im Allgemeinen Krankenhaus durch. In einer Tageszeitung hatte er von der Narkose im Massachusetts General Hospital in Boston gelesen. Er erprobte die Methode zunächst an Tieren und gesunden Menschen, bevor er am 27. Jänner 1847, als einer der ersten Chirurgen am Kontinent, eine Amputation im Ätherrausch durchführte. Zur Einbringung des Ätherdampfes benutzte Schuh eine Ochsenblase, die mit einem kurzen Metallrohr und einem Mundstück versehen war.

Von diesen ersten primitiven Narkosegeräten, den so genannten Blasenapparaten, besitzt die Sammlung leider keine Belegstücke. Thomas Skinner, Geburtshelfer in Liverpool, führte 1862 eine mit Mull überzogene Drahtmaske und die Technik der so genannten Tropfnarkose ein. Diese Narkosetechnik mit mullbedeckten Drahtmasken in den verschiedensten Variationen – die bekannteste ist wohl die 1890 entwickelte Schimmelbuschmaske – stand bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts weltweit in Verwendung. Die Entwicklung der Narkosemasken, von der einfachen Drahtmaske bis zur Dräger-Überdruckmaske, mit der bereits Eingriffe am offenen Thorax durchgeführt werden konnten, ist anhand zahlreicher Objekte fast lückenlos dokumentiert.

Junkers Narkoseapparat

Technisch einfach, aber hochinteressant ist Junkers Narkoseapparat. In der Novemberausgabe der „Medical Times and Gazette“ von 1867 beschrieb Ferdinand Adalbert Junker (1828 bis vermutlich 1901), ein österreichischer Chirurg und Gynäkologe, der in London am Samaritan Free Hospital arbeitete, einen neuen Apparat zur Verabreichung narkotischer Dämpfe. In seiner einfachsten Form besteht der Apparat aus einer mit flüssigem Narkosemittel gefüllten Flasche, einem Gummiballon als Gebläse und einem Mundstück oder einer Maske. Die Flasche konnte mit einem Haken an der Kleidung eingehängt werden. Durch Kompression des Gummiballons konnten unterschiedliche Mengen des Narkosemittels in der Flasche zum Verdunsten gebracht werden und dem Patienten über ein einfaches Rohr oder eine Maske inhaliert werden.

Der Junker Gebläseapparat war das erste Gerät nach dem „Blow over“-Prinzip, das zum Vorbild ganzer Generationen von Narkosegeräten wurde. Sein Vorteil lag in der guten Steuerbarkeit und dem geringen Narkosemittelverbrauch. Der Apparat erlangte weltweite Verbreitung und wurde in Narkoselehrbüchern noch 1950 beschrieben. Der in Österreich fast vergessene Ferdinand Junker führte ein abenteuerliches Leben. Er studierte in Wien, arbeitete bis 1871 in London und wurde dann zum Direktor der Kyoto Medical School in Japan berufen. Hier beschäftigte er sich neben seiner medizinischen Arbeit mit japanischer Kultur und veröffentlichte die „Segenbringenden Reisähren“, eine mehrbändige Anthologie der japanischen Kultur, die auch heute noch hoch geschätzt ist. 1882 tauchte er wieder in London auf und übersetzte einige Werke Billroths. Um 1900 verschwand er praktisch spurlos von der Bildfläche. Der ideale Nährboden für Gerüchte und Geschichten, die makaberste bringt Junker in Zusammenhang mit dem legendären „Jack the Ripper“, nach dem die Polizei in London ab 1888 fahndete. Man suchte einen Mann mit Kenntnissen in Anatomie, der fähig war, seine weiblichen Opfer zu betäuben und innere Organe mit chirurgischer Präzision zu entfernen. Junker konnte das alles zweifellos. Gesichert ist aber nur, dass er zur fraglichen Zeit in London lebte.

Narkosegerät nach Ombredanne

Eines unter den vielen optischen wie technischen Gustostückerln der Sammlung ist der Narkoseapparat nach Louis Ombredanne (1871 bis 1956). Ein einfaches, aber technisch ausgeklügeltes Narkosegerät für Äther. Die einfache Bedienung machte den Apparat zum weltweit meistverkauften Narkosegerät. Entwickelt 1908, stand das Gerät mit geringen Verbesserungen für Jahrzehnte in Verwendung. Noch 1952 wird das Gerät in anästhesiologischen Lehrbüchern wegen seiner einfachen Handhabung, seines geringen Gewichts und sparsamen Ätherverbrauchs gerühmt. Das war wohl auch der Grund, warum der Apparat zuletzt vorwiegend in der Kriegschirurgie, 1963 in Vietnam und sogar noch 1982 im Falklandkrieg eingesetzt wurde.

Wie einfallsreich die Möglichkeiten genutzt wurden, zeigen auch die Trichlorethylen-Inhalatoren, die vorwiegend in der Geburtshilfe zum Einsatz kamen. Dabei handelt es sich um ein einfaches, als Handgriff geformtes, mit flüssigem Narkotikum gefülltes Gefäß mit Mundstück oder Maske. Auffallend an diesen kleinen Apparaten ist ein Bändchen oder eine kleine Kette. Am Beginn der Narkose bekamen die Patienten den Inhalator um den Hals gehängt. Sie mussten nun das durch die eigene Handwärme verdampfende Narkotikum einatmen. Irgendwann schliefen sie ein. Das Gerät fiel aus der Hand – zum Auffangen diente das Bändchen oder die kleine Kette um den Hals – und der Eingriff konnte beginnen. Eine Überdosierung des Narkotikums war so praktisch nicht möglich.

Die Entwicklung der Narkosegas-Verdampfer, Kohlendioxid-Absorber und Anästhetika ist hier ebenso dokumentiert wie die Intubationstechnik, vom Kuhnschen Metalltubus bis zu modernen Laryngoskopen und Trachealtuben. Erste Bluttransfusionsapparate für die direkte Transfusion von Mensch zu Mensch, diverse Spezialkanülen und Nadeln und natürlich eine Reihe von Narkosegeräten und Beatmungsmaschinen von einfachen Geräten bis zu komplizierten Anästhesiearbeitsplätzen vervollständigen die Sammlung, die fast täglich durch neue Schenkungen und Leihgaben wächst. Graphisch schön gestaltete Poster machen die Narkosetechnik auch für Nicht-Anästhesisten verständlich.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 12/2004

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