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30. November 2005

Die sprechenden „Schedel“ des Dr. Gall (Narrenturm 6)

Charaktereigenschaften aus der äußeren Schädelform ablesen zu können, glaubte der Anatom und Hirnforscher Franz Joseph Gall (1758 bis 1828). Mit seiner Idee machte er Furore, und das, obwohl oder gerade weil im Dezember 1801 Kaiser Franz II. seine Vorlesungen in Wien mit kaiserlichem Dekret verbot.

„Da über diese neue Kopflehre, von welcher mit Enthusiasmus gesprochen wird, vielleicht manche ihren eigenen Kopf verlieren dürften, diese Lehre auch auf Materialismus zu führen, mithin gegen die ersten Grundsätze der Religion und Moral zu streiten scheint, so werden Sie diese Privatvorlesungen alsogleich verbieten lassen,“ so Kaiser Franz II. Franz Joseph Gall versuchte zwar diese Vorwürfe zu entkräften, aber das Verbot blieb bestehen.

Kranioskopische Reise

Der Anatom und Hirnforscher verbreitete darauf zusammen mit seinem Schüler Kaspar Spurzheim (1776 bis 1832) seine Theorien auf einer „kranioskopischen Reise“ durch ganz Europa. Unter der Bezeichnung „Phrenologie“, die der englische Arzt Thomas Foster später prägte, breitete sich die neue Schädellehre über die ganze Welt aus. Fünfzig Jahre später machten die Brüder Fowler in den USA und England einen prosperierenden Industriezweig aus Galls „physiognomischem System“. Gall, in der Nähe von Pforzheim geboren, beendete 1785 sein Medizinstudium in Wien. Elf Jahre später begann er seine „neue anatomisch-wissenschaftliche Lehre über die Quellen geistiger und emotioneller Eigenschaften des Menschen“ in Wien zu verkünden. Er hatte bei Schulkameraden beobachtet, dass jene, die ein außergewöhnliches Gedächtnis hatten, immer Glotzaugen hatten. Daraus schloss er, dass der Sitz des Gedächtnisses wohl im vorderen Gehirnanteil oberhalb der Augen lag. „Wenn das Gedächtnis sich durch ein äusseres Merkmal verräth, sollten nicht auch noch andere Geisteseigenschaften von aussen erkannt werden können?“ Von dieser Idee besessen, forschte Gall an den Schädeln verschiedenster Menschen: in Gefängnissen, im Narrenturm, aber auch bei Gruppensitzungen mit „Individuen aus den untersten Schichten und aus verschiedenen Berufen“ in seinem Haus. Er untersuchte Tausende von Schädel, Büsten von Persönlichkeiten, Lebend- und Totenmasken, las Biographien und versuchte besondere geistige und psychische Eigenschaften an der äußeren Form des Schädels – „bestimmte Eigenschaften bey bestimmten Erhabenheiten oder Vertiefungen“ – zu lokalisieren.

27 „Hirnorgane“ ermittelt

27 etwas merkwürdige Grundeigenschaften, so genannte „Hirnorgane“, ermittelte Gall durch exaktes Ausmessen der Schädel. Neben Eitelkeit, Stolz und Herrschsucht, fand sich da auch der Sprachsinn, der Zahlensinn, der Instinkt der Verteidigung seiner Person und Eigentum, der Raufsinn, die Religiosität, der Bausinn, aber auch der Diebessinn, der Würgsinn und die Neigung zum Morden. Von all den Sinnen, die Gall hier beschrieb, bestätigte sich später – dies wahrscheinlich rein zufällig – nur die Lage des Sprachzentrums. Mit seinen Vorlesungen über seine „Schedellehre“ begeisterte Gall die Wiener Gesellschaft. Das Entdecken bestimmter Charaktereigenschaften und Talente durch gegenseitiges Abtasten des Kopfes wurde zum gesellschaftlichen Zeitvertreib. Nach dem Verbot seiner Vorlesungen gab Gall seine Wiener Praxis auf und ließ sich in Paris nieder. Seine umfangreiche Schädel- und Büstensammlung musste er in Wien zurücklassen. Sie befindet sich heute im Roulette-Museum in Baden bei Wien. In Paris waren Künstler und adelige Prominenz seine Patienten und Gönner. Galls „physiognomisches System“ war aber immer heftig umstritten und Gegenstand vieler Pamphlete und Artikel. Trotz aller Auswüchse und Irrtümer der Phrenologie darf aber nicht vergessen werden, dass Gall einer der bedeutendsten Hirnanatomen war. Er verbesserte die Methoden der Hirnsektion, er unterschied bereits zwischen grauer und weißer Gehirnsubstanz und auch wenn er sich in fast allem geirrt hatte, war er der erste, der die Idee hatte, Hirnfunktionen zu lokalisieren. Schädelnachbildungen mit den von Gall gefundenen Funktionsfeldern fanden in ganz Europa große Verbreitung. Das Interesse an Galls neuer „Schedellehre“ ebbte nach seinem Tod 1828 in Europa etwas ab. Nicht so in den USA. Von Amerika aus kam Mitte des 19. Jahrhunderts neuerlich eine „phrenologische“ Modewelle nach Europa, speziell nach England. Die Brüder Fowler, die die Phrenologie in Amerika stark vereinfacht und popularisiert hatten und gemeinsam mit ihrem Schwager, Samuel Roberts Wells, zu einem überaus lukrativen Geschäftszweig ausgebaut hatten, machten auch in Europa aus der Phrenologie eine florierende Industrie.

„Kopf lesen“ wurde zum gut bezahlten Geschäft

Gut bezahlte Analysen, Berufsberatungen, Intelligenztests, Porzellanschädel, phrenologische Zeitungen und für die breite Masse bestimmte pseudo-wissenschaftliche Bücher und Anleitungen zur Selbstanalyse machten die Phrenologie zumindest im angelsächsischen Raum zu einer höchst populären „Wissenschaft“. Scharenweise ließen sich die Menschen den „Kopf lesen“. Arbeitgeber verlangten phrenologische Charaktertests und Phrenologen ermittelten Begabungen und Zukunftschancen, etwa so, wie sie heute die Astrologie anbietet. L. N. Fowler gründete 1886 die britische phrenologische Gesellschaft. Sie bestand immerhin bis 1967. Die Porzellanschädel mit den phrenologischen Zonen der Firma Fowler und Wells sind ein klassisches Beispiel der „praktischen Phrenologie“, mit der die „phrenologischen Fowlers“ vor allem im angelsächsischen Bereich bekannt und berühmt wurden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 13/2005

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