zur Navigation zum Inhalt
 
30. November 2005

Der Medizin-Revolutionär in der Leichenbaracke (Narrenturm 34)

Ein Querdenker war er schon immer: Im berühmten Blockhaus im Leichenhof des Wiener Allgemeinen Krankenhauses machte der Pathologe aus einer spekulativen, philosophierenden Heilkunst eine exakte Wissenschaft.

Als unbesoldeter Praktikant trat Carl von Rokitansky (1804-1878) nach Abschluss seines Medizinstudiums 1927 in die seit 1812 mit Laurenz Biermayer besetzte Prosektur des AKH ein. Biermayers Karriere war zunächst durchaus viel versprechend verlaufen. Er bemühte sich eifrig um das pathologische Museum und neben sorgfältig gearbeiteten Präparaten erstellte er auch exakte Inventarlisten und einen Ausstellungskatalog mit zahlreichen Illustrationen. 1821 erhielt er wegen seines großen Eifers und Könnens die außerordentliche Professur für pathologische Anatomie.

Fleischklumpen in schwarzer Flüssigkeit

Doch leider entwickelte Biermayer mit der Zeit „mehr Neigung zum Trunkenbold als zum Professor“, und als sein Hang zu Hochgeistigem bereits den Spiritusflaschen seines Museums gefährlich wurde, wurde er 1828 seines Amtes enthoben. Die pathologische Präparatesammlung hinterließ er in einem schrecklichen Zustand. „Fleischklumpen in schwarzer und brauner Flüssigkeit“ fanden sich dort, wie man in einer zeitgenössischen Schilderung lesen kann. In dieser Zeit und unter solchen wahrlich nicht sehr einladenden Umständen begann also Rokitansky sein Werk. Nach dem frühen Tod Johann Wagners, des Nachfolgers Biermayers, übernahm Rokitansky 1832, zunächst supplierend, die Lehrkanzel für pathologische Anatomie. 1834 wurde er zum Professor ernannt, zum Prosektor des Allgemeinen Krankenhauses und zum Kustos des pathologisch anatomischen Museums – Positionen, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1875 innehatte. Waren seine Vorgänger im Museum noch vorwiegend Sammler – das Sammeln geht ja bekanntlich jeder Wissenschaft voraus –, kam mit Rokitansky erstmals ein begnadeter Forscher auf diesen Posten. Sein erklärtes Ziel war es, die „Tathsachen“ vom rein anatomischen Standpunkt wissenschaftlich zu ordnen und zu zeigen, wie diese „Tathsachen“ für die Diagnostik am Lebenden zu verwerten seien. Er wollte „die klinische Medizin auf eine feste, unwandelbare, physikalische Grundlage zurückführen“. Viele Jahre hindurch griffen naturphilosophisch orientierte Professoren Rokitansky deswegen heftig an und bezichtigten ihn des Materialismus – damals durchaus ein nicht ungefährlicher Vorwurf. In Josef Skoda (1805 – 1881), der mit seinen Untersuchungen über Perkussion und Auskultation die Grundlage zur physikalischen Krankenuntersuchung legte, fand Rokitansky aber einen kongenialen Mitstreiter. Mit den beiden kam „eine Sicherheit in die ärztliche Diagnose und in das ärztliche Handeln, von der man früher keine Ahnung gehabt hatte“. „Vater Roki“, wie ihn seine Schüler liebevoll nannten, wurde zu einem Idol, zu einem Symbol der exakten Wissenschaft.

Genialer Beobachter

Obwohl Rokitansky durch 47 Jahre hindurch jährlich etwa 2.000 Leichen obduziert und dazu noch 25.000 gerichtsmedizinische Obduktionen selbst durchgeführt haben soll, widmete er sich daneben intensiv der pathologisch anatomischen Sammlung. Deren Ausbau lag Rokitansky immer besonders am Herzen. Auch heute noch finden sich viele von ihm selbst angefertigte Präparate und ein vom Meister selbst in klassischem Latein abgefasster handschriftlicher Katalog der Sammlung im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm. Anhand eines solchen einmaligen historischen Präparates aus dem Jahre 1848 konnte der Pathologe, Autor und Medizinhistoriker Hans Bankl nachweisen, dass Rokitansky bereits 1848 bei einem verstorbenen Schustergesellen ein Krankheitsbild mit disseminierten, multiplen knopfförmigen Aussackungen an den Arterien beobachtete. Es war also nicht, wie allgemein angenommen, der Freiburger Pathologe Kussmaul 1862, sondern Rokitansky, der als Erster die „Panarteritis nodosa“ beschrieb, er beschriftete das Präparat als „Diathesis aneurysmatica“. Der Carl Freiherr von Rokitansky-Gedenkraum im Narrenturm erinnert an diesen genialen Beobachter verschiedenster Krankheitsbilder; an den Pathologen, der mit seinen neuartigen Beschreibungen der krankhaften Organveränderungen die medizinische Wissenschaft revolutionierte und die Basis für die moderne Medizin legte; an den Arzt, der zwar selbst nie klinisch tätig war, aber durch seine Zusammenarbeit mit dem Chirurgen Franz Schuh, dem Internisten Josef Skoda und dem Dermatologen Ferdinand Ritter von Hebra der Wiener medizinischen Schule Weltruhm bescherte.

 detail

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 47/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben