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15. November 2005

Schöne Ferien

Ich bin manchmal wirklich erstaunt über die Kinder“, sagt Manuela Weingessel. Sie ist Physiotherapeutin und war in diesem Sommer das erste Mal als Betreuerin mit auf dem Rheumacamp in Warmbad Villach. „Die meisten brauchen zur Therapie nicht extra überredet zu werden.“ Bereits zum 25. Mal fand heuer der in Zusammenarbeit des Österreichischen Jugendrotkreuzes, der Orthopädischen und der Kinderklinik des Wiener AKH, des Preyer’schen Kinderspitals Wien und der Orthopädischen Abteilung des AKH Linz durchgeführte Erholungs- und Therapieaufenthalt statt. Wie die rheuma-kranken Kinder kommen auch manche der 13 Betreuer immer wieder. Die Kinderärztin Dr. Helga Schacherl etwa schon seit 15 Jahren. „In der letzten Zeit merkt man, dass die kleinen Patienten mehr Körperbewusstsein haben“, konstatiert die Wiener Rheumaspezialistin. Im Camp kommt noch die Vorbildwirkung der Größeren dazu, auch dass die jungen Betroffenen sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, wirkt sich positiv aus . Spielerisch und in entspannter Ferienatmosphäre lernen die Kinder und Jugendlichen unter anderem, wie sie auf ihre Gelenke achten und im Alltag besser zurechtkommen. „Kinder müssen Spaß an der Sache haben, sonst bleibt der Therapieerfolg aus“, umreißt es Stefanie Scheuring, diplomierte Krankenschwester und diesjährige Camp-Leiterin.

Langzeitkontrolle

Wie sinnvoll diese in Österreich einzigartige Kinder-Rheumakur ist, dokumentierte eine Langzeitkontrolle über zehn Jahre, bei der 103 Kinder beobachtet wurden: Die Elevation und Außenrotation war an den Schultergelenken signifikant verbessert, der Bewegungsumfang an den Handgelenken hat sich erweitert und auch die Beweglichkeit der Hüften und der Kniegelenke nahm in allen Dimensionen zu. Das durchorganisierte Programm ist „sicher anstrengend für die Kinder“, weiß Ergotherapeutin Niki Gaumannmüller, aber „es geht unter anderem darum, Deformationen vorzubeugen“. Die Kleinen lernen, die von den Ergotherapeuten angefertigten Schienen richtig zu verwenden, dass es Behelfe wie spezielles Essbesteck, Rheumascheren mit dicken Griffen, Tubenquetschhilfen oder extradicke Stifte und Pinsel gibt, um die Gelenke zu schonen; bei Brettspielen und beim Zeichnen können sie die physiologisch richtige Stellung der Hände üben. Gleich zu Anfang wird für jeden ein Therapieplan erstellt und ein Therapieziel definiert. In jedem Fall beginnt der Tag mit einem schmerzlindernden Coolpack und mit Morgengymnastik, dann geht es weiter zu den physiotherapeutischen Übungen zur Gelenkstabilisation und -mobilisation, zur Entspannung und zur Ergotherapie. Durch die Rundumbetreuung kann auch so manches sich abzeichnende seelische Problem abgefangen werden. Gerade in der Pubertät ist es für etliche der Betroffenen schwierig, die chronische Krankheit und das Anderssein zu akzeptieren. Kinder und Jugendliche mit Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises sind häufiger mit Ängsten, geringem Selbstwertgefühl und dem Eindruck, selbst wenig zu einem günstigen Verlauf der Erkrankung beitragen zu können, konfrontiert als beispielsweise Kinder mit Asthma. Besonders ausgeprägt ist dieses Problem bei betroffenen Mädchen. Der intensive vertrauensbildende Kontakt mit den Betreuern während des dreiwöchigen Aufenthalts kann für die Kinder und Jugendlichen unterstützend wirken. Auch die Vorstellungen der Patienten von der eigenen Zukunft gilt es mit der Krankheit in Einklang zu bringen. „Wenn ein 16-jähriger Rheumatiker unbedingt Steinmetz oder Koch werden will, so gilt es, ihn behutsam von diesem Berufswunsch abzubringen“, sagt Prim. Dr. Helmut Fliesser, der bereits seit elf Jahren regelmäßig ins Rheumacamp kommt.

Bewegungsfähigkeit erhalten

Der Linzer Orthopäde sieht wie auch die Veranstalter Rheuma nicht als eine Krankheit einzelner Gelenke. Ziel der Therapie ist ja, die Bewegungsfähigkeit auf hohem Niveau so lange wie möglich zu bewahren, und um das zu erreichen, muss laut Fliesser der ganze Körper in die Behandlung einbezogen werden. So ist es wichtig, dass auch Wirbelsäule und Becken im Lot sind oder dass Muskelverspannungen rechtzeitig entgegengewirkt wird. Das gelingt etwa mit den sanften Methoden der craniosakralen Osteopathie. Freilich wird auch darauf geachtet, dass die jungen Patienten ihre Medikamente nehmen. „Die Compliance hängt davon ab, wie groß das Krankheitsverständnis ist“, weiß Schacherl aus langer Erfahrung. Und zwar das der Eltern. Deren Engagement räumen die behandelnden Ärzte einen hohen Stellenwert ein. Um den Kontakt mit den Betreuern zu halten, gibt es während des Camps Besuchertage, an denen jede Frage beantwortet wird.

Elisabeth Tschachler-Roth, rheuma plus 3/2005

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