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30. November 2005

Präparatekünstler Georg Prochaska (Narrenturm 4)

Die älteste Wachsbossierung des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums zeigt den Kopf eines jungen Mannes, dem operativ der Unterkiefer nach einem Arbeitsunfall entfernt werden musste. Ein ausschlagendes Pferd hatte dem Knecht den gesamten Unterkiefer und das Kinn völlig zertrümmert. Das Präparat stammt vermutlich aus dem Jahr 1800.

Zu dem Objekt mit der Museal Nr. 2091 b im „Rokitansky-Katalog“ besitzt die Sammlung auch noch das dazugehörige Feuchtpräparat (Museal-Nr.: 2091 a), nach dem die Moulage angefertigt wurde. Beide Objekte kamen mit einer Serie von 23 Objekten aus der Sammlung des anatomischen Kabinetts der Uni-versität Wien in das pathologisch-anatomische Museum.

Aufzeichnungen in Katalogen

Im Katalog ist zu diesen Objekten vermerkt: „Präparate, welche aus dem anatomischen Kabinett der k. k. Universität bei der daselbst Statt gehabten Ausscheidung für das k. k. pathologische Museum reserviert wurde.“ Im Hauptkatalog, den der Pathologe Rokitansky im Jahr 1843 anlegte, ist das Feuchtpräparat folgendermaßen beschrieben: „Der vordere Anteil des Kopfes eines Mannes, dessen Unterkiefer und Kinn durch Einwirkung äußerer Gewalt – wie berichtet wird – fehlt, so dass nur die Äste des Unterkiefers vorhanden sind. Die Zunge hängt aus der Mundhöhle heraus.“ Unter diesen Eintragungen steht der Name „Prochaska“. Dieser Prochaska ist kein Unbekannter. Georg Prochaska (1749 bis 1820) übernahm 1791 die Lehrkanzel für Anatomie, später auch die für Physiologie und Augenheilkunde. Der große Anatom Joseph Hyrtl bezeichnete Prochaska als den „ersten und einzigen Wiener Anatomen, der eine tiefe und nach-haltige Spur seines wissenschaft-lichen Wirkens hinterlassen hat“. Hyrtl meinte damit Prochaskas Gedanken zur Nervenphysiologie, als er mehr ahnend als wissend zentrifugale und zentripetale Nerven vermutete. Auch in seinen Arbeiten über Reflexe sprach er bereits von Reflexen, die teilweise mit und teilweise ohne Bewusstseinsvorgänge ablaufen.

Zwei eifrige Anatomen

Der in Mähren geborene Pro-chaska wurde 1874 klinischer Assistent des Professors für praktische Medizin in Wien, Anton de Haen. Bereits in dieser Funktion machte er mit den zwei Arbeiten „de carne musculari“ und „de structura nervorum“ auf sich aufmerksam. Der vielseitige Joseph Barth, Inhaber der anatomischen Lehrkanzel, Augenarzt und populärer Staroperateur in Wien, stellte ihn später als Gehilfen und Assistenten seiner Praxis ein. Barth gelang es, sowohl das anatomische Studium in Wien zu beleben als auch die anatomischen Präparate-Sammlungen zu erweitern. Wegen seiner Schrullen gehörte Barth damals zu den bekanntesten Wiener Originalen. Auf Barths Empfehlung betraute man Prochaska mit der Lehrkanzel für Anatomie und Physiologie in Prag. Nach Barths Rücktritt kehrte Prochaska als dessen Nachfolger nach Wien zurück. 1812 veröffentlichte er seine berühmte „disquasatio anatomico-physiologica corporis humani, ejusque processus vitalis“. Ab 1805 überließ er die „elemantare niedere Anatomie“ seinem Prosektor, weil er sich mehr der damals gerade modern werdenden Forschungsrichtung, der „belebten, höheren“ Anatomie, der Physiologie, aber wahrscheinlich vor allem seinen überaus lukrativen Staroperationen – er soll über 3.000 durchgeführt haben – widmen wollte. Prochaska starb 1820. Die Universität Wien erwarb 1818 seine Präparate. Das „Decret der Studien-Hofcommission“ lautete: „Se. Majestät haben zu entschließen geruht, dass die ausgezeichnet schöne Sammlung anatomisch-physiologischer Präparate und Injektionen des berühmten Prof. und Regierungsrathes Prochaska für die Universität zu Wien (...) angekauft werde.“ Wer diese älteste Moulage der Sammlung des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums tatsächlich geschaffen hat, ist allerdings noch immer ungewiss. Ungewiss ist auch, wie der Pferdeknecht, der diese schwere Verletzung überraschenderweise etwa zehn Jahre überlebt hat, ohne Unterkiefer essen konnte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 11/2005

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