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30. November 2005

Das Betäubungsgerät nach Esmarch (Narrenturm 8)

Unter der Fülle an spektakulären Objekten im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum finden sich auch Objekte, die eigentlich nicht gezielt gesammelt werden, sondern zufällig mit anderen Sammlungen in den Narrenturm gelangten. Wie etwa das unscheinbare Stoffsäckchen mit der etwas hochgestochen erscheinenden Aufschrift „Betäubungsgerät“.

Das „Betäubungsgerät“ gehört zu den Objekten, die normalerweise ein eher unbeachtetes Schattendasein in einer der vielen Vitrinen des Narrenturms führen, die aber in anderen Sammlungen oder Museen zu viel beachteten Gustostückerl gezählt würden. In dem kleinen Säckchen aus groben Stoff, befindet sich eine der ältesten und meist verbreiteten Narkosemasken für Chloroform. Entwickelt wurde die Maske vom deutschen Chirurgen Johann Friedrich August von Esmarch (1823 bis 1908). Alle seine Erfindungen und Entwicklungen, die zum Teil auch heute noch seinen Namen tragen – Esmarch-Handgriff zum Freimachen der Atemwege, Esmarchsche Blutleere, das Dreieckstuch als Stütze bei Armverletzungen – hatten zunächst vor allem Bedeutung für die erste Hilfe und für die Kriegschirurgie. Große Verdienste erwarb sich Esmarch auch um das zivile Samariter- und Rettungswesen in Deutschland.

Mit Tuch bespannte Drahtmaske

Die Esmarch-Maske ist im Prinzip eine mit einem Tuch bespannte Drahtmaske. Eine Konstruktion, die die bereits 1862 beschriebene Maske des Engländers Thomas Skinner modifizierte und verbesserte. Durch das Auftropfen von Chloroform auf den Stoff verflüchtigte sich das Betäubungsmittel und konnte nun als Dampf vom Patienten eingeatmet werden. Eine bedeutende Verbesserung gegenüber der bisher verwendeten Methode, bei der Chloroform, auf ein Tuch oder auf einen Schwamm gegossen, dem Patienten direkt auf Mund und Nase gedrückt wurde. Durch das tropfenweise Aufbringen des Chloroforms auf die Maske kam es, abgesehen von der wesentlich besseren Dosierbarkeit des Narkosemittels, zur Vermischung mit viel frischer Luft und dadurch zu einer drastischen Verminderung der Hypoxie-Gefahr. Esmarch publizierte seinen Chloroform-Narkoseapparat im Jahr 1877. Er stellte seine Erfindung als so genanntes „Chloroformbesteck“ vor. Dieses Besteck bestand aus der beschriebenen Maske, einer Tropfflasche mit Chloroform und einer Zungenzange. Das Set war in einem Lederetui untergebracht und primär für den Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht. Es fand aber auch jahrzehntelang in zivilen Operationssälen weite Verbreitung. Im Prinzip war das Chloroform-Set um 1900 das gesamte Equipment eines Anästhesisten.
Mit geringen Verbesserungen wurde diese Ausrüstung bis weit in die 1950er-Jahre des 20. Jahrhunderts verwendet. Verbesserungen an der Maske, die vor allem den hygienischen Wechsel des Stoffüberzuges problemlos ermöglichten und durch eine Rinne überschüssiges Narkosemittel auffingen, gehen vor allem auf den Chirurgen Curt Schimmelbusch (1860 bis 1865) zurück. Diese sterilisierbaren verchromten Masken für Äther und Chloroform beschrieb Schimmelbusch 1890. Die so genannten Schimmelbusch-Masken sind überraschenderweise auch heute noch fast jedem ein Begriff. Natürlich besitzt das Museum im Narrenturm auch verschiedene Modelle von Schimmelbuschmasken.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 15/2005

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