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30. November 2005

Wissenschaftlichkeit als Vorwand (Narrenturm 7)

Auch das vermeintlich „geburtshilfliche“ Wachsmodell im Narrenturm mit der Musealnummer 31.954 diente einst als Anschauungsmodell. Allerdings nicht an der Universität, sondern im Wiener Prater. Das Schaustück befand sich im „Anatomischen, pathologischen und ethnologischen Museum“ des Schaustellers Hermann Präuscher im Wurstelprater. Im legendären „Präuscher‘schen Panoptikum“.

Der aus Gotha stammende Hermann Präuscher eröffnete sein „Menschenmuseum“ im Prater im Jahr 1871. Unter dem Motto „Erkenne dich selbst“ präsentierte Präuscher, später seine Nachfolger und Erben, dem Zeitgeist entsprechend eine Schau, angesiedelt zwischen anatomischem Museum, „wissenschaftlicher“ Sexualaufklärung, Gruselkabinett und „Freakshow“. Hier führte man dem p.t. Publikum vor, was es wünschte: gesunde, kranke und „abnorme“ Körper als Wachsmodelle oder als anatomische Präparate.

Gruselkabinett als „anatomisches“ Museum

Indem sich diese Art von Eta­blissements als „anatomisches“ Museum ausgab, Wissenschaftlichkeit und künstlerische Darstellung hervorhob, versuchte sie – oft erfolgreich – moralische Bedenken der Obrigkeit bereits im Keim zu ersticken und außerdem dem braven Bürger einen willkommenen Vorwand für den Besuch dieser Kabinette zu liefern. Wohligen Schauder vermittelten nicht nur die anatomischen Darstellungen von Missbildungen, entstellenden Krankheiten, durch Onanie entstehende Erkrankungen oder die so genannten „geheimen Krankheiten“, die Geschlechtskrankheiten, sondern auch die in „lebensgroßen und naturgetreuen Präparaten“ dargestellten „Marterwerkzeuge und Folterqualen der Inquisition“. Im „Führer durch das anatomische, pathologische und ethnologische Museum“ ist dieses Wachsmodell in der Abteilung „Extra-Cabinet“ als „Kaiserschnitt“ bei den „Geburtshilflichen Operationen“ angeführt.

Makabre Beschreibung des Exponats

Präuschers phantasievolle und auch ein wenig makabre Beschreibung des Exponats mit der Nummer 762 lautete: „Wenn die vorhergehenden Nummern uns bereits die Leidensfähigkeit der Gebärenden in hohem Maße vorführen, so erreicht die schreckliche, unter dem Namen des ‚Meisterstücks geburtshilflicher Operationen’ vorgeführte Art der Befreiung der Gebärenden von ihrem Kinde das Ziel, welches nur in den seltensten Fällen von glücklichem Erfolge gekrönt ist und wohl nur dann vorgenommen wird, wenn durchaus kein leichteres, für die Mutter weniger gefährliches Mittel zur Entbindung zu Gebote steht. Die wenigsten Geburtshelfer werden in die traurige Nothwendigkeit versetzt werden, dieses Entbindungsmittel an einer lebenden Person vorzunehmen, desto häufiger aber an frischen Leichen, wo das Leben des Kindes noch vermutet werden kann.“ Dr. Beatrix Patzak, die Direktorin des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums, und Prof. Dr. Anton Schaller weisen aber in ihrer Arbeit in der Wiener medizinischen Wochenschrift über die Darstellungen dreidimensionaler Schnittentbindungen darauf hin, dass bei diesem Modell nach der dargestellten Schnittführung – Medianschnitt und so genannter Kreuzschnitt – vermutlich kein Kaiserschnitt, sondern ein Obduktions-Situs mit einem Fetus in II. Schädellage dargestellt ist. Reste von Präuschers Museum befanden sich im mittlerweile ebenfalls geschlossenen „Sexmuseum“ im Wiener Prater. Darunter befand sich auch die vorgestellte dreidimensionale „geburtshilfliche“ Darstellung. Der Ankauf dieses Objekts aus den Beständen des Sexmuseums bescherte Patzak eine Zeugenaussage vor Gericht, da es unter den Verkäufern der Sammlung zu einem Streit über die Besitzverhältnisse gekommen war.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 14/2005

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