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Neurologie 27. Oktober 2005

Häufige Komorbidität bei Kopfschmerz

Chronische Kopfschmerzen sind häufig mit Angst und Depressionen verbunden, erläuterte Prim.Dr.Ulf Baumhackl, Neurologische Abteilung im Zentralklinikum St.Pölten, bei einem Kopfschmerz-Symposium in Wien. Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist zuallererst der Ausschluss sekundärer Kopfschmerzen und die Feststellung, um welche spezifischen primären Kopfschmerzen es sich handelt.

Vier bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden an Dauerkopfschmerzen. Bei zwei bis drei Prozent liegt ein chronischer Spannungs-Kopfschmerz, bei zwei Prozent eine chronische Migräne und bei 0,2 Prozent ein „neuer täglicher persistierender Kopfschmerz“ oder eine Hemicrania continua vor. Wichtig ist die gezielte Suche nach einer Komorbidität. Auffallend häufig findet man bei Dauerkopfschmerzen nicht nur reichlichen Analgetikagebrauch, sondern auch Angststörungen, Phobien und Depressionen. Die Wahrscheinlichkeit einer Assoziation zwischen Migräne und Depression beziehungsweise Angsterkrankung ist um den Faktor 2,2 bis 5 erhöht. Migränepatienten mit Depression und/oder Angstkrankheit weisen eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit auf, auch Kopfschmerzen vom Spannungsschmerz zu besitzen, was für die Therapie Bedeutung hat – der Einsatz von Antidepressiva kann dann speziell indiziert sein. Migräne tritt aber nicht nur häufig mit Depression und Angsterkrankungen, sondern (nicht ganz so oft) auch mit Epilepsie, Allergien, Hypo- und Hypertonie, Mitralklappenprolaps und Schlaganfall auf. Bei Kindern sind primäre Kopfschmerzen besonders häufig mit psychischen Erkrankungen vergesellschaftet. In der medikamentösen Migräne-Prophylaxe sind die Substanzen erster Wahl Betablocker, Kalziumkanalblocker, Valproinsäure und Topiramat. Unter den Substanzen der zweiten Wahl befinden sich neben ASS und NSAR die Gruppe der Antidepressiva, wobei vor allem Trizyklische Antidepressiva (=TCA), aber auch SSRI in Frage kommen. Auch eine Kombination der beiden hat sich bewährt. Diese Substanzen besitzen eine eigenständige analgetische Wirkung über die Beeinflussung serotonerger Bahnen und können damit als partieller Ersatz von Analgetika angesehen werden.

Substanzen zur Migräneprophylaxe

Ist Migräne mit Epilepsie assoziiert, so kann als gemeinsame Prophylaxe vor allem Valproinsäure, Gabapentin oder Lamotrigin eingesetzt werden. Weitere Substanzen zur Migräneprophylaxe sind – mit Einschränkungen – Magnesium, Vitamin B2 (sehr hohe Dosen notwendig für nur mäßigen Erfolg), ACE-Hemmer (Lisinopril), Angiotensin II-Antagonisten (Candesartan), sowie eventuell auch Pestwurz und Botulinumtoxin. Für welche Substanz man sich in der Migräneprophylaxe entscheidet, wird von der Komorbidität mitbestimmt: bei Angst und Migräne bieten sich zum Beispiel Betablocker oder SSRI an, bei Depression und Migräne zum Beispiel TCA oder SSRI, bei Angst, Depression und Migräne zum Beispiel SSRI. Für die medikamentöse Prophylaxe bei Spannungskopfschmerzen sind Antidepressiva Substanzen erster Wahl: TCA, eventuell SSRI. Substanzen der zweiten Wahl sind Tizanidin, Valproinsäure und mit Einschränkungen eventuell auch Neuroleptika und Botulinumtoxin. Da bei häufigen Schmerzen nicht selten ein täglicher Schmerzmittelgebrauch erfolgt, kann ein Analgetikakopfschmerz vorliegen. Bei Medikamentenabusus muss daher vor Beginn der medikamentösen Prophylaxe zuerst ein Entzug durchgeführt werden. Eine major Depression erhöht das Risiko für Migräne und umgekehrt. Daher muss bei Vorliegen einer Migräne oder Depression auf die andere Erkrankung besonders geachtet beziehungsweise nach ihr gefahndet werden. Migränekopfschmerzen können bei Vorliegen einer Depression besonders stark beeinträchtigen. Es ist daher zu empfehlen, eine Therapie zu wählen, welche dem Patienten für beide Erkrankungen hilft.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 7/2004

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