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17. Oktober 2005

Auf Du und Du mit chronisch Kranken

Erkennen, Behandeln und Begleiten machen den Hauptteil der Tätigkeit von All-gemeinmedizinerInnen aus und nehmen viel Zeit in Anspruch. Aktivitäten im Sinne der Vorsorge laufen mehr oder weniger mit, ihr Stellenwert im Gesundheitssystem lässt noch zu wünschen übrig.

Unter dem Motto „Vom Vorbeugen, Erkennen, Behandeln und Begleiten“ spannt der 36. Kongress für Allgemeinmedizin in Graz einen breiten Themenbogen. Im Mittelpunkt der Tagung vom 24. bis 27. November 2005 in der Grazer Stadthalle steht dennoch der Patient mit chronischen Erkrankungen. Kongressleiter Dr. Walter Fiala vertritt ein modernes Konzept der Allgemeinmedizin, was auch im diesjährigen Kongressprogramm wieder seinen Niederschlag findet. Bei chronisch kranken Patienten gilt das Hauptaugenmerk dem Behandeln und Begleiten. Andererseits finden in der allgemeinmedizinischen Praxis „Maßnahmen zur Vorbeugung täglich in vielfältiger Weise statt“, so Fiala im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Sobald beim Patienten ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung oder einen vorzeitigen Verlust von Funktionen entdeckt oder vermutet wird, geben wir Empfehlungen zur Vorbeugung.“ Dies betreffe insbesondere den Bewegungsapparat, den Herz-Kreislaufbereich, den Stoffwechsel und die Lunge, aber auch die Impfungen, Verhaltensempfehlungen für Reisen und Schonungsempfehlungen bei akuten Erkrankungen, um Spätschäden zu vermeiden.
„Das alles findet jedoch noch ohne Honorierung statt“, kritisiert der Allgemeinmediziner mit der Überzeugung, dass „eine Verbesserung der Medizin von der re-parativen hin zur vorbeugenden Lebensstilmedizin erst das dokumentierte Gespräch über Lebensstil und Risikofaktoren bringen wird.“

Ist die Vorsorgeuntersuchung Neu aus allgemeinmedizinischer Sicht als Fortschritt oder eher Rückschritt zu werten?
Fiala: Die VU neu hat ihren Schwerpunkt auf die Anamnese von Risikofaktoren und Lebensstil gelegt. Dies ist ein Fortschritt, da die Anamnese eine Domäne der Allgemeinmedizin ist, wenn sie durch entsprechende Spezialuntersuchungen erhärtet werden kann. Die Durchsicht des Anamnesebogens mit dem Patienten ist ohne Zweifel zeitaufwändig und wird in Abhängigkeit vom sozialen und intellektuellen Status des Patienten mehr oder weniger lang dauern. Dies bedeutet, dass der Kostenfaktor Zeit berücksichtigt werden muss.
Wünschenswert wäre die EDV-mäßige Erfassung der Risikofaktoren und des Lebensstils mit der Möglichkeit der Verlaufskontrolle. Dadurch könnte der Erfolg einer VU besser evaluiert werden und den Patienten Risikovergrößerung oder Verbesserung eindringlich demonstriert werden.
Die Gewichtung beim Anamnesebogen ist willkürlich. So gibt es keine Fragen Richtung Depression. Der Alkohol-Screeningbogen ist schlecht durchführbar. Die Aufklärung bezüglich der Nachteile des PSA-Screenings wird an der Macht des Faktischen scheitern: Die mündigen Patienten gehen – e-card sei Dank – unmittelbar zum Urologen, da sie die Beruhigung „es fehlt nichts“ suchen.
Es wird interessant werden zu beobachten, ob sich die Sozialversicherungen in ihren Ambulanzen auch an das neue Schema der VU halten oder nach wie vor aus dem großen Topf der apparativen Diagnostik auf unser aller Kosten bedienen werden.

Hat Vorsorge in unserem Gesundheitssystem jenen Stellenwert, der ihr aus ärztlicher Sicht zukommen sollte, z.B. durch Förderungen oder Unterstützung ärztlicher Aktivitäten im regionalen Bereich?
Fiala: Es mangelt nicht an Information bezüglich Vorsorge, sondern an einer Vorsorgekultur, die aus einer grundsätzlichen, intelligenten Eigenverantwortung kommt. Freude an der Arbeit an der eigenen Gesundheit findet vorwiegend in einer gewissen Gesellschaftsschicht mit höherem sozialem und intellektuellem Standard statt. Im Allgemeinen ist die „Lustige Augustin-Mentalität“ zu sehr verbreitet. Alkohol als Problemlöser und legale Gesellschaftsdroge sowie Nikotinabusus sind „in“ und „a bisserl Fett mit Bewegungsmangel“ wird als gegeben hingenommen – alles zu beobachten am Verhaltensmuster der Jugend. Gesundheitsförderung ist in erster Linie eine sozialmedizinische und pädagogische Aufgabe, bei der die Allgemeinmedizin ständig involviert ist. Die Honorierung des zeitlichen Aufwandes für diese Erziehungsarbeit steht allerdings noch nicht einmal zur Diskussion.

Die Ärztekammer hat den gesetzlichen Auftrag bekommen, Qualitätsüberprüfungen in den Ordinationen durchzuführen. In welcher Weise könnte das in allgemeinmedizinischen Praxen Sinn machen?
Fiala: Motivation zur Qualitäts-verbesserung durch Vergleich mit anderen macht Sinn, ein auf Sanktionen aufgebautes System wird aber eher zu Frustration und Verweigerung führen. Es können nun einmal zum Beispiel klinische Standards der Hygiene nicht eins zu eins auf die Praxis umgelegt werden, da sowohl Qualität als auch Quantität von Keimen völlig verschieden sind.

Unter den Referenten des diesjährigen Kongresses sind viele vorwiegend klinisch tätige Ärzte. Hat die im Spital praktizierte Medizin für die Basisversorgung bei chronischen Erkrankungen einen besonderen Stellenwert?
Fiala: Jene klinisch tätigen Ärzte, die bei diesem Kongress vortragen, wurden von uns wegen ihrer besonderen Nähe und Beziehung zur Allgemeinmedizin ausgesucht. Bei chronischen Erkrankungen ist die Klinik wegen ihrer Bedeutung für Neueinstellungen, Behandlung von Komplikationen und Spezialkontrollen auch für Allgemeinmediziner wichtig. Die wertvollen Neuerkenntnisse in der gemein-samen Behandlung ergeben sich oft aus einem Kongress wie dem in Graz heraus. In Vorträgen und Seminaren findet ein permanenter bilateraler Lernprozess von Klinik und Praxis statt.

Erstmals gibt es beim Allgemeinmedizin-Kongress in Graz den Innovationspreis „Gesundheitsförderung für innovative Projekte in der allgemeinmedizinischen Praxis“. Wie ist es dazu gekommen?
Fiala: Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Praxen äußerst erfolgreiche Arbeit zur Gesundheitsförderung leisten. Beispiele dafür sind Gewichtsabnahme-, Lauf- oder Nordic-walking-Gruppen. Dieser Preis wurde vom Kollegen Martin Sprenger initiiert, damit diese Aktivitäten gewürdigt und besser bekannt werden sowie Nachahmer finden.

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