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17. Oktober 2005

Seelische Wundversorgung nach Trauma

Ob Großschadensereignis auf der Autobahn oder tragischer Unfall eines Einzelnen – das niederösterreichische Team aus Ärzten mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung, Psychotherapeuten, Psychologen und Sozialarbeitern hilft erfolgreich bei der Bewältigung von traumatischen Erfahrungen.

Unfälle, Katastrophen, Gewalt und andere extreme Ereignisse verletzen Betroffene nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Mit rascher und fachkundiger Betreuung können diese Erlebnisse besser überwunden und auch posttraumatische Störungen verhindert werden. Das Akutteam NÖ betreute heuer bereits 300 Personen bei der ersten Bewältigung von seelischen Verletzungen.

Erste Hilfe auch für die Seele

„Viele Menschen haben leider immer noch eine gewisse Scheu, auch nach einem traumatischen Erlebnis psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, erklärt Mag. Dr. Veronika Gmeiner, Scheibbs, Mitglied der fachlichen Leitung des Akutteams NÖ, Internistin, Notärztin, klinische Psychologin und Psychotherapeutin in Supervision im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Hier wecken wir das Verständnis, dass es wichtig ist, diese Dinge ernst zu nehmen und es vor allem keine Schande bedeutet, in einer Krise zu sein – einfach in einer Lebenssituation, die aus unserem normalen Alltag heraus fällt. Ich lasse ja auch eine Wunde nähen, und niemand kommt auf die Idee, dies nicht zu tun. Seelische Wunden zu versorgen, ist das Konzept unserer Akutbetreuung.“

Trauerarbeit ist wichtig

Gmeiner weiß aus ihrer Tätigkeit im Spital, dass Menschen im Akuttrauma stecken bleiben und keine Trauerarbeit stattfindet. „Dann können sich posttraumatische Stresserkrankungen, psychosomatische Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen entwickeln“, erläutert die Expertin. Sie erzählt von einem der letzten Einsätze, bei dem ein Kind von einem Grabstein am Friedhof erschlagen wurde. Eltern, Großeltern und auch die Schwester benötigten die Hilfe des Teams. Gmeiner: „Besonders wichtig war in diesem Fall die Intervention auch in den betroffenen Schulklassen. Sowohl die Mitschüler des verstorbenen Kindes als auch die Klasse der Schwester galt es in der Schocksituation zu unterstützen und eine gesunde Kommunikation entstehen zu lassen.“ Ein weiteres Aufgabengebiet des Akutteam NÖ ist die Begleitung der Polizei zu Angehörigen beim Überbringen der Todesnachricht nach einem Unfall. Gmeiner: „Die Polizei verständigt die Familie, das ist auch eine rechtliche Sache, und wir übernehmen die anschließende Betreuung, damit die Betroffenen nach dieser Botschaft nicht in ein tiefes Loch fallen.“ Das Team organisiert auch Verabschiedungen, die früher überhaupt nicht üblich waren. „Das Problem nach tödlichen Unfällen ist ja, dass das Opfer ganz plötzlich nicht mehr da ist, und die Angehörigen es nie wieder sehen werden. Am Friedhof kann man vielleicht noch einmal einen Blick in den Sarg werfen oder manchmal auch nicht. Nur, das ist oft viel zu wenig“, schildert die Ärztin. „Hier organisieren wir für die Angehörigen Raum und Zeit, sich zu verabschieden und begleiten sie dabei. Das ist sehr wichtig für eine erfolgreiche Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen.“

Verpflichtende Fortbildung

Alle Mitarbeiter sind durch verpflichtende Supervision und viermal jährlich stattfindende Fortbildungswochenenden sehr gut auf diese schwierige Arbeit vorbereitet. „Sonst ist das eine Aufgabe, die man nicht lange und nicht gut macht. Es ist sehr wichtig, dass die Helfer ihre oft schrecklichen Erfahrungen selbst auch positiv emotional verkraften können“, ist Gmeiner überzeugt. Außerdem finden pro Jahr zwei bis drei Kongresse zum Thema statt. Das Akutteam NÖ ist auch in die Stabsausbildung involviert, bei der Krisenintervention, Großschadensabwicklung und Betreuungskoordination theoretisch gebracht und praktisch geübt wird.

Über 50 Spezialisten helfen

Die Alarmierung des Teams erfolgt über Einsatzorganisationen wie Rettung, Feuerwehr oder Bezirkshauptmannschaften. Die Mitarbeit ist freiwillig und flexibel. Das heißt, es werden jene Fachleute verständigt, die geografisch am nächsten sind und gerade Bereitschaft haben. Ganz Niederösterreich wurde in fünf Regionen eingeteilt, in jeder davon stehen zwischen acht und zehn MitarbeiterInnen zur Verfügung, insgesamt etwa 50 Aktive. Zusätzlich arbeitet täglich eine Sozialarbeiterin im Journaldienst, weil oft Unterstützung in rechtlichen und sozialen Fragestellungen gebraucht wird.

Genau geregelter Ablauf

Gmeiner: „Unser Journaldienst erkundigt sich nach der Alarmierung, was genau passiert ist. Er knüpft einen ersten Kontakt und schaut, wer und was gebraucht wird, denn es ist wichtig, dass man nicht irgendwo aufkreuzt und die Leute zwangsbeglückt. Werden wir gerufen, wird der in dieser Region in Bereitschaft stehende Mitarbeiter alarmiert, bekommt alle Informationen und fährt hin. Er versucht dann, die Situation vor Ort zu stabilisieren und zu deeskalieren. Die nötige Betreuung entwickelt sich aus der spezifischen Situation.“ Neue Mitarbeiter begleiten zuerst zwei Einsätze, dann arbeiten sie zwar selbständig, stehen aber mit einem erfahrenen Kollegen in ständigem telefonischen Kontakt. Erst danach absolvieren sie eigenverantwortlich Einsätze, wobei aber immer die Möglichkeit besteht, sich im Hintergrund Rat zu holen. Der Journaldienst ist immer erreichbar, er nimmt Arbeiten ab und hilft auch emotional.

Kosten übernimmt Land NÖ

Die Finanzierung erfolgt durch das Land Niederösterreich. Bis zu sechs Stunden pro betreuter Person werden bezahlt. Sollten mehr Stunden nötig sein, vermittelt das Akutteam die Betroffenen in andere, längerfristige Betreuungs- und Therapiesysteme. Die Mitarbeiter bekommen für die Bereitschaft kein Entgelt, bezahlt werden nur die Einsätze.

Erste Evaluierung läuft

Gmeiner berichtet von einer gerade laufenden Evaluierung des Projekts durch eine deutsche Universität: „Das ist uns sehr wichtig. Es sind sowohl unsere Mitarbeiter als auch 200 unserer Betreuten aus den letzten Jahren angeschrieben worden. Die Auswertung läuft gerade, das Ergebnis erwarten wir für den Herbst oder Frühling. Wir sind schon sehr neugierig, denn wir wollen qualitativ gut arbeiten und uns kontinuierlich verbessern.“ Ähnlich aufgebaute Systeme zur Katastrophen- und Notfallbetreuung gibt es auch in Wien, das eine Vorreiterrolle inne hatte, in Tirol und in der Steiermark. Eine Evaluierung notfallpsychologischer Arbeit findet im deutschsprachigen Raum erstmals in diesem Umfang statt.

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