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7. Oktober 2005

Mit Fingerspitzengefühl behandeln

Die Grazer Schule für Manuelle Medizin hat seit ihrem Bestehen mehr als 500 Ärzte aller Fachrichtungen ausgebildet. Starkes Augenmerk wird dabei auf die Ursachen-Folge-Beziehung von Beschwerden des „Bewegungssystems“ gelegt.

„Cheiros“ und „manus“ verraten es auf Anhieb. Die antiken Vokabeln für „Hand“ sind sowohl im Wort „Chiropraktik“ als auch in „Manualmedizin“ Hinweis dafür, dass es beim Erkennen und Behandeln von Beschwerden am Bewegungssystem um gezielte Handgrifftechniken geht, um Mobilisation und Manipulation. So präzisieren die beiden Leiter der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Manuelle Medizin (ÖAMM), Prof. Dr. Rudolf Lackner und Prof. Dr. Heinz Mengemann. Gemeinsam gründeten sie vor mehr als zehn Jahren die Arbeitsgemeinschaft in Graz als Ausbildungseinrichtung, die der Tradition der Manuellen Wirbelsäulen- und Extremitätentherapie im schwäbischen Neutrauchburg und ihres Gründers Dr. Karl Sell entspringen.
Mittlerweile zählt die Grazer Schule für Manuelle Medizin mehr als 500 Absolventinnen und Absolventen aus dem In- und Ausland. Waren es anfangs vorwiegend Allgemeinmediziner und Orthopäden, sind es nun Ärztinnen und Ärzte aus allen medizinischen Fachrichtungen, die daran interessiert sind, die Vernetzung des Systems Mensch mit dem Instrumentarium, das die Manualmedizin bietet, umfassender zu begreifen. Eine Entwicklung, die in der wachsenden Bedeutung interdisziplinärer Betrachtungsweisen auch in dieser Behandlungsform ihre Entsprechung findet, wie die tägliche Praxis zeigt.

Umfassende Anamnese

Denn Grundlage jeder manualmedizinischen Behandlung ist eine umfassende Anamnese und die Integration der Befunde verschiedenster Disziplinen. Auf dieser Basis werden die spezifisch manualmedizinischen Kenntnisse angewandt, mit deren Hilfe oft Jahre zurück liegende Ursachen und Zusammenhänge berücksichtigt und entdeckt werden können. Als wesentliche Säulen nennt die Grazer Schule Interdisziplinarität und Differenzialdiagnostik, die auf einem holistischen Ansatz basieren. Konsequenterweise wird der Begriff „Bewegungssystem“ gewählt, wenn es um das komplexe Zusammenspiel der Gelenke von Extremitäten und Wirbelsäule geht.
Beim so genannten Tennisellbogen, um ein geläufiges Beispiel zu nennen, sollte daher nicht ausschließlich der schmerzende Ellbogen im Blickpunkt der Therapie stehen, sondern der Ellbogen mit der benachbarten Schulter, den Nerven, den Rippen, der Wirbelsäule als Achsenorgan - all jene Beziehungen, die in der Gesamtwirkung dieses Schmerzbild ergeben. „In unserer Ausbildung versuchen wir den Kolleginnen und Kollegen deshalb zu vermitteln, wie sie vom Begreifen zum Behandeln kommen, wobei die Patientinnen und Patienten grundsätzlich partnerschaftlich miteinbezogen werden.“ Denn die Heilungschancen steigen nachweislich, wenn Patientinnen und Patienten in Eigenverantwortlichkeit die Handlungen des Gegenübers nachvollziehen können.
Starkes Augenmerk auf die Ursachen-Folge-Beziehung erhöht nicht nur die Erfolgsquote der Behandlung chronischer Haltungsproblematiken bei dauernder Fehlbelastung. Auch die Therapieerfolgsrate bei Beschwerden, die auf den ersten Blick nicht auf Dysbalancen im Bewegungssystem zurückzuführen sind, wächst. So hat Mengemann in Zusammenarbeit mit der Grazer Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen äußerst interessante Resultate bei der Behandlung von Schwindel bei Patienten unterschiedlicher Altersstufen erzielt. Die Dokumentationsarbeit über den Einsatz der Manualmedizin umfasst derzeit mehr als 2.000 Fälle. Weitere 1.500 Fälle dokumentiert die Arbeit von Lackner in Kooperation mit der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde bei chronischem Kopfschmerz im Kindesalter.
Dieses Vorgehen hat sich auch bei vielen Patientinnen und Patienten bewährt, die laut Befund „nichts haben“ und dennoch über Schmerzen klagen. Die Herausforderung der Manuellen Medizin besteht hier unter anderem darin, den scheinbaren Widerspruch zwischen Befinden und Befund aufzuarbeiten und funktionelle Störungen als Ursache derselben zu erkennen und zu beheben. Im Vordergrund der Behandlung stehen sanfte Techniken. Das berühmte „Knacken“ ist dabei nicht unbedingt notwendig – es genügen oft Massage, Kneten, Dehnen, Streichen, punktförmiges Niederdrücken von Verspannungsstellen oder kleine Kreisbewegungen, um die Beschwerden zu lindern.

Praxisorientierte Vermittlung

„Erkennen, entscheiden, umsetzen“ sind die Zugänge, die von der Grazer Schule sehr praxisorientiert vermittelt werden. Die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Manuelle Medizin ist von der Österreichischen Ärztekammer als Lehrinstitution zur Erlangung des ÖÄK-Spezialdiploms „Manuelle Medizin“ anerkannt und als solche auch DFP-akkreditierter Veranstalter. In insgesamt 310 Stunden umfassenden Kursen wird den Kolleginnen und Kollegen die Ausbildung für die Zusatzbezeichnung „Manuelle Medizin“ vermittelt.

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