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14. Dezember 2005

Die leidenschaftlichen Spurensucher (Altes Medizinisches Wien, Preis)

Seit nunmehr zweieinhalb Jahren versorgen Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, beide im Hauptberuf Anästhesisten in Wien, die Leser der ÄRZTE WOCHE mit der Serie „Auf Spurensuche im Alten Medizinischen Wien“. Fast nebenbei ist so ein Reiseführer durch das gesamte medizinhistorische Wien entstanden. Doch immer wieder tauchen neue Spuren auf, die es wert sind, verfolgt zu werden.

„Von Anatomen bis zu Zahnbrechern“ hat das medizinische Wien erstaunlich viel zu bieten. Die von Regal und Nanut erarbeiteten Beiträge geben Einblick in Wege und Irrwege der ärztlichen Kunst, die auch für die moderne Medizin von Bedeutung sein können. Augenschmaus und Information für jedes Interesse und jeden Geschmack werden geboten. Manche der oft gar nicht so kleinen Sammlungen und Museen haben zwar keine geregelten Öffnungszeiten, es ist aber meist nicht schwer, Besichtigungstermine zu vereinbaren. „Der Vorteil daran ist, dass man dadurch oft in den Genuss einer privaten Führung kommt“, betont Regal, der selbst solche Führungen macht. Führungen, während der man nicht nur die ausgestellten Objekte, sondern meist auch die Geschichte der Sammlung und des Faches kurzweilig, interessant und mit His-törchen gewürzt vorgestellt bekommt. Im Interview mit ÄRZTE WOCHE-Chefredakteur Herbert Hauser geben die beiden Autoren Einblick in ihr spannendes Hobby und ihre weiteren Pläne als „Sherlock Holmes und Dr. Watson“ der heimischen Medizingeschichte.


Auszeichnung für die „Spurensucher“: Dr. Wolfgang Regal (2.v.re.) und Dr. Michael
Nanut (re.) erhielten am 24. November den 1. Preis des Österreichischen
Zeitschriften- und Fachmedienverbandes (ÖZV) für 2004. Gesundheitsministerin
Maria Rauch-Kallat, KR Dr. Rudolf Bohmann (Präsident des ÖZV) und Juror
Günther Greul (li.) gratulierten.

Wann hat die Spurensuche begonnen?
REGAL: Begonnen hat die Spurensuche Anfang der 1990-er Jahre. Auslöser waren der Besuch eines befreundeten Pathologen aus New York und kurz danach der eines Pariser Psychiaters. Der eine wollte das medizinische Wien Rokitanskys besichtigen, der andere das Wien Sigmund Freuds. Was blieb mir als bereits damals medizinhistorisch Interessiertem anderes übrig, als mich über die vielfältig vorhandene Literatur hinaus über „herzeigbare“, fremdenführerisch vermarktbare Objekte, Sammlungen, Gedenkstätten, Denkmäler etc. schlau zu machen. Dabei entdeckte ich, dass es neben den allgemein bekannten medizinhistorischen Einrichtungen, die in jedem Reiseführer erwähnt sind, eine Fülle von kleinen Sammlungen und Gedenkstätten gibt, die im wahrsten Sinn des Wortes im Verborgenen blühen. Als mich dann noch ein deutscher Chirurg besuchte, der auf den Spuren Billroths wandeln wollte, reifte in mir die Idee, das Ganze zu einem Buch, zu einem Stadtführer durch das Alte Medizinische Wien zu machen. Recherchieren und die manchmal geradezu detektivische Spurensuche in Bibliotheken, Archiven und im Stadtbild von Wien waren oft Ausgleich zu den mitunter anstrengenden Diensten im Spital. Und irgendwann wurde tatsächlich ein herzeigbares Manuskript daraus.

Wie seid Ihr zum Team geworden?
REGAL: Beruflich sind wir schon lange ein Team. Wer von uns beiden auf die Idee kam, aus dem Manuskript, das zwar ein Verlag angenommen, aber nicht gedruckt hatte, eine Zeitungsserie zu machen, weiß ich nicht mehr. Wir holten uns das Manuskript zurück, überarbeiteten es und boten es der ÄRZTE WOCHE als Serie an.

Inzwischen ist mit über 90 Folgen in der ÄRZTE WOCHE ein enormer Fundus zusammengekommen. Wie findet Ihr immer wieder neue Themen?
REGAL: Der Umfang der Serie übertrifft mittlerweile das ursprüngliche Manuskript um ein Vielfaches. Bei der Recherche zu einer Geschichte tauchen plötzlich – manchmal in Anmerkungen, in Nebensätzen, manchmal in Straßennamen – neue Geschichten auf. Straßennamen, Ehrengräber und Denkmäler im Arkadenhof der Uni Wien sind oft der Beginn einer genaueren Suche. Zufällig entdeckte, oft vergammelte Gedenktafeln an ebenso vergammelten Häusern sind Glückstreffer. Ein zentrales Verzeichnis von Gedenktafeln auf Wiener Häusern gibt es leider nicht. Zeitungsartikel, Ausstellungen zu Gedenktagen, Buchpräsentationen, aber auch die gar nicht so seltenen Anregungen von Lesern – „über den sollten Sie was schreiben“ – sind oft der Beginn einer Geschichte.

Gibt es die eine oder andere Anekdote?
NANUT: Fällt uns momentan keine ein. Keine einzige bei fast 100 Folgen – das ist ja fast schon wieder eine Anekdote.

Dass eure Art der Aufarbeitung der Medizingeschichte von Wien auf große Resonanz stößt, haben die zahlreichen Leseranfragen in der ÄRZTE WOCHE-Redaktion gezeigt. Seht Ihr dieses Interesse als eine Art Besinnung der Ärzteschaft auf ihre Wurzeln in einer Zeit mit zunehmend schwierigeren Arbeitsbedingungen oder ist es grundsätzlich berufsbedingt?
REGAL: Schwer zu beurteilen. Die Ärzteschaft ist da ziemlich geteilt. Die einen haben großes Interesse an der Geschichte ihres Faches oder an Medizingeschichte überhaupt. Die anderen, darunter auch hochkarätige Universitätsprofessoren, haben dafür überhaupt kein Verständnis. Auffallend für mich war, dass sich überraschend viele Chirurgen für die Geschichte ihres Faches interessierten. Wir waren selbst überrascht, dass die Serie – auch bei Nichtmedizinern – so gut angekommen ist. Ursprünglich geplant waren ja nur zehn Folgen. Jetzt läuft die Serie schon über zwei Jahre und wir nähern uns der Folge 100.

Der Zeitschriftenpreis 2004 war ein beacht-licher Erfolg für Eure Arbeit. Wird die Spurensuche weitergehen oder eventuell ein anderes Projekt in Angriff genommen werden?
NANUT: Die Spurensuche ist noch nicht zu Ende. Sie wird voraussichtlich nicht mehr jede Woche erscheinen, aber ein paar schöne Geschichten haben wir noch auf Lager. Ein Projekt hätten wir schon, aber das wird in der nächsten Zeit wahrscheinlich nicht realisierbar sein. Wir hätten vor, die Spurensuche auf ganz Österreich auszudehnen. Da wird die Recherche aber mühsam und zeitaufwändig. Es sei denn, medizinhistorisch interessierte Leser recherchieren in ihrer Heimatstadt und wir bearbeiten die neuen Folgen gemeinsam - quasi als interaktive Zeitung.

Seit kurzem gibt es ausgewählte Folgen der Spurensuche auch als Buch. Was wird darin geboten?
REGAL: Das Buch versteht sich als eine Art Stadtführer durch das Alte Medizinische Wien. Wir stellen hier nicht nur die „klassischen“ medizinhistorischen Museen, wie das Josephinum, den Narrenturm und das Sigmund-Freud-Museum vor, sondern präsentieren eine Vielzahl unbekannter kleinerer Sammlungen und Museen, die interessante, manchmal auch kuriose Einblicke in das Alte Medizinische Wien und seine Fachgebiete bieten. Unterhaltsamer kann Medizingeschichte nicht sein. Das Buch ist mit vielen farbigen Abbildungen ausgestattet und für nicht Deutsch sprechende Wienbesucher findet sich am Ende jedes Kapitels eine Kurzfassung in Englisch.

Was macht mehr Spaß: die ärztliche Tätigkeit als Anästhesist oder das Recherchieren und Schreiben?
NANUT und REGAL: Zum Glück macht uns auch noch nach Jahrzehnten die ärztliche Tätigkeit Spaß. Ist zwar manchmal stressiger und auch körperlich anstrengender als das Schreiben, aber jede Woche eine Geschichte abzuliefern, erzeugt gelegentlich ganz schön Druck. Aber da wir uns im Spitalsdienst noch nicht vom Schreiben erholen müssen, betrachten wir das Recherchieren und Schreiben nach wie vor als Entspannung.

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