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14. Dezember 2005

Ein Leben mit Kindern (Altes Medizinisches Wien 56)

Trotz ihrer Tätigkeit als Sekretärin, Krankenschwester, Pflegerin und zuletzt auch Stimme und Sprachrohr des an Mundhöhlenkrebs leidenden Vaters war Anna Freud (1896 bis 1982), die jüngste Tochter Sigmund Freuds, nicht nur „Tochter des Vaters“ und das „girl behind Freud“, sondern eine der führenden Psychoanalytikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie führte die Erkenntnisse der Psychoanalyse in die Pädagogik ein und gilt heute als eine der Begründerinnen der Kinderanalyse.

Am 3. Dezember 1896 als jüngstes von sechs Kindern von Sigmund und Martha Freud in der Berggasse 19 in Wien geboren, wäre Anna, wenn sie ein Knabe geworden wäre, Wilhelm genannt worden, nach Sigmund Freuds Freund Wilhelm Fließ, der ihm damals sehr nahe stand. Und die Geburt eines Knaben, den sich Freud gewünscht hatte, hätte wahrscheinlich auch die Kosten für ein Telegramm an Fließ gerechtfertigt. So aber erwähnte er die Geburt seiner Tochter - „am 3. Dezember hat sich ein komplettes Frauenzimmerchen in die Ordination gedrängt“ - nur beiläufig in einem der unzähligen Briefe, die er an Fließ schrieb.
Aber gerade dieses „Frauenzimmerchen“ war es, das später seine „Stellvertreterin“, seine „Stimme“ und nach seinem Tod die Hüterin seiner Worte und als Grande Dame der psychoanalytischen Bewegung geradezu ein Mythos wurde.

Ausbildung als Lehrerin

Nach Abschluss ihrer Schulbildung im Cottage Lyzeum in Wien - Freud kam offenbar gar nicht auf den Gedanken, seine Töchter in ein Gymnasium zu schicken, ein Schultyp, deren Abschluss ihnen ein Universitätsstudium ermöglicht hätte - begann Anna zunächst eine Ausbildung als Lehrerin. Nach erfolgreichem Abschluss unterrichtete sie im Cottage Lyzeum als Probelehrerin und begann sich, etwa um 1915, intensiver mit der Lehre ihres Vaters zu beschäftigen. Freud hatte sie ja bereits mit vierzehn Jahren bei den Sitzungen der „Mittwochsgesellschaft“ zuhören lassen. Sie las seine Bücher, hörte seine „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ und erhielt von Wagner-Jauregg die Erlaubnis, an Visiten der Wiener Psychiatrischen Universitätsklinik teilzunehmen.
Und dann geschah etwas, worüber sich Analytiker noch heute empören: Freud begann bei seiner Tochter eine Lehranalyse! Heute undenkbar, aber in der Frühzeit der Analyse angeblich gar nicht so ungewöhnlich. Problematisch dabei ist, kritisieren die Analytiker, dass die Beziehungen, die der Patient im Zuge der Analyse auf den Analytiker überträgt, am Ende der Analyse nicht gelöst werden können. Das erwachsene Kind bleibt an den Vater gebunden. Möglicherweise hat der „Vaterkomplex“, den Anna wahrscheinlich mit sich herumtrug, hier seinen Ursprung. Diese Lehranalyse, wenn auch von Kritikern schon damals als nicht sehr erfolgreich eingestuft, befähigte sie jedenfalls, vor der Vereinigung ein Referat über „Schlagphantasien und Tagträume“ zu halten. Dieser erste Vortrag, der ihre Begabung bereits erkennen ließ und Sigmund Freud ungemein stolz auf seine Tochter machte, führte 1922 zur Aufnahme in die psychoanalytische Vereinigung.

Pionierarbeit auf schwierigem Terrain

Als ausgebildete und leidenschaftliche Pädagogin, Anna unterrichtete fünf Jahre lang im Cottage Lyzeum, beschäftigte sie sich vorwiegend mit Kindern. Aus der begabten Lehrerin wurde eine ideenreiche Analytikerin, die Pionierarbeit auf dem neuen und schwierigen Gebiet der Kinderanalyse leistete. 1923 eröffnete sie in der Wohnung des Vaters in der Berggasse eine eigene Ordination und hatte bald auch eigene Patienten. In diese Zeit fällt auch der Beginn der Krebserkrankung des Vaters. Anna wurde in zunehmendem Maße seine Vertraute und Sekretärin. Sie vertrat ihn nicht nur bei Kongressen und Vorträgen, sie war auch die einzige Krankenpflegerin, die er duldete. 1925 tauchte die Millionärsgattin Dorothy Burlingham, die Tochter des berühmten New Yorker Juweliers Tiffany, mit ihren vier Kindern in Wien auf, um sich zur Psychoanalytikerin ausbilden zu lassen. Anna Freud und Dorothy Burlingham wurden ein unzertrennliches Paar. Vermutungen, es handle sich um eine lesbische Beziehung, wehrten beide ab. Ihre Lebensgemeinschaft hielt bis zum Tod von Burlingham im Jahre 1979.

Veröffentlichung mehrerer „Klassiker“

Ein am Lehrinstitut der psychoanalytischen Vereinigung in Wien gehaltenes Seminar fasste Anna 1927 zu ihrem ersten Buch „Einführung in die Kinderanalyse“ zusammen. Mehr und mehr musste sie die Aufgaben ihres Vaters übernehmen und ihn in vielen Belangen vertreten. Sie wurde Generalsekretärin der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und ab 1935 Leiterin des Wiener Lehrinstituts. Ihr wichtigstes Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ erschien 1936. Mit ihrer Gefährtin Burlingham engagierte sich Anna zunehmend für wohltätige Projekte. Mit finanzieller Unterstützung der Amerikanerin Edith Jackson gründeten sie 1937 einen Kindergarten, die „Jackson Nursery“ für Kleinkinder aus armen Familien am Rudolfsplatz in Wien, wo sie ihre Studien über kindliches Verhalten und Essgewohnheiten begann. Aber bereits im März 1938 musste die „Jackson Nursery“ geschlossen werden. Die ganze Familie Freud flüchtete vor dem Naziterror nach England.
Im September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus, Sigmund Freud starb einige Tage später in London. Um ihre Verzweiflung und Trauer zu überwinden, stürzte sich Anna in Arbeit. Um ihm ein Denkmal zu setzen, begann sie sofort mit der Herausgabe seiner „Gesammelten Werke“. Sie erschienen teilweise noch während des Krieges in England in deutscher(!) Sprache. Gemeinsam mit Burlingham gründete sie 1940 die „Hampstead Nurseries“, ein Kinderheim, in dem sie Kriegswaisen analytisch und pädagogisch betreute. Das nach dem Krieg von ihr ins Leben gerufene Ausbildungsinstitut für Kinderanalytiker, die „Hampstead Child Therapy Courses“, 1952 um eine psychosomatische Kinderklinik erweitert, wurde ihr Lebenswerk. Hier schuf sie ein Zentrum, in dem Forschung und Lehre betrieben und durch Beobachtungen an Säuglingen und Kleinkindern viele von Sigmund Freuds Thesen bestätigt werden konnten. Kinderanalytiker aus der ganzen Welt lernten hier ihr Handwerk. Anna leitete diese Klinik bis zu ihrem Tod.

Wachsender Ruhm und viele Ehrendoktorate

Annas Ruhm wuchs ständig. Nach 1950 erhielt sie acht Ehrendoktorate und zahlreiche Würdigungen, die sie aber nicht auf ihre Person bezog, sondern als Anerkennung der Psychoanalyse betrachtete. Anlässlich eines Kongresses kehrte sie 1971 erstmals nach Wien zurück. Sie setzte sich sofort dafür ein, die Wohnung und Ordination in der Berggasse 19 zu einer Erinnerungsstätte für ihren Vater umzugestalten. Eine Gedenktafel am Haus gab es zwar bereits seit 1953, die Räumlichkeiten waren aber in desolatem Zustand. Sie stiftete das Originalmobiliar des ehemaligen Wartezimmers und half, die Räume originalgetreu zu rekonstruieren. Heute sind Wohnung und Ordination ein viel besuchtes Museum, Forschungsstätte und Ort der Begegnung zwischen Kunst und Psychoanalyse. Die Bibliothek des Sigmund Freud-Museums in Wien ist die größte psychoanalytische Fachbibliothek Europas. In der ehemaligen Praxis Annas wird heute zeitgenössische Kunst präsentiert.
Spät, aber doch erhielt Anna 1972 auch in Wien das Ehrendoktorat für Medizin. Bis zu ihrem Lebensende war sie weiterhin höchst aktiv. Unermüdlich war sie für „ihre“ Kinder da und suchte nach der sozialen Anwendbarkeit psychoanalytischer Erkenntnisse. Darüber hinaus wachte sie streng über das geistige Erbe ihres Vaters, manche Kritiker meinen, sie bewachte es. Anna Freud starb am 8. Oktober 1982 im Alter von 86 Jahren in London. Am Ende ihres Lebens, fast bis zur Selbstaufgabe bescheiden, sagte sie über sich selbst: „Alles was man über mich einmal sagen kann, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: ‚Sie verbrachte ihr Leben mit Kindern’.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 44/2003

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