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14. Dezember 2005

Der Mann hinter dem Sarkom (Altes Medizinisches Wien 95)

Das „Sarcoma mihi“, wie es der Dermatologe Moritz Kaposi bei seiner ersten Beschreibung 1872 zunächst nannte, war damals noch ein recht seltener und gar nicht sehr bösartiger Tumor der Haut. 100 Jahre später mutierte dieses Sarkom bei immungeschwächten Patienten zu einer höchst bösartigen, aggressiven Form. Als Begleiterkrankung bei HIV-Infektionen wurde es quasi zu einem Synonym für AIDS.

Am 23. Oktober 1837 wurde Moritz Kaposi als Moritz Kohn in Kaposvar in Ungarn geboren. Er konvertierte zum katholischen Glauben und nannte sich von da an, vermutlich auch um seine ungarische Abstammung zu betonen, nach seinem Geburtsort Kaposi. Die Änderung seines Namens gab er in einem Lehrbuch bekannt. Im zweiten Teil des großen Lehrbuchs von Hebra, den zum größten Teil Kaposi geschrieben hatte, steht: „Von Dr. Kaposi (Moritz Kohn), Docent an der Universität Wien“. Der Verleger bemerkte dazu in einer Fußnote: „Unser geehrter Mitarbeiter, Herr Dr. Moritz Kohn, hat diesen seinen in der wissenschaftlichen Welt wohlbekannten Namen in Kaposi umgeändert.“

Habilitation für „Dermatologie und Syphilis“

Kaposi begann 1855 sein Medizinstudium in Wien und promovierte hier sechs Jahre später. Nach zweijähriger Ausbildung an der syphilidologischen Klinik Sigmunds im Allgemeinen Krankenhaus in Wien begann Kaposi 1866 als Assistent an der Klinik Hebra. Noch im selben Jahr habilitierte er sich für „Dermatologie und Syphilis“, wie das Fach damals noch hieß. Genau genommen war Kaposi also bereits ein Schüler der berühmten Zweiten Wiener Medizinischen Schule, aber ein Schüler, der noch den Bau der Schule wesentlich beeinflussen konnte. Kaposi hatte entscheidenden Einfluss auf die histopathologische Erforschung der Hautkrankheiten, und im zweiten Teil des Hebraschen „Handbuches der speziellen Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten“, erschienen 1876, festigte er damit das System von Hebra, entsprechend den neuen histologischen Befunden. Sein 1880 erschienenes Hauptwerk „Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten in Vorlesungen für praktische Ärzte und Studierende“ zählte zu den bedeutendsten Lehrbüchern der Dermatologie und wurde ins Französische, Englische und Russische übersetzt. Seinen grandiosen, mit 242 chromolithographischen Tafeln ausgestatteten „Handatlas der Hautkrankheiten“ veröffentlichte er zwischen 1898 und 1902.

Nachfolger von Hebra

1875 wurde Kaposi Professor. Nach dem Tod seines Lehrers und Schwiegervaters Ferdinand Ritter von Hebra ernannte man ihn 1881 zu dessen Nachfolger an der I. Klinik für Haut- und Geschlechtskrankeiten im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. In jener Zeit rückte die Labormedizin immer mehr in den Vordergrund und „drohte zum Selbstzweck zu werden“. Kaposi hielt jedoch unverrückbar an seinem Leitsatz, der auch die gesamte Wiener Schule prägte, fest: „Die klinische Beobachtung, die Beherrschung des klinischen Materials, ist das erste an unserer Schule anzustrebende Ziel.“ Kaposi war durch und durch Kliniker und in der klinischen Betrachtung, Deutung und Abwägung der Symptome ein klassischer Schüler Hebras. Er hatte wie sein Lehrer den viel gerühmten „klinischen Blick“, und es gelang ihm, auch komplizierteste Fälle scheinbar mit Leichtigkeit richtig zu diagnostizieren. Kaposi wurde zum großen „Krankheitsbeschreiber“ der Wiener Schule. In fast allen seiner Publikationen beschrieb er bisher nicht bekannte Krankheiten, wie etwa in seinen Arbeiten über Keloid, Lupus erythematodes, Lichen scrophulosus, Framboesie, Hauttuberkuloseetc. Aber auch schon bekannte Krankheitsbilder konnte er durch sein histologisches Wissen genauer einordnen. Für den Unterricht bemühte sich Kaposi um Anschauungsmaterial für seine Studenten. Auf seine Anregung hin begann der geniale Arztkünstler Karl Henning 1890 in einer kleinen Kammer der Klinik Kaposi, Hauterkrankungen jeglicher Art farb- und formgetreu in plastischen Nachbildungen herzustellen. Hennings naturgetreue Moulagen – dreidimensionale Wachsmodelle pathologisch veränderter Körperregionen – hatten höchste künstlerische und dokumentarische Qualität und waren als Lehr- und Studienmittel auf der ganzen Welt begehrt.

Exakte Beschreibung des Tumors

Er hatte die Eigenart, bei Neubeschreibungen von Krankheiten die Beifügung des eigenen Namens, wie es in der Medizin oft üblich ist, durch das Wörtchen „mihi“ zu ersetzen. So auch beim Pigmentsarkom der Haut, das er zunächst als „Sarcoma mihi“ bezeichnete. Dieses Sarkom beschrieb er 1872. Später nannte er es dann „multiples idiopathisches Pigmentsarkom“. Aber auch diese Bezeichnung setzte sich nicht durch. Erst 1912 bekam der Tumor, seinem Entdecker zu Ehren, den noch heute üblichen Namen „Kaposi-Sarkom“. In den vierzig Jahren dazwischen hatte der Hauttumor zwölf verschiedene Namen. Kaposi beschrieb den Tumor folgendermaßen: „Es entwickeln sich in der Haut ohne bekannte, allgemeine oder locale Veranlassung, schrotkorn-, erbsen- bis haselnussgrosse, braunroth bis blauroth gefärbte Knoten. Ihre Oberfläche ist glatt, ihre Consistenz derb-elastisch, manchmal schwellend, wie ein Blutschwamm. Sie stehen isolirt und ragen dann, wenn größer geworden, kugelig hervor, oder sie gruppiren sich und bleiben mehr flach...“. Bei nur fünf seiner Patienten hatte er diesen Tumor gesehen. Dass „sein Sarkom“ hundert Jahre später traurige Weltgeltung erlangen sollte, hatte er sich vermutlich nicht vorgestellt.
Die „Kaposi-Renaissance“ im vorigen Jahrhundert wurde bereits 1949 eingeläutet, als das häufige Vorkommen dieses bis dahin sehr seltenen Sarkoms bei afrikanischen Stämmen, vor allem bei den Bantus, beobachtet wurde. Bereits 1957 erschien eine eigene Monographie, und 1962 beschäftigte sich ein Symposion mit den Ursachen dieses jetzt bereits deutlich aggressiveren Tumors. Er blieb aber weiterhin sehr selten. Es kam nur zu etwa zwei bis fünf Erkrankungen pro zehn Millionen Menschen. 1981 erschienen dann erstmals Berichte über das gehäufte Auftreten von Kaposi-Sarkomen bei jungen, homosexuellen Männern, die gleichzeitig unter einer Immunschwäche litten. Diese Form des Kaposi-Sarkoms, dessen Häufigkeit während einer AIDS-Epidemie in den Vereinigten Staaten um den Faktor 20.000 anstieg, war letztlich für die weltweite traurige Berühmtheit des Namens Kaposi verantwortlich.

Vier Manifestationsformen

Heute sind vier Manifestationsformen des Kaposi-Sarkoms bekannt. Das klassische Kaposi-Sarkom, vorwiegend an Beinen und Armen lokalisiert und ein immer noch seltener und eher langsam wachsender bösartiger Tumor, der selten Metastasen setzt. Das afrikanische Kaposi-Sarkom, eine aggressivere Variante, die endemisch auftritt und bei der es sehr schnell zur Beteiligung innerer Organe kommt. Das Kaposi-Sarkom bei iatrogener Immunsuppression (etwa nach Organtransplantationen) und das epidemische (HIV-assoziierte), weitaus bösartigste Kaposi-Sarkom als Begleiterkrankung bei AIDS. Als Auslöser für das Wachstum des Kaposi-Sakoms gelten das humane Herpesvirus 8 (HHV-8), auch Kaposi-Sarkom-Herpes-Virus (KSHV) genannt, für dessen Isolierung die Amerikaner Yuan Chang und Patrick S. Moore 1998 den Robert-Koch-Preis erhielten. Dieses Virus konnte bei allen Patienten mit Kaposi-Sarkom nachgewiesen werden. Neben dem Virusinfekt kommt auch einer zusätzlichen Störung des Immunsystems entscheidende Bedeutung für die Entstehung der Krankheit zu.
Moritz Kaposi starb am 6. März 1902 in Wien. Er stellte die Dermatologie vollends auf die pathologisch-anatomische Basis und war nicht bloß Schüler und Mitarbeiter Ferdinand von Hebras, sondern auch Mitbegründer der neuen Dermatologie und der Wiener Schule. Die Stadt Wien würdigte diesen „größten Förderer der Dermatologie“ in dem sie eine Gasse in Essling, im 22. Wiener Gemeindebezirk, nach ihm benannte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 43/2004

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