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14. Dezember 2005

Dichter, Politiker und Psychiater (Altes Medizinisches Wien 94)

Ernst Freiherr von Feuchtersleben (1806 bis 1849) ist heute vor allem als Dichter, Schriftsteller und Wissenschaftspolitiker bekannt. In letztgenannter Funktion reformierte er das österreichische Schul- und Hochschulwesen zur Zeit der Revolution von 1848 – Stichwort „Lehr und Lernfreiheit“. Weniger bekannt ist, dass er heute als „Pionier der Psychosomatik“ und „Vorläufer der Psychotherapie“ gilt.

Sein auch heute noch lesenswertes Buch „Diätetik der Seele“ erschien erstmals 1838 und war zu seiner Zeit ein Bestseller. Mittlerweile ist es ein „Longseller“: Das Buch erlebte mehr als fünfzig Auflagen, die letzte 1980.

Ungewöhnlicher Berufswunsch

Der aus einer alten Thüringer Adelsfamilie stammende Ernst Freiherr von Feuchtersleben kam nach dem frühen Tod seiner Mutter bereits als Knabe an die Theresianische Ritterakademie in Wien, wo er standesgemäß auf eine Karriere im Staatsdienst vorbereitet werden sollte. Zwölf Jahre strenge Internatserziehung (1813 bis 1825) vermittelten dem jungen Schöngeist zwar eine ausgewogene humanistische Bildung, verstärkten aber seinen Hang zu kleinen Kränklichkeiten und hypochondrischen Anwandlungen. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Gedichte. Für seine Mitschüler war Feuchtersleben stets ein etwas Sonderbarer. So überraschte auch seine spätere, für einen jungen Adeligen damals keinesfalls standesgemäße Berufswahl – er wollte Arzt werden. Seine „Kränklichkeiten“ hätten zu „einer großen Neigung zu tieferem Wissen von der Natur des Gesunden und Kranken“ geführt und „nach reifer Prüfung, glaube ich, nach meiner Individualität im Stande des Arztes am besten wirken zu können“, argumentierte er seinem Vater gegenüber seinen ungewöhnlichen Berufswunsch. Feuchtersleben begann 1825 sein Medizinstudium. An der Wiener Universität war die Medizin gerade dabei, sich von der „Heilkunst“ zur „Wissenschaft vom Heilen“ zu entwickeln. Rokitansky und Skoda verdrängten gerade die Naturphilosophie der Romantiker und stellten die Medizin auf eine streng naturwissenschaftliche Basis. Nebenbei studierte Feuchtersleben noch Orientalistik, Philosophie und Philologie. Auch mit den Künstlern des Biedermeiers – Grillparzer, Bauernfeld, Lenau, Moritz von Schwind und Kupelwieser – kam er auf Grund seiner poetischen Neigungen während seines Studiums in engen Kontakt.

Suizid des Vaters

Wenige Wochen nach seiner Promotion im Jahr 1834 beging sein Vater Suizid. Das war für Feuchtersleben nicht nur ein schwerer seelischer Schlag, mit dem Tod seines Vaters verlor er auch seine materielle Existenz. Feuchtersleben entschloss sich, als kleiner Vorstadtarzt auf der Wieden zu ordinieren. Es sprach sich aber bald herum, dass er ein Baron war – und außerdem Gedichte schrieb. Beides war seiner Ordination nicht gerade förderlich. Zwar konnte er beweisen, dass er nicht nur ein „Poetaster“ war, sonder tatsächlich auch von der Medizin etwas verstand, aber seine adelige Herkunft verleitete allgemein zu der Annahme, dass er seine Honorare nicht für seinen Lebensunterhalt brauchen würde. Reiche Patienten schickten dem Herrn Baron „statt einiger Banknoten einen überflüssigen Luxusgegenstand, eine Cigarrenspitze oder ein Etui in zarter Emballirung“, und von seinen armen Patienten bekam er oft nicht nur kein Honorar, sondern bezahlte ihnen sogar aus eigener Tasche die benötigten Medikamente. So führte Feuchtersleben mit seiner bürgerlichen Frau in Wieden ein kärgliches Dasein.„Um die spärlich fließenden Quellen“ seiner Praxis zu vermehren, begann er mit der „Schriftstellerei“. Ab 1835 schrieb er zahlreiche Beiträge, Kritiken und Rezensionen für Wiener Zeitschriften. 1838 veröffentlichte er sein Büchlein „Die Diätetik der Seele“, das sofort zu einem „Bestseller“ wurde und seinen Verfasser schlagartig bekannt machte. Der Suizid des Vaters und seine eigene Hypochondrie führten zu diesem „Hilfsbrevier für seelisch Bedrohte“, in welchem er vor allem eigenes Erleben verarbeitet. Mit „den Mächten des Geistes“ will er „nicht bloß Gefühle bemeistern, sondern wo möglich das Erkranken selbst“. Es ist die Seele, von der sich Feuchtersleben erwartet, dass sie gewisse körperliche Krankheiten verhütet oder sogar heilt. Feuchtersleben hat damit Ideen vorweggenommen, die heute in der Psychosomatik und in der Psychoanalyse eine entscheidende Rolle spielen.

Das höhere Gewissen der Gesellschaft der Ärzte

Als mittlerweile anerkannter Arzt und Literat konnte Feuchtersleben seine Praxis in die Innere Stadt übersiedeln. Als Sekretär der Gesellschaft der Ärzte versuchte er, die beiden damals grundverschiedenen Richtungen der Medizin, die romantische, philosophierende Richtung und den gerade aufkommenden Naturalismus zu einer einheitlichen Gesamtmedizin zu vereinen. Feuchtersleben wurde so zum „Seelenarzt“, zum höheren Gewissen der Gesellschaft der Ärzte. 1843 erhielt er die „allergnädigste“ Genehmigung, „unendgeldliche“ Vorlesungen über ärztliche Seelenheilkunde an der Universität Wien halten zu dürfen. Der Erfolg seiner Vorträge war immens. Bereits 1844 ersuchte er einen größeren Hörsaal benützen zu dürfen und die zur gleichen Zeit wie er lesenden Professoren ersuchten dringend um eine andere Stundeneinteilung, „weil Feuchtersleben ihnen den Hörsaal zur Wüste mache“. Aus diesen Vorträgen erschien 1845 sein „Lehrbuch der ärztlichen Seelenheilkunde“, das erste in Österreich erschienene Lehrbuch über medizinische Psychologie und Psychiatrie. Es fand europaweit Interesse und wurde ins Englische, Französische, Holländische und Russische übersetzt. Feuchtersleben „stand auf der Höhe seines Ruhmes“. Mit seiner „psychosomatischen Sicht“ blieb er aber „ein Schwimmer gegen den Strom“.
1847 hielt Feuchtersleben als Vizedirektor der medizinisch-chirurgischen Studien eine Aufsehen erregende Rede über die notwendigen Reformen der Universität und forderte die Lehr- und Lernfreiheit. Eine Berufung als Unterrichtsminister lehnt er 1848 ab. Dafür nahm er den Posten eines Unterstaatssekretärs an, weil er glaubte, auf diesem Posten seine Pläne zur Reform des österreichischen Unterrichtswesens besser realisieren zu können. In den paar Monaten als Unterstaatssekretär gelang ihm einiges: Er schuf die lateinische Unterrichtssprache in den medizinischen Hörsälen ab, beseitigte die medizinische Dissertation, hob die niedrigen chirurgischen Studien in Wien und Prag auf, führte den naturwissenschaftlichen Unterricht in den Gymnasien ein und sicherte der Uni Lehr- und Lernfreiheit. Die Zeit war aber zu unruhig. Es gelang ihm nicht, alle seine Reformen, wie sie ihm vorschwebten, zu verwirklichen.

Flucht nach Aussee

Als die Wogen der ursprünglich eher akademischen Revolution von 1848 immer höher schlugen und schließlich überschwappten, verließ Feuchtersleben, wie „an die 20.000 Wiener“ auch, „die ihnen unheimlich gewordene Stadt“. In einer Stadt, in der Revolution und Reaktion nur mehr die Waffen sprechen ließen, war für Reformer wie ihn kein Platz. Von Aussee aus verfolgte er geschockt die Ereignisse in Wien. Nach blutiger Niederschlagung der Revolution wurde die Uni, von der die Revolution ausgegangen war, streng bestraft. Das Gebäude der Alten Universität - heute Akademie der Wissenschaften - wurde zur „Aulakaserne“ degradiert und der Universitätsbetrieb bis März 1849 eingestellt. Feuchtersleben reichte von Aussee aus seinen Rücktritt als Staatssekretär ein. Im November 1848 kehrte er nach Wien zurück. Sein Wunsch, nun wieder das Amt des Vizedirektors der medizinisch-chirurgischen Studien antreten zu dürfen, erfüllte sich nicht, seine Kollegen lehnten Feuchtersleben ab. Diese Kränkung überwand er nie. Am 3. September 1849 starb Ernst Freiherr von Feuchtersleben, wie Grillparzer diagnostizierte, „vom Geiste aus“.
Posthum wurde ihm allerdings sogar von Kaiser Franz Joseph die ihm zu Lebzeiten verwehrte Anerkennung zuteil. Zur Witwe, der er gnädigst eine Pension bewilligt hatte, bemerkte der Kaiser: „Ihr Mann diente nur kurze Zeit, aber er hat viel geleistet.“ Bei der wegen der politischen Wirren erst im Mai 1851 abgehaltenen „würdigen Gedenkfeier“ ließ man sogar eine Gedenkmünze für den Dichterarzt prägen. Begraben wurde Feuchtersleben am St. Marxer Friedhof. 1905 erfolgte die Überführung der sterblichen Überreste in ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 42/2004

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