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14. Dezember 2005

Kein Geld für Arme (Altes Medizinisches Wien 93)

Vor der Errichtung des Allgemeinen Krankenhauses 1874 gab es in Wien eine Reihe kleiner Spitäler, Lazarette, Siechenhäuser und Hospize, die sowohl für Kranke und Arme als auch als Pilgerherbergen dienten. Die auch für heutige Begriffe eindrucksvollste und größte Wohlfahrtsanstalt der Stadt befand sich mitten in Wien, im Bereich der heutigen Kärntnerstraße: das Bürgerspital.

100 Jahre später wurde in diesem Spital erstmals am Krankenbett gelehrt, der Aufstieg der Wiener Schule begann hier. Gegründet wurde „der Burger Spital“ 1257 von den Wiener Bürgern und diente zunächst als Armenhaus und Pilgerherberge. Das Spital lag ursprünglich vor dem Kärntnertor, außerhalb der Stadtmauern, am linken Wienflussufer. Heute ist dies die Gegend der verlängerten Kärntnerstraße Richtung Karlsplatz. Bei der Türkenbelagerung von 1529 wurde es komplett zerstört und aus Geldmangel nicht wieder aufgebaut. Vielmehr übersiedelte das Spital in das damals leer stehende Kloster der Clarissinnen in der Kärntnerstraße innerhalb der Stadtmauern. Da das zerstörte Heiligengeistspital – damals am rechten Wienflussufer, heute etwa im Bereich des Naschmarkts gelegen – ebenfalls nicht wieder errichtet wurde, musste das Bürgerspital auch die Aufgaben dieses Spitals übernehmen.

Unzureichende Unterstützung

Die Versorgung armer Kranker war ein soziales Problem. Für Betreuung und Unterbringung sorgten vorwiegend karitative, meist geistliche Institutionen, und private Wohltäter. Das Bürgerspital selbst war ein eigener Wirtschaftsbetrieb und erlangte durch Geschenke und Überlassung von Grundstücken ein beträchtliches Vermögen. Es besaß seit 1551 eine Apotheke, Weingärten, Wein- und Bierkeller und eine öffentliche Badestube sowie von 1432 bis 1699 die „Bierbraufreyheit“, das Monopol des Bierbrauens auf Wiener Gebiet. Die Pflege und Betreuung der Kranken, der Wöchnerinnen, der Geistesgestörten und auch der Waisen erfolgte durch die „Allerheiligenbruderschaft“, die mit ihrem Besitz auch zur Erhaltung des Spitals beitrug. Trotzdem befand es sich oft in finanzieller Notlage. Die Stadt selbst unterstützte das Spital im Allgemeinen nicht und griff nur dann ein, wenn öffentliches Interesse vorlag, also wenn Seuchen drohten. Die Aufsicht über das Spital und die Vorsorge für die ärztliche Betreuung hatte jedoch der Bürgermeister. Zweimal im Monat musste er in Begleitung seiner Räte das Spital inspizieren. Ab 1517 gab es zwar eine regelmäßige ärztliche Versorgung – ein bis zwei Mal pro Woche – durch die Fakultät, es kamen aber immer wieder Klagen wegen Übelständen.

Unzureichende Unterstützung

Als König Ferdinand 1539 zu Ohren kam, dass die Armen hier „eher zum Tode als zur Gesundheit“ gebracht wurden, reagierte er wie ein moderner Staatsmann: Er forderte die Einsetzung einer Kommission. Sie sollte prüfen, wie mit geringsten Kosten ein Arzt angestellt werden könnte und gleichzeitig mehr Raum für Schwerkranke geschaffen, die Betten reiner und den Kranken eine angemessene Verpflegung angeboten werden könnte. Gleichzeitig wurde überlegt, ob dem Spital ein Findelhaus angeschlossen werden könnte. Der „Spitalsmeister“ lehnte dies aber ab, da „das Spital bereits jetzt so überfüllt ist, dass in jedem Bett zwei Kranke liegen müssen“. Und dies in einem auch für heutige Begriffe riesigen Spital, wenn man sich die Ausdehnung des Bürgerspitals auf einem aktuellen Stadtplan von Wien ansieht. Der gesamte Komplex mit der Spitalskirche lag etwa zwischen der heutigen Maysedergasse, Augustinerstraße, Lobkowitzplatz, Gluckgasse und Kärntnerstraße 32-34.Über die Anzahl der zu Versorgenden liegen sehr unterschiedliche Zahlen vor, eindrucksvoll und genauer ist die Sterbestatistik. 1541 starben im Bürgerspital 940 Erwachsene und 148 Kinder. Die Kommission hatte zwar einiges bewirkt, aber die Verhältnisse blieben nach wie vor traurig. Die Stadt beklagte sich mehrfach bei der Fakultät, dass die Armen keinerlei ärztliche Betreuung erhielten. Darauf erwiderte die medizinische Fakultät, sie sei gerne bereit „um Christi willen“ die Kranken zu besuchen, aber es sei kein Ordinationsraum vorhanden und die Ärzte würden bei ihrem Eintreffen sogleich von Scharen „übelriechender Menschen“ umringt. Außerdem hielte man sich nicht an ihre Anordnung, teile aus Sparsamkeit die verordneten Medikamente nicht aus und gäbe Gesunden und Kranken die gleiche Kost. Erst als das Problem im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel stank, entschloss sich die Stadt 1554, einen Arzt als Spitalsphysikus einzusetzen. Zehn Jahre später musste er aus finanziellen Gründen entlassen werden und das Spital wieder auf die Betreuung durch die Fakultät zurückgreifen. Die permanente Finanzkrise verschlechterte die Übelstände im Spital immer weiter. Um 1600 war das Bürgerspital, das nun auch Findelkinder und Bettler zu versorgen hatte, mit etwa 1.000 Patienten derart überfüllt, dass Patienten am Fußboden liegen mussten und selbst Kranke, die auf der Straße lagen, nicht aufgenommen werden konnten. Die Kost war schlecht, „die Suppe wie Abwaschwasser“, das Brot ungenießbar und Schmutz und bestialischer Gestank breiteten sich aus. Selbst der Spitalsgeistliche war überlastet, und so mussten viele Kranke ohne die Tröstungen der heiligen Kirche sterben.

Allmähliche Verbesserungen

In den folgenden Jahren besserten sich die Zustände allmählich. Sammlungen zugunsten des Spitals in Stadt und Kirche milderten die finanzielle Not. Handwerksgilden zahlten regelmäßig Beträge an das Spital und erwarben so das Recht auf Betreuung ihrer kranken Gesellen und Lehrlinge. Man entschloss sich endlich wieder, einen Arzt ständig anzustellen. Das Spital bestand damals aus 17 nach Alter und Geschlecht getrennten einzelnen Stuben. Zusätzlich gab es eine „Kindlbettstube“ für ledige Mütter und eine Kinderstube, in der die „armen waysen, wie auch die gefundenen Kinder, welche in und vor der Stadt ausgesetzet werden“, betreut wurden. Die entscheidende Verbesserung kam aber erst nach 1706. Das Bürgerspital hatte kleine Spitäler in Wien, wie das Spital zu St. Marx (heute in der Landstrasse) und das Bäckenhäusel (heute in der Währingerstraße) gleichsam als Filialen erworben und konnte nun „infektiöse Kranke, Schwangere, Irrsinnige und Findelkinder“ auf andere Häuser aufteilen. Am 7. August 1753 erhielt das Spital die Anordnung zur Freimachung geeigneter Räumlichkeiten für die „fremden Medicos und Chyrurgos“. Grund dafür war die Einrichtung „der medizinischen und chirurgischen praktischen Lehrschule für den mit dem künftigen Monat Mai allhier eintretenden Prof. med. pract. de Haen“. Anton de Haen (1706-1776) begann hier 1754 mit dem Unterricht am Krankenbett. Es scheint heute selbstverständlich, dass die Medizin, neben aller Theorie, nur in der Praxis, direkt am Krankenbett gelernt werden kann. Jahrhunderte lang war das aber nicht so. Medizin studierte man aus gelehrten Büchern. Sie wurde vom Katheder herab, fern von jedem richtigen Kranken, aus Folianten doziert. Erst Boerhaave in Leyden begann seine Schüler regelmäßig ans Krankenbett zu führen und die Fälle zu besprechen. Van Swieten, Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia und ihr „Wissenschaftminister“, führte diese Art Unterricht auch in Wien ein und holte de Haen, einen Schüler Boerhaaves, an die Wiener Universität.

Begeisterter Lehrer

Von 1754 bis 1776 befand sich die medizinische Klinik im Bürgerspital. De Haen war ein begeisterter Lehrer. Er unterrichtete seine Schüler direkt am Krankenbett, ließ sie Patienten untersuchen und sich die Ergebnisse ins Ohr flüstern, um sie nicht durch eine Fehldiagnose zu blamieren. Danach erfolgte eine genaue Analyse des Falles. Sein hervorragender Vortrag und die absolute Novität, dass er auch Studenten an seinen Forschungen mitarbeiten ließ, zogen viele Studenten und junge Ärzte nach Wien. De Haen war es auch, der als Erster die Temperaturmessung in seiner Klinik einführte und bewies, dass das subjektive Kältegefühl bei Schüttelfrost eigentlich ein Fieberanstieg ist. Eine damals sensationelle Erkenntnis. Neben van Swieten gebührt de Haen wohl der Hauptverdienst am Aufstieg der Wiener Medizin. Nach Eröffnung des Allgemeinen Krankenhauses in der Alserstraße am 16. August 1784 wurde das Bürgerspital aufgelöst. Auf Grund der großen Wohnungsnot innerhalb der Stadtmauern riss man noch im selben Jahr das Bürgerspital und die Kirche ab und errichtete auf diesem riesigen Areal das größte Zinshaus Wiens mit 220 Wohnungen und zahlreichen Geschäften. 1874 wurde es wieder geschliffen und das gewaltige Grundstück neu parzelliert. Sein heutiges Aussehen erhielt das Areal erst am Beginn des 20. Jahrhunderts und nach dem 2. Weltkrieg, da Bomben und ein Feuersturm nahezu die gesamte Kärntnerstraße in ein Trümmerfeld verwandelt hatten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 41/2004

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