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14. Dezember 2005

Wer Gynäkologie und Geburtshilfe vereinte (Altes Medizinisches Wien 92)

Rudolf Chrobak (1843 bis 1910) vereinte Geburtshilfe und Gynäkologie zur Frauenheilkunde und gab damit der Wiener Schule nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein ethisches Profil. Helfen stand für ihn immer im Vordergrund: „Ob Sie das durch die Ausführung einer großen Operation oder durch einen unscheinbaren Rat erzielen, das ist kein wesentlicher Unterschied.“

Die Studienjahre von Chrobak fielen in die Glanzzeit der Wiener Medizin. Er promovierte 1866 in Wien und begann seine Ausbildung als Sekundararzt auf der Internen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus bei Johann von Oppolzer. Der spezialistenfreundliche Internist veranlasste Chrobak, sich vorwiegend mit den Frauenkrankheiten seiner Klinik zu befassen. Chrobak kam somit nicht aus der geburtshilflichen Schule, sondern aus der eher universellen Inneren Medizin zur Gynäkologie. In einer Zeit, in der viele Gynäkologen zu „Uterusingenieuren“ wurden, bewahrte ihn dies vor einseitigem Spezialistentum. Anfang der 1870er-Jahre war Chrobak bereits einer der gesuchtesten Frauenärzte Wiens. 1871 habilitierte er im Fach Gynäkologie.

Gynäkologie als akademisches Fach

Bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich die Geburtshilfe in Wien als akademisches Fach etabliert. Im Wiener Gebärhaus im Allgemeinen Krankenhaus beschränkte man sich aber nicht darauf, werdende Mütter zu betreuen, sondern behandelte auch gynäkologische Erkrankungen. Hier sei an Ignaz Semmelweis erinnert, der versuchte, die Erforschung gynäkologischer Erkrankungen voranzutreiben und seine am Krankenbett erhobenen Befunde an den Frauenleichen in Rokitanskys pathologisch-anatomischem Institut überprüfte. Dabei entdeckte er schließlich die Ursache des Kindbettfiebers: „Blutvergiftung durch den untersuchenden Finger“. Erst ab 1858 gab es in Wien neben der geburtshilflichen Klinik eine eigene Klinik für Gynäkologie im Allgemeinen Krankenhaus. Aber nicht nur die Geburtshelfer behandelten damals gynäkologische Erkrankungen. Frauenkrankheiten wurden in dieser Übergangszeit auch von Internisten behandelt, und „gynäkologische“ Operationen waren die Domäne der Chirurgen. Dem Geburtshelfer erlaubten die Chirurgen nur den Kaiserschnitt. Bezüglich der Zuständigkeit für gynäkologische Operationen stritten die Chirurgen jahrzehntelang mit den Gynäkologen. Erst durch die Erfindung der vaginalen Uterusoperationen eroberten sich die Frauenärzte den operativen Bereich. In dieser Technik folgten ihnen die Chirurgen nicht.
Als Schüler des berühmten Physiologen Brücke war Chrobak ein hervorragender Mikroskopiker. Er verstand es, die Methoden der experimentellen Physiologie für sein Fach zu verwerten. Noch an der Klinik Oppolzers studierten er und Josef Breuer ein damals unter den Nägeln brennendes Problem: die Entstehung des Wundfiebers. Auf Grund ihrer Tierversuche unterstützten sie Billroths Erklärung, die Ursache sei in einer „Resorption pyrogener Stoffe“ zu suchen, und verwarfen die Erklärung der Humoralpathologen, dass das Wundfieber eine Reflexaktion des Nervensystems sei. Nach reiflicher Überlegung lehnte Rudolf Chrobak im Jahr 1885 eine Berufung nach Prag ab. Erst auf Anraten Billroths, der Chrobak außerordentlich schätzte und ihn auch förderte, nahm Chrobak 1889 die Berufung an die II. Wiener Frauenklinik an. In seiner Antrittsvorlesung distanzierte er sich von der damals vorherrschenden Meinung von der Dominanz des Mannes: „Die Frau ist nicht die Dienerin des Mannes; sie ist in voller gleichberechtigter Stellung von dem Momente an, in welchem er sie zu seiner Frau gemacht hat.“ Die Forderung nach Emanzipation erkannte er zwar an, „ ... doch muss ich mit tiefer Betrübnis bemerken, dass ich der Entwicklung dieser Sache mit Sorgen entgegensehe.“

Frauen-Emanzipation als Bedrohung der heilen Welt

Er konnte sich, wie viele auch heute noch, nicht vorstellen, dass die Frau Familie und Beruf mit Erfolg bewältigen könne und befürchtete, wie viele auch heute noch, dass dadurch die Familie, „jene kleine, freie Vereinbarung“, „die Keimzelle eines gesunden Staates“, zerfallen könne. Befürchtungen, die auch heute noch, über hundert Jahre später, in manchen Politikergehirnen herumspuken. Als Chrobak die Wiener Klinik übernahm, war die Ausstattung mehr als armselig. Die aseptischen Prinzipien hatten sich zwar in der Theorie durchgesetzt, in den klinischen Alltag waren sie aber noch lange nicht umgesetzt. Chrobak musste der Klinik selbst einen Sterilisationsapparat stiften, ein Mikroskop besorgen und 500 Bände seiner Bibliothek als Grundstock einer Fachbibliothek zur Verfügung stellen. Trotz der beschränkten Ausstattung begann er sofort mit vielfältiger wissenschaftlicher Tätigkeit. Über 200 Arbeiten gingen in seiner kaum 20-jährigen Amtszeit aus seiner Klinik hervor.

Besonnene Indikationsstellung für Operationen

Die operative Gynäkologie lag Chrobak besonders am Herzen, wenn auch die I. Frauenklinik unter Friedrich Schauta – Ernst Wertheim erhielt hier seine Ausbildung – die Entwicklung im operativ-gynäkologischen Bereich entscheidender beeinflusste. Noch am Beginn des Jahrhunderts trugen für den deutschen Chirurgen Dieffenbach Uterusoperationen „eher den Charakter von Mordgeschichten als der helfenden Operation“. Tatsächlich glückte es erst Billroth, den Patientinnen bei Eierstock- und Gebärmutteroperationen eine reelle Chance zum Überleben der Operation und der postoperativen Phase zu geben. Chrobak gelang es, die Technik der abdominellen Uterusoperationen weiter entscheidend zu verbessern.
In einer Zeit, als sich durch Asepsis und immer besser werdende Narkosen die operativen Methoden auch in der Gynäkologie stürmisch entwickelten, mahnte er zu Besonnenheit. Er sah nicht nur die immer größeren Operationserfolge und die ständig sinkenden Mortalitätsziffern. Er erkannte auch, dass etwa bei Ovarektomien, die damals häufig durchgeführt wurden, um Frauen von der Hysterie zu befreien, die Betroffenen durch das künstlich herbeigeführte Klimakterium schwere Probleme bekamen. Als gelernter Internist und Oppolzer-Schüler verlor er nie den kranken Menschen als Ganzes aus den Augen. So beauftragte er seinen Assistenten Emil Knauer 1895, Ovarialtransplantationen an kastrierten Kaninchen zu studieren. Zu einer Zeit, als es noch keine Hormonlehre gab, verabreichte Chrobak Ovarialsubstanz in Pastillenform. Mit diesen Arbeiten legte Chrobak den Grundstein zur später so erfolgreichen gynäkologisch-endokrinologischen Forschung der Wiener Gynäkologenschule.

Die modernsten und größten Frauenkliniken der Welt

Medizinische Spitzenleistungen auf beiden Frauenkliniken konnten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Kliniken total veraltert waren und ein Neubau der Gebärkliniken dringend erforderlich war. Nach langen und mühsamen Verhandlungen war es 1904 dann endlich soweit. Am 21. Juni fand die Grundsteinlegung für die neuen Kliniken in der Spitalgasse 23 statt. Chrobak und Schauta hatten jedes Detail des Baues genauestens festgelegt. Am 21. Oktober 1908 konnten beide Kliniken eröffnet werden. Die beiden Wiener Frauenkliniken waren 1908 die modernsten und größten der Welt. Die Gebäude besaßen sogar „drei Stationen des Staatstelephons zur Verbindung nach außen“. Die Enthüllung des Denkmals für Ignaz Semmelweis im Garten zwischen den beiden Kliniken krönte die Eröffnungsfeier. Chrobak erfreute sich in Wien außerordentlicher Beliebtheit. Er verschaffte dem Fach Frauenheilkunde großes Ansehen und erreichte, dass auch außerhalb der Klinik gynäkologische Stationen errichtet wurden. So entstanden damals eine Frauenabteilung im Rudolfsspital und eine zweite im Wiedener Spital. Beide Abteilungen wurden mit Chrobaks Schülern besetzt. 1908 zog sich Chrobak, er war an Diabetes mellitus erkrankt, vorzeitig aus dem Lehramt zurück. Am 1. Oktober 1910 starb Rudolf Chrobak im diabetischen Koma. Das Insulin entdeckte man erst ein Jahrzehnt später.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 40/2004

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