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14. Dezember 2005

Der Mann, der das Gehirn beseelte (Altes Medizinisches Wien 91)

Durch Theodor Meynerts Versuche der anatomischen Diagnostik von psychiatrischen Symptomen wurde die Psychiatrie in Österreich erst „universitätsfähig“. Er versuchte das Fachgebiet von seiner ganzheitlichen, spekulativen Betrachtungsweise wegzuführen und in eine naturwissenschaftliche pathologisch-anatomische Disziplin umzuwandeln. 1870 wurde Meynert der erste Ordinarius für Psychiatrie in Wien.

Bereits im 18. Jahrhundert versuchte man in Wien jene rätselhaften Zusammenhänge zwischen Gehirnfunktionen und bestimmten Bereichen des Gehirns zu ergründen. Mit seiner Schädellehre, der Kraniologie, mit der er Geisteskrankheiten, aber auch ausgeprägte intellektuelle Eigenschaften eines Menschen in bestimmten Gehirnregionen zu lokalisieren versuchte, erregte um 1795 Franz Joseph Gall (1758-1828) nicht nur in Wien großes Aufsehen. Trotz aller Auswüchse seiner bizarren Schädellehre gilt Gall heute als Vorläufer in der Entwicklung der Hirnanatomie, die später unter Theodor Meynert einen Höhepunkt erreichte. Die philosophierende, beschreibende, psychologische Psychiatrie konnte sich naturgemäß in der unter Rokitansky geschaffenen „anatomischen Klinik“ der 2. Wiener Medizinischen Schule nicht behaupten. Meynerts Anliegen war es, ganz im Sinne Rokitanskys, den Sitz psychischer Krankheiten im Gehirn zu suchen, die „Krankheiten des Geistes als Krankheiten des Gehirns“ zu entlarven und die Psychiatrie als Wissenschaft von „Bau und Leistung des Gehirns mit Beziehung auf deren Krankheiten“ zu etablieren. Sein Ziel war es, ein „Erklärer“ der Krankheiten zu werden und nicht, wie bis dahin in der Psychiatrie üblich, ein minutiöser „Schilderer“ des Geschehens.

Ein verbummeltes Studentenleben

Meynert wurde am 14. Juni 1833 in Dresden geboren. Sein Vater war Schriftsteller und seine Mutter Sängerin an der Dresdener Oper. 1841 übersiedelte die Familie nach Wien. Es überrascht wenig, dass Meynert, der in seinem Elternhaus viele künstlerische Anregungen erhielt, sich auch als Student der Medizin zumindest ebenso viel, wenn nicht sogar mehr mit künstlerischen Dingen befasste als mit der Naturwissenschaft. Aber dann, und darin sind sich alle seine Biographen einig, hatte er das Glück, die Frau zu finden, die seinem „Leben Richtung und Halt“ gab und ihn aus dem „Sumpf eines verbummelten Studentenlebens“ herausholte: seine Braut Johanna Fleischer. Um den Lebensunterhalt für sich und seine Frau zu verdienen, fertigte er histologische Präparate an, und durch seinen Schwager, einem Assistenten Rokitanskys, der ihm anatomische Präparate des Gehirns aus dem pathologisch-anatomischen Institut brachte, erwachte sein Interesse für die Anatomie des Gehirns, die sein Lebenswerk werden sollte. Obwohl selbst der berühmte Anatom Hyrtl damals den Wert der Gehirnanatomie leugnete und darin eine Narrheit sah – „zum Bau des Gehirnes verhalten sich unsere feinsten Werkzeuge wie eine Zimmermannssäge zu einem Spinngewebe“ – begann Meynert, noch abseits der Universität, mit einem Rasiermesser an gehärteten Gehirnstücken herumzuschnipseln und seine ersten grundlegenden Untersuchungen durchzuführen. In dieser Phase kam er in Kontakt mit Rokitansky, der Meynerts Begabung erkannte, seine Arbeiten förderte und letztlich seine weitere wissenschaftliche Laufbahn entschied. Meynert promovierte schließlich 1861 und habilitierte sich 1865 für „Bau und Leistung des Gehirnes und Rückenmarkes mit Beziehung zu deren Krankheiten“. Eigens für ihn schuf Rokitansky eine Prosektorstelle an der 1853 eröffneten k.k. Irren-Anstalt am Bründlfeld. Die Anstalt befand sich bis 1974 am Gelände des heutigen neuen AKH. 1865 starb hier Ignaz Semmelweis in geistiger Umnachtung.

Kritik von vielen Seiten

Hier konnte Meynert nun seiner Leidenschaft frönen, Gehirne händisch in feinste Scheiben zu schneiden und den Sitz psychischer Krankheiten im Gehirn zu suchen. Vier Jahre später erweiterte Meynert seine Dozentur auf das Fach Psychiatrie und 1870 schuf man für ihn die I. Psychiatrische Klinik. Hier standen sich jetzt die so genannte Anstaltspsychiatrie und die Universitätspsychiatrie unmittelbar gegenüber, was zu gewaltigen Spannungen führte. Kritik gab es von vielen Seiten. Man nahm Meynert als Psychiater nicht für voll. „Ein pathologischer Anatom ist noch lange keine Arzt und ein Hirnanatom noch länger kein Irrenarzt“, bemerkte selbst Billroth. Meynert versuchte „der Psychiatrie durch anatomischen Grundbau den Charakter einer wissenschaftlichen Disziplin aufzuprägen“. Die so genannten Anstaltspsychiater hatten die wahrscheinlich berechtigte Angst, dass ihre echt philanthropischen Reformbestrebungen der Irrenpflege durch die hirnanatomische Richtung Meynerts verzögert, wenn nicht sogar verhindert werden könnte. Aber Meynert hatte mit seinen hirnanatomischen Arbeiten bereits international so viel Ansehen erworben, dass seine herausragende Stellung trotz aller Kritik gerechtfertigt erschien. Er galt bereits weltweit als der hervorragendste Gehirnanatom seiner Zeit. Da die Konflikte in dieser Anstalt nicht zu lösen waren und Meynert eine Berufung in die Heilanstalt Burghölzli in der Schweiz erhielt, sah man keinen andere Möglichkeit, um Meynert in Wien zu halten, als 1875 eine II. Psychiatrische Klinik im Bereich des Allgemeinen Krankenhauses zu schaffen und die Leitung dieser Abteilung Meynert zu übertragen. So ergab sich die seltsame Situation, dass es für das Fach Psychiatrie, obwohl weder obligatorisch noch Prüfungsfach – die Psychiatrie wurde erst 1899 Pflichtfach an der Universität Wien – in Wien zwei Kliniken gab, da die I. Psychiatrische Klinik an der Landesirrenanstalt weiter bestehen blieb.

Meynert begann mit seinen Forschungen zu einer Zeit, als es noch kein Mikrotom gab. Er entwickelte eigene Schnitt- und Präparationstechniken, und trotz einfachster Methodik gelangen ihm Ergebnisse, die auch heute noch gültig sind. In vergleichend anatomischen Studien - er verglich die Rückenmarksbahnen des Kängurus mit dessen verkümmerten Vorderbeinen und enormen Beinmuskeln mit jenen der Fledermaus und des Maulwurfs, mit ihren stark ausgeprägten vorderen Extremitäten – erbrachte er durch einfache Messungen den Beweis, dass in den motorischen Feldern des Rückenmarks die Beine innen, nahe der Mittellinie, die Arme außen lokalisiert sind. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der Hirnrinde, „dem ichbildenden Funktionsherd des Gehirns“. Mit seiner Beschreibung des Aufbaues, der Schichtung und der zellulären Elemente wurde Meynert zum Begründer der Zytoarchitektonik der Hirnrinde. Diese bahnbrechende Leistung vollendete schließlich Constantin von Economo. Er widmete Meynert sein 1929 erschienenes Monumentalwerk „Die Zytoarchitektonik der Großhirnrinde des erwachsenen Menschen“.

Suche nach Gesetzmäßigkeiten

Völlig neue Wege beschritt er auch in der Deutung des Fasersystems des Gehirnes. Er unterschied zwischen Projektionsfasern und Assoziationsfasern, wobei er in den Assoziationsbahnen das „sekundäre Ich“ des Menschen sah. Je mehr Assoziationsfaser, desto mehr Fortschritt sei bei der Spezies Mensch zu erwarten, lautete eines seiner Postulate. Sein Bestreben, alle psychischen Verhaltensweisen aus anatomischen und physiologischen Befunden zu erklären – Affekte, Manie und Melancholie versuchte er im Wesentlichen auf Durchblutungs- beziehungsweise Ernährungsstörungen zurückzuführen – brachten ihm den Vorwurf der „Hirnmythologie“ ein. Meynerts Bedeutung lag aber weit über der reinen Hirnanatomie. Er begnügte sich nicht mit der Beschreibung von Symptomen und Sektionsbefunden, er versuchte, sich das erkrankte Organ noch lebend in Funktion vorzustellen. Die Fähigkeit, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, und ein ausgeprägter Sinn für das Wesentliche kamen ihm bei der ungeheuren Vielfalt der Symptome psychiatrischer Erkrankungen zugute. Seine Arbeiten über Tollheit (Manie), die halluzinatorische Verwirrtheit (Amentia) und die Paralyse gehörten zu den besten Arbeiten der klinischen Psychiatrie. Meynerts Leben war letztendlich dem Kampf gewidmet, die Psychiatrie aus der romantischen, spekulativen Betrachtungsweise herauszuführen und zu einer naturwissenschaftlichen Disziplin zu formen. Diese vorwiegend organisch-biologische Betrachtung der Psychiatrie in der Wiener medizinischen Schule, die auch bei Meynerts Nachfolgern dominierend blieb, erklärt auch die Ablehnung und erst sehr späte Anerkennung der Psychoanalyse Sigmund Freuds, der an Meynerts Abteilung sein Interesse für die Neurologie entdeckte. Trotz späterer Zerwürfnisse blieb Theodor Meynert für Freud „das größte Genie, dem er je begegnet war“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 39/2004

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