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14. Dezember 2005

Der Begründer der modernen Gerichtsmedizin (Altes Medizinisches Wien 90)

Als Eduard von Hofmann 1875 als Leiter des Instituts für gerichtliche Medizin nach Wien berufen wurde, übernahm er eines der ältesten gerichtsmedizinischen Institute der Welt. Gegründet 1804 als „Lehrkanzel für gerichtliche Medizin und Medizinalpolizei“, erlebte es unter Hofmann eine Blütezeit, die mit Unterbrechungen bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts reichte.

Das Wiener Institut, heute Department für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Wien, das 2004, im Jahr seines 200-jährigen Jubiläums, für gar nicht festliche Schlagzeilen sorgte, war fast über ein Jahrhundert eines der besten und berühmtesten gerichtsmedizinischen Institute der Welt. Ein Mekka der Gerichtsmedizin. Nach einer schweren Krise des Instituts versucht heute Manfred Hochmeister, der neu bestellte Leiter des Departments für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Wien, „das einst weltberühmte Wiener Institut wieder an die Weltspitze zu führen“.

Frühe Berufung nach Innsbruck

Eduard von Hofmann (1837 bis 1897) studierte in Prag Medizin und promovierte hier 1861. Mit einer Arbeit über Fruchtwasseraspiration während der Geburt habilitierte er 1865. Diese Habilitationsschrift war es vermutlich auch, die Carl von Rokitansky veranlasste, Hofmann für die Besetzung des Lehrstuhls der Staatsarzneikunde in Innsbruck zu empfehlen. Dass Rokitansky keinen seiner Schüler empfahl, sondern einen 32-jährigen Prager Dozenten der Staatsarzneikunde, ist umso erstaunlicher, als Rokitansky immer der Überzeugung war, dass nur ein „erfahrener pathologischer Anatom ein tüchtiger Gerichtssachverständiger sein könne“. Mit dieser Einstellung behinderte er die Entwicklung der Gerichtsmedizin in Wien jahrelang.
1869 wurde Hofmann nach Innsbruck berufen. Rokitansky sollte mit seiner Wahl Recht behalten. Hofmann wurde zu einem Erneuerer der gerichtlichen Medizin in Österreich. Alle Hilfsmittel, die die Medizin und die Naturwissenschaften boten, bezog er in seine Arbeit ein. Mikroskop, Spektroskop, Reagenzglas und Tierexperimente hielten so Einzug in die Gerichtsmedizin. Europäische Berühmtheit erlangte er bereits in Innsbruck durch die Aufklärung eines heiklen Falles: Die eben angetraute Gattin eines Franzosen war auf dem Stilfser-Joch abgestürzt. Die Leiche wurde gerichtlich obduziert. In den Händen der Frau fand Hofmann Haare, die er eindeutig als die Haare ihres Mannes identifizieren konnte. Damit bewies Hofmann, dass der liebende Gatte seine Angetraute in den Abgrund gestoßen hatte.

Würdiger Nachfolger des Pathologen Rokitansky

Als der Pathologe Rokitansky, der in Wien als Gerichtsanatom und Prosektor alle behördlichen Obduktionen an sich gerissen hatte, 1875 aus der Fakultät ausschied, entschied man sich nicht für einen seiner Schüler, sondern für Hofmann als den „geeignetesten Kandidaten“, weil er sich in seinen Arbeiten der „modernen Richtung der gerichtlichen Medizin angeschlossen hat“. Hofmann übernahm im Herbst 1875 die Wiener Lehrkanzel. Mit viel Geschick gelang es ihm, das gesamte gerichtliche und sanitätspolizeiliche Leichengut für sein Institut zu gewinnen. Damit löste er sich nicht nur von der pathologischen Anatomie, er sicherte sich so auch die Leichen, die er für Forschung und Lehre dringend benötigte. Das gerichtsmedizinische Institut war bis 1922 im pathologisch-anatomischen Institut untergebracht. Im selben Gebäude befanden sich auch das medizinisch-chemische Institut und das Institut für experimentelle Pathologie. Hofmann nutzte den Vorteil dieser räumlichen Nachbarschaft für sein Konzept, alle Naturwissenschaften in sein Arbeitsgebiet einzubeziehen. Seine Assistenten schickte er zur Ausbildung an diese Institute. So kam auch die forensische Toxikologie, die damals noch eine Domäne der Chemiker war, wieder in die Hände der Gerichtsmedizin. Bald kamen bedeutende Arbeiten über forensisch-toxikologische Fragen aus seinem Institut.
So konnte er bei den Opfern des Ringtheaterbrandes vom 8. Dezember 1881 seine bereits seit längerem vertretene Ansicht, dass in vielen Fällen Verbrennungsopfer nicht an der Verbrennung, sondern an Rauchgasvergiftung sterben, beweisen. Es gelang ihm, im Blut der Opfer Kohlenmonoxid (CO) nachzuweisen – für die Gerichtsmedizin eine bedeutende Erkenntnis. Bei Morden mit nachträglicher Verbrennung der Leiche konnte man jetzt, wenn kein Kohlenmonoxid im Blut nachgewiesen werden konnte, eindeutig beweisen, dass das Opfer vor der Verbrennung bereits tot war, oder falls im Blut CO gefunden wurde, dass jemand bei lebendigem Leib verbrannt war. Bei der Untersuchung und Identifizierung der fast 400 Leichen des Ringtheaterbrandes wandte er bereits durchaus moderne Methoden der Agnoszierung, etwa den Zahnstatus, an. Da es in der Beisetzungskammer nicht ausreichend Platz für die vielen Leichen gab, mussten die Särge im Leichenhof des Allgemeinen Krankenhauses gelagert werden. Die Katastrophe brachte aber nicht nur für die Gerichtmedizin neue Erkenntnisse. Unter dem Eindruck der Katastrophe gründete einen Tag später, am 9. Dezember 1881, der Mediziner Jaromir Mundy die für eine Großstadt wie Wien längst fällige freiwillige Rettungsgesellschaft.

Gutachten zum Tod von Kronprinz Rudolf

Bekannt wurde Hofmann auch durch sein hoch brisantes Gutachten über den Tod des Kronprinzen Rudolf 1889 in Mayerling: [...] „es unterliegt keinem Zweifel, dass seine k. u. k. Hoheit (der durchlauchtigste Kronprinz) sich den Schuss selbst beigebracht hat und dass der Tod augenblicklich eingetreten ist“. Unter Punkt 6 des Gutachtens vermerkten die Gutachter: „Die vorzeitige Verwachsung der Pfeil- und Kranznaht, die auffällige Tiefe der Schädelgrube und der sogenannten fingerförmigen Eindrücke an der inneren Fläche der Schädelknochen, die deutliche Abflachung der Hirnwindungen und die Erweiterung der Hirnkammer sind pathologische Befunde, welche erfahrungsgemäß mit abnormen Geisteszuständen einherzugehen pflegen und daher zur Annahme berechtigen, dass die Tat in einem Zustand der Geistesverwirrung geschehen ist.“ Unterschrift: Hofrat Dr. E. Hofmann, Prof. der gerichtlichen Medizin; Prof. Dr. Hans Kundrat, Vorstand des pathologisch-anatomischen Instituts als Obduzent; Prof. Dr. Hermann Widerhofer, k. k. Leibarzt. Dass Punkt 6 des Gutachtens absoluter Humbug war, wussten natürlich alle unterzeichnenden Gutachter. Durch die Gefälligkeit der Ärzte, die in ihrem Gutachten eine Geistesverwirrung des Kronprinzen bestätigten, war eine Beisetzung des Thronfolgers in der Kapuzinergruft möglich. Dies war aber auch die einzige Gefälligkeit, die die Gutachter dem Kaiserhaus erwiesen. Kaiser Franz Joseph musste nach einigen bewusst falschen Versionen der Tragödie schließlich doch den Selbstmord seines Sohnes öffentlich eingestehen. Alle Informationen über den Tod von Mary Vetsera unterlagen aber bis zum Ende der Monarchie 1918 strengster Geheimhaltung.

Standardwerk der Gerichtsmedizin

Die gerichtliche Medizin, die unter Rokitansky ein kleines Teilgebiet der pathologischen Anatomie geworden war, entwickelte sich unter Hofmann zu einer neuen Wissenschaft. Das Wiener Institut wurde zu einer Ausbildungsstätte, die Gerichtsmediziner aus der ganzen Welt nach Wien lockte, um hier ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Hofmanns berühmtes „Lehrbuch für Gerichtliche Medizin“ erschien erstmals 1878. Die 10. und 11. Auflage besorgte nach Hofmanns Tod sein Schüler Albin Haberda. Es wurde in alle Weltsprachen übersetzt und ist bis heute ein klassisches Standardwerk der Gerichtsmedizin. Hofmann gelang es auch, die gerichtsmedizinisch interessanten Präparate aus der seit dem Jahr 1796 bestehenden Pathologisch-Anatomischen Sammlung herauszulösen und ein eigenes gerichtsmedizinisches Museum aufzubauen. Dieses Museum befindet sich heute im denkmalgeschützten Zentraltrakt des Institutsgebäudes in der Sensengasse. Seine Verdienste um die Gerichtsmedizin und die öffentliche Gesundheitspflege wurden mit zahlreichen Orden und einem „Ritter von“ gewürdigt. Eduard Ritter von Hofmann starb, erst 60-jährig, am 27. August 1897 in Abbazia.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 38/2004

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