zur Navigation zum Inhalt
 
14. Dezember 2005

Der Begründer der Urologie (Altes Medizinisches Wien 89)

Das Mutterfach Chirurgie ließ lange Zeit nicht zu, dass sich die Urologie als eigenständiges Fachgebiet etablierte. Erst als sie die Realität schon längst überholt hatte, gaben die Chirurgen den Kampf auf. 1962 entstand dann endlich eine eigenständige urologische Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Fast 100 Jahre hatte man die Urologie als eigenständiges Fach in Wien verhindert.

Als Leopold von Dittel 1895 als Primararzt der 3. Chirurgischen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus in Wien in den Ruhestand trat, hätte er es wohl gerne gesehen, wenn ein „urologisch orientierter“ Chirurg wie er die Abteilung übernommen hätte. Aber es kam anders. Da das Verhältnis zwischen Chirurgie und Urologie am Ende des 19. Jahrhunderts in Wien wesentlich schlechter war, als noch etwa um 1850, verschwand die Urologie nach Dittel für rund fünfzehn Jahre aus der Wiener Universitätsklinik im Allgemeinen Krankenhaus. Die weitere Entwicklung der Urologie vollzog sich in der Folge vorwiegend außerhalb des universitären Bereichs.

Kurse bei weltberühmten Lehrmeistern

Leopold Dittel wurde am 29. Mai 1815 in Fulnek in der Tschechoslowakei geboren und studierte nach der Mittelschule, die er in Troppau und Brünn absolviert hatte, in Wien Medizin. Das Studium schloss er 1840 ab. Seine weitere Karriere als Arzt verlief alles andere als geordnet und einfach. Aus finanziellen Gründen arbeitete er nach der Promotion in einem orthopädischen Institut in Wien und als Badearzt in Trencsin-Teplitz, damals Ungarn, heute Slowakei. Mit dem Geld, das er sich so in den Sommermonaten verdiente, finanzierte er sich seine weitere Ausbildung in Wien. Er belegte in den Wintermonaten Kurse bei den damals weltberühmten Lehrmeistern der 2. Wiener Medizinischen Schule: Chirurgie bei Franz Schuh, Innere Medizin bei Skoda, Pathologie bei Rokitansky und Dermatologie bei Hebra. Erst im Alter von dreiunddreißig Jahren erhielt er eine Stelle als Aspirant im Allgemeinen Krankenhaus in Wien, fünf Jahre später trat er als „Operationszögling“ in die 2. Chirurgische Klinik ein. Nach Assistentenjahren habilitierte er sich 1856 in Chirurgie. 1861 wurde er zum „Primar-Wundarzt“ und Vorstand der 3. Chirurgischen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus berufen. Wegen seines fortgeschrittenen Alters, er war damals gerade 51 Jahre (!!!) alt, lehnte er 1866 die ihm angebotene Nachfolge der Lehrkanzel Franz Schuhs ab. Eine Position, auf die später Billroth berufen wurde. Dittel begann seine Laufbahn mit Vorträgen und Arbeiten über orthopädische Themen, und es schien so, als ob er sich für die Orthopädie entschieden hätte. Bald wandte er sich aber ganz der Urologie zu. Mit Dittel begann praktisch die Abspaltung des Sonderfaches Urologie von der Chirurgie. Seine zahlreichen Publikationen zu urologischen Themen lockten viele Ärzte nach Wien, um an seiner Abteilung zu lernen.

Einführung der Zystoskopie

Auch der Dresdener Maximilian Nitze arbeitete hier von 1878 bis 1880. Gemeinsam mit dem Wiener Instrumentenmacher Josef Leiter und interessierten Ärzten der Klinik Dittel entwickelte Nitze die ersten brauchbaren „Kystoskope“. Allen technischen Neuerungen aufgeschlossen, förderte Dittel diese Arbeit sehr. Bereits 1879 konnten die in Wien entwickelten Geräte in der Gesellschaft der Ärzte vorgestellt werden. Da die ersten Zystoskope noch mit Platinglühdraht als Beleuchtung ausgestattet waren, gab es größere technische Probleme mit der Kühlung. Erst die 1885 vorgestellten Geräte mit den elektrischen Mignonlämpchen brachten den Durchbruch. Diese „Dittel-Leiterschen Cystoskope“ erleichterten die endoskopischen Untersuchungen wesentlich. Das weltweit erste Ureterenzystokop, das Brennersche Instrument, kam ebenfalls hier an dieser Abteilung zum Einsatz. Aber Leopold Ritter von Dittel hat nicht nur die Zystokopie in die Urologie eingeführt. Seine Abteilung war die erste in Wien, die die Listersche Antiseptik 1875 einführte, zu einer Zeit, als Billroth dieses Verfahren noch ablehnte. Auch seine Virtuosität als „urologischer Chirurg“ war berühmt. Viel beschäftigte er sich mit Eingriffen zur Freilegung des vesico-rektalen Raumes. Mit dieser Operationstechnik gelangte man besser an die Prostata und an die Blasenhinterwand und hatte damit einen optimaleren Zugang, um Prostatasteine und -abszesse besser behandeln zu können. Für die heute nur mehr historisch interessante Dittelsche Prostatektomie (prostatectomia lateralis), für blasennahe Verengungen der Harnröhre und für die Entfernung von Steinen aus der Harnblase hatte dieser Zugang damals große Bedeutung.
Eine interessante Vorgeschichte hat seine Erfindung der „elastischen Ligatur“, die er 1873 publizierte: Um 1870, als der Kautschuk in Europa bekannt wurde, kam eine Frau mit einem Säugling in die chirurgische Ambulanz. Das Kind schrie ununterbrochen und die Frau konnte das Häubchen am Kopf nicht abnehmen. Das Gummischnürchen der Haube hatte sich so tief eingeschnitten, dass man die Kopfbedeckung nicht entfernen konnte. Nach Durchtrennung des Gummibandes stellte man fest, dass die Gummischnur nicht nur in die Kopfhaut, sondern sogar durch den Knochen bis ins Gehirn vorgedrungen war. Das Kind starb an Gehirnhautentzündung. Die von Dittel beschriebene elastische Ligatur kam vorwiegend zur Unterbindung bei Haemorroidalknoten oder gestielten Ovarialzysten zum Einsatz.

Rückschlag für das Fach Urologie

Nach Dittels Rücktritt 1895 versuchte die Fakultät mit Erfolg, die weitere Verselbständigung des Faches Urologie zu verhindern. Es gab zwar an einigen Wiener Spitälern urologische Stationen – wie etwa die damals bereits weltbekannte urologische Station an der Wiener Poliklinik – diese waren aber durchwegs Stationen auf chirurgischen Abteilungen. Obwohl es in Wien bereits mehrere Urologen von europäischen Format gab, die die „Dittel-Klinik“ im Sinne des Meisters hätten weiterführen können, wurde die Klinik nicht mit einem Urologen besetzt. Erst 1910 schuf der Chirurg Julius von Hochenegg wieder eine urologische Station an der 2. Chirurgischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus. Auch diese Station war aber nur ein Teil der Chirurgischen Klinik. Die Chirurgen waren ängstlich darauf bedacht, kein Teilgebiet aus dem Mutterfach Chirurgie zu entlassen. Der seit der Jahrhundertwende vielfach gehegte Wunsch eines eigenen Lehrstuhls für Urologie an der Universität Wien ging erst 1962 mit der Errichtung einer urologischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Erfüllung. Als ersten Ordinarius an die neu geschaffene Klinik berief man Richard Überhör, der bereits 1931 bis 1937 die Urologische Station an der 2. Chirurgischen Klinik geleitet hatte und danach das urologische Primariat im Krankenhaus Lainz erhielt. Leopold von Dittel starb am 28. Juli 1898. Dittel und seine Schüler schufen eine bedeutende Urologenschule, die nicht nur mit der Zystoskopie neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten in die Urologie einführte. Als geschickte Chirurgen bauten sie darüber hinaus das Gebiet der „urologischen Operationen“ aus und verbesserten es entscheidend. Dittel gilt heute als Begründer der Urologie als selbständiges medizinisches Fach im deutschsprachigen Raum. Durch Leopold von Dittel wurde Wien zu einem Zentrum der Urologie in Europa.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 37/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben