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14. Dezember 2005

Das älteste Spital der Stadt Wien (Altes Medizinisches Wien 88)

Der Name „Lainz“ sorgte in den letzten Jahren immer wieder für meist negative Schlagzeilen. Das Krankenhaus Lainz, in den 1920er-Jahren eine Art Gegenuniversität und immer noch eines der modernsten Krankenhäuser Österreichs, kam meist unverdient zu dieser schlechten Publicity. Verursacher war meist eine noch ehrwürdigere Institution der Gemeinde Wien, das ehemalige Versorgungshaus Lainz.

Das Versorgungshaus Lainz befindet sich zwar auf dem selben Areal, hat aber mit dem Krankenhaus kaum etwas zu tun. Für die Öffentlichkeit sind eben, trotz des neuen Namens, das Geriatriezentrum am Wienerwald und das Krankenhaus Lainz noch immer einfach „Lainz“. Zur Erinnerung an das 60-jährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josefs beschloss die Stadt Wien 1907, „freiwillig und ohne Anerkennung einer gesetzlichen Verpflichtung ... in der Absicht, der Wiener Spitalsnot so weitgehend und so rasch als möglich abzuhelfen“, die Errichtung eines Spitals. Diese Anstalt sollte eine „auf der Höhe der modernen Wissenschaft und Technik stehende Ausstattung“ erhalten und außerdem als „Pflanzschule“ für den Nachwuchs der städtischen Ärzte dienen. Bis 1918 hieß dieses Spital „Kaiser-Jubiläums-Spital“. Danach erhielt es die einfachere, bürgerliche Benennung „Krankenhaus Lainz“. Das Krankenhaus Lainz im 13. Wiener Gemeindebezirk war die erste Krankenanstalt, die von der Stadt Wien erbaut und geführt wurde.

Meilenstein für die MedizinVersorgung in Wien

Die Entscheidung des Gemeinderates vom 14. Juli 1907, ein Spital mit 1.000 Betten zu erbauen und selbst zu verwalten, war ein Meilenstein in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung Wiens. Bis dahin standen den Einwohnern neben den Universitätskliniken praktisch nur von geistlichen Orden oder Stiftungen geführte Privatspitäler zur Verfügung. Erst rückblickend lässt sich abschätzen, was dieses Unternehmen damals bedeutete. Der Gemeinderat setzte sich über alle Bedenken hinweg und schuf eine Institution zum Wohl der kranken Menschen, „in welcher die Wissenschaft frei und unabhängig von dem verderblichen Cliquenwesen ihre Triumphe zum Heile der Menschheit feiern wird“, wie Bürgermeister Karl Lueger bei der Grundsteinlegung 1908 betonte. Die Entscheidung war zweifellos auch sozialpolitischer Natur: 1907 wurde in Österreich das allgemeine Wahlrecht eingeführt und damit stieg der politische Druck auf öffentliche Hilfe und jedermann zugängliche zeitgemäße Krankenhausbehandlung gewaltig. Als am 3. Februar 1913 die ersten Patienten aufgenommen wurden, linderte dies nicht nur die Bettennot in Wien – der Bettenstand in Wien erhöhte sich durch die Inbetriebnahme des Spitals von 7.108 auf 8.099 Betten –, es wurden auch grundsätzlich neue Wege in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung eingeschlagen.
Bei der Eröffnung bestand das Spital aus acht Abteilungen: zwei medizinische Abteilungen, eine chirurgische Abteilung und je eine Abteilung für Urologie, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Gynäkologie und Geburtshilfe, Augenkrankheiten und Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten. Außerdem standen ein Röntgeninstitut, ein Institut für physikalische Therapie, ein Pathologisches Institut und an der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten eine serodiagnostische Station zur Verfügung. Insgesamt verfügte die Anstalt über 991 Betten. Die Leistungen der neu bestellten Primarärzte machten Lainz bald zu einem wesentlichen Bestandteil des medizinischen Wiens.
Weise vorausblickend war man in der Planung des Krankenhauses Lainz bei der Einrichtung einer urologischen Abteilung. Die urologische Abteilung im Krankenhaus Lainz war lange Zeit eine der wenigen selbständigen Abteilungen dieser Art in Österreich. Die erste Abteilung für chirurgische Erkrankungen der Harnwege in der österreichisch-ungarischen Monarchie entstand 1897 in Triest. In Wien gab es damals nur wenige Betten für urologische Erkrankungen, die aber alle von Chirurgen betreut wurden. Eine selbständige Abteilung war daher dringend erforderlich. Obwohl von den ursprünglich geplanten 156 Betten aus Kostengründen letztendlich nur mehr 48 Betten übrig blieben, war diese Abteilung ein Meilenstein in der Entwicklung des Faches Urologie in Österreich. Zahlreiche Primariate in Österreich wurden mit Ärzten besetzt, die an dieser Abteilung ihre Ausbildung erhielten.

Zahlreiche Erweiterungen

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Spital mehrfach erweitert. Die wesentlichste Vergrößerung erhielt das Spital aber unter dem großen Reformer des Wiener Gesundheitswesens Julius Tandler in den Jahren 1930 und 1931. Drei neue Fachabteilungen, eine für Stoffwechselerkrankungen, eine für Tuberkulose und Lungenkrankheiten und eine Abteilung für Strahlentherapie, erweiterten den Aufgabenkreis des Spitals gewaltig. Die Abteilung für Stoffwechselerkrankungen, Ernährungsstörungen und diätetische Heilmethoden war die einzige dieser Art in Österreich. Die Errichtung des damals in jeder Hinsicht bestens ausgestatteten Pavillons für Tuberkulose und Lungenkrankheiten kann auch heute noch als Vorbild dienen: Beschluss zur Errichtung des Pavillons auf Antrag von Stadtrat Julius Tandler am 22. März 1929, Baubeginn 12. Mai 1929 und Eröffnung des Pavillons mit 320 Betten am 15. November 1930. Aus diesem damals dringend benötigten Tuberkulosepavillon entstand später das Herz-Lungen-Zentrum.
Nach dem Muster des Radiuminstituts in Stockholm wurde 1931 eine Sonderabteilung für Strahlentherapie, die erste Österreichs, geschaffen. Als dritte Stadt der Welt kaufte Wien Radium zur Bestrahlung von Krebspatienten – damals eine Sensation. Der Kostenaufwand für die 5.000 Milligramm Radium war enorm und erregte nicht nur das Interesse der Fachleute, sondern der gesamten Öffentlichkeit. Mit der Errichtung der Kobalt-60-Bestrahlungsanlage 1959, der ersten so genannten Kobaltkanone und der ersten Betatron-Anlage in Wien setzte Lainz seine Tradition auf dem Gebiet der Strahlentherapie fort.
Durch die großzügige Ausstattung der Abteilungen in technischer wie medizinischer Hinsicht und der Besetzung der Primariate mit hervorragenden Medizinern entwickelte sich das Krankenhaus Lainz in der Amtszeit von Julius Tandler zu einer Art Gegenuniversität in Wien. In einer ehemaligen privaten Heilanstalt für „Gemüths- und Nervenkranke“, die 1913 von der Gemeinde Wien gekauft und dem Versorgungsheim Lainz als Pavillon XIX angegliedert wurde, entstand 1924 die dritte Krankenpflegeschule der Stadt Wien.

Nahe dem Wienerwald

Während des Zweiten Weltkrieges wurden drei Pavillons des benachbarten Versorgungsheimes – heute Geriatriezentrum Am Wienerwald – für das Lainzer Krankenhaus in Verwendung genommen. Auch nach dem Krieg kamen Neubauten dazu, die bestehenden Gebäude wurden modernisiert. Wie jedes Spital wandelte es sich entsprechend den wachsenden Bedürfnissen der Patienten und natürlich auch der Stadt Wien. Es entstanden eine eigene Zahnstation, später ein gefäßchirurgisches Zentrum, eine neurologische Abteilung und eine Blutbank. Stolz war und ist man auf die Lage des im Pavillonsystem erbauten Spitals. Es lag und liegt etwas abseits „vom lärmenden Treiben der Großstadt“ im 13. Bezirk in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wienerwald. Von den etwa 215.000 Quadratmetern der Anstalt ist auch heute noch ein eher geringer Prozentsatz verbaut, und wenn es auch heute „mit seiner Stille, mit seiner erquicklichen Ruhe“ kein „Ort der Abgeschiedenheit von Hast und Unrast der Zeit“, wie Lainz noch im Jahr 1963 in einer Würdigung beschrieben wurde, mehr ist, so trägt die großartige Gartenanlage sicher auch heute noch mit den „äußerst wichtigen natürlichen Helfern wie Luft, Licht und Sonne“ zum Wohlbefinden und damit wohl auch zur Heilung der Patienten bei.
Trotz seiner alten klassizistischen Bausubstanz ist das Krankenhaus Lainz noch immer eines der modernsten Krankenhäuser Österreichs und erfüllt als Schwerpunktkrankenhaus der Stadt Wien eine Reihe zentraler Aufgaben in der Versorgung der Wiener Bevölkerung. Heute sucht, statistisch gesehen, etwa alle 2,4 Minuten ein Patient medizinische Hilfe im Krankenhaus Lainz. Und die erhält er hier, von etwa 435 Ärztinnen und Ärzten und 900 Krankenpflegepersonen, rund um die Uhr.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 36/2004

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