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14. Dezember 2005

Die Feuerbestattung in Österreich (Altes Medizinisches Wien 87)

Jahrhundertelang war in unseren Breiten die Verbrennung von Leichen verboten, bei Lebenden tat sich die Obrigkeit dagegen zeitweise schon wesentlich leichter. Trotzdem setzten sich Krematorien durch. Das erste entstand in Österreich 1922, und 1966 gab die Erzdiözese Wien endlich ihren Widerstand auf und stellte die Feuerbestattung der Erdbestattung gleich.

Vor allem religiöse Gründe verhinderten lange Zeit die allgemeine Anerkennung der Leichenverbrennung. Noch 1892 verbot die Kirche unter Androhung der „Exkommunikation“ die Verbrennung von Leichen und verweigerte Sterbenden, die sich verbrennen lassen wollten, die Sakramente. Trotzdem entstanden in Europa und Nordamerika ab 1873 Krematorien. Das erste österreichische Krematorium wurde aber erst am 17. Dezember 1922 im 11. Wiener Gemeindebezirk, in Simmering, gegenüber dem Zentralfriedhof, eröffnet. Die katholische Kirche änderte erst 1963 das Kirchenrecht, und 1966 stellte die Erzdiözese Wien endlich die Feuerbestattung der Erdbestattung gleich.

Nur die Verbrennung von Lebenden war erlaubt

Erd- und Feuerbestattung entwickelten sich seit frühgeschichtlicher Zeit praktisch parallel nebeneinander. Der Wechsel zwischen Körperbestattung und Einäscherung in manchen Kulturen hatte vermutlich mystische, religiöse, aber auch hygienische und wirtschaftliche Gründe. Vor allem durch die Römer verbreitete sich der Brauch der Feuerbestattung weit. Erst durch das Christentum kam es zum Rückgang dieser Bestattungsform. Karl der Große untersagte 785 im Edikt von Paderborn die Einäscherung von Leichen, da er diese als heidnischen Brauch betrachtete. Die Strafe für dieses Vergehen war pikanterweise der Tod durch Verbrennen. Auch die Kirche, der Karl der Große das Monopol der Totenbestattung und damit eine nicht unerhebliche Einnahmequelle gesichert hatte, verbot die Brandbestattung. Gegen die Verbrennung von Lebenden hatte man allerdings weit weniger einzuwenden, wie der Tod vieler Ketzer und Hexen am Scheiterhaufen in den folgenden Jahrhunderten belegt. Fast 1.000 Jahre hindurch gelang es durch dieses Edikt, die Feuerbestattung aus Europa zu verbannen. Als einzige ehrbare Bestattungsform für den wahren Christenmenschen galt die Erdbestattung auf einem Friedhof.
Im 19. Jahrhundert begannen sich Ärzte, Wissenschaftler, Philosophen und auch das aufgeklärte Bürgertum für die Einführung der Feuerbestattung einzusetzen. Hygienische, ästhetische, aber auch praktisch-ökonomische Motive spielten hier eine Rolle. Die Städte wuchsen durch die zunehmende Industrialisierung, die Bodenpreise stiegen rapide. Auf internationalen Kongressen forderte man zunehmend die Möglichkeit der Feuerbestattung aus hygienischen Gründen. An geeigneten Einäscherungsöfen, die es ermöglichten, die Leichen geruchs- und rauchfrei zu verbrennen, bastelten aber noch die Erfinder. 1873 präsentierte der italienische Pathologe Ludovico Brunetti seinen
„Leichenverbrennungs-Apparat“ auf der Wiener Weltausstellung. In Deutschland konstruierte die Firma Friedrich Siemens in Dresden einen Verbrennungsofen „nach einem patentirten Regenerativ- und Gasfeuerungssystem“, der allgemein Bewunderung erregte, einwandfrei funktionierte und sich auch europaweit durchsetzte. Die ersten Krematorien entstanden 1873 in England, 1876 in Mailand und Washington und 1878 in Deutschland, in Gotha. Dieses erste Krematorium Deutschlands hatte in intellektuellen Kreisen lange Zeit einen besonderen Ruf. So ließ sich auch die Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner, die 1914 in Wien starb, in Gotha verbrennen, da eine Feuerbestattung in Österreich damals noch nicht möglich war.

Heftiger Widerstand der österreichischen Kirche

In Wien gab es seit 1873 zahlreiche erfolglose – unter anderem auch vom Lands-Sanitätsrat unterstützte – Anträge für den Bau einer Feuerhalle. 1885 gründeten Oskar Siedek und Dr. Anderl den Verein der Freunde der Feuerbestattung „die Flamme“. Man warb um Mitglieder ohne Unterschied des Standes, der politischen Parteizugehörigkeit oder des Religionsbekenntnisses. Mit Vorträgen, Broschüren und Zeitungsartikel versuchte man aufklärend zu wirken. Der Verein übernahm auch die Organisation der Überführung von Verstorbenen zur Verbrennung ins Ausland. Auch in wissenschaftlichen Standardwerken schlug sich das Interesse von Medizinern und Hygienikern an der Einäscherung nieder. In einem deutschen „Handbuch des öffentlichen Gesundheitswesens“ hieß es: „Dass die Feuerbestattung aus hygienischen Rücksichten die größte Verbreitung verdient, kann nicht bestritten werden.“ Aber es war, zumindest in Österreich, noch nicht soweit. Die Idee verbreitete sich zwar, trotz aller Widerstände der Kirche, auch hierzulande, aber es dauerte noch bis zum Ende der Monarchie, bis der Bau eines Krematoriums in Wien realisiert werden konnte. 1919 versprach der neu gewählte sozialdemokratische Bürgermeister Wiens, Jakob Reumann, sich für den Bau einer Feuerhalle einzusetzen. Am 17. Dezember 1922 konnte die erste österreichische Feuerhalle in Wien-Simmering feierlich eröffnet werden. Einen Tag davor hatte noch der christlichsoziale Minister für soziale Verwaltung, Dr. Schmitz, die Inbetriebnahme der unchristlichen Feuerhalle verboten. Ungeachtet dessen glitt am 17. Jänner 1923 „der erste Sarg hinab in den Verbrennungsraum“. Dies brachte dem Bürgermeister eine Klage beim Verfassungsgerichtshof ein. Der Gerichtshof entschied aber überraschenderweise für die Stadt Wien. Bereits am 23. September 1924 konnte man die tausendste Einäscherung „feiern“. Der zwischen Kirche beziehungsweise erzkatholischer Regierung und Freidenkern tobende „Kulturkampf“ um die Feuerbestattung war aber noch lange nicht ausgefochten. Er fand sein Ende erst in den 1960er-Jahren, als die Kirche ihre Bedenken gegen die Einäscherung milderte.

Staub- und geruchsfreie Einäscherung

Technisch gesehen sind Krematoriumsöfen so genannte Muffelöfen, wie sie auch beim Brennen von Keramik verwendet werden. Bei dieser Art Öfen kommt das Brenngut, bei Krematoriumsöfen also die Leiche nicht direkt mit den Flammen in Kontakt. Die Verbrennung in der Einäscherungskammer erfolgt nur durch heiße Luft bei einer Temperatur um 1.000 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur wird der Leichnam zunächst dehydriert und entzündet sich dann von selbst. Die staub- und geruchsfreie Verbrennung ist vollständig. Es bleibt praktisch nur ausgeglühte weiße Asche übrig. Die leichtere Holzasche des Sarges wird durch Luftzug von der Leichenasche getrennt. Die Verbrennung dauert etwa 1,5 Stunden. Nach den in Österreich geltenden Bestimmungen darf in einer Einäscherungskammer jeweils nur ein Verstorbener kremiert werde. Um die Identität des Verstorbenen mit der Asche zu gewährleisten, wird dem Sarg vor der Einäscherung eine Schamottplatte mit einer Nummer beigelegt. Diese Nummer wird nach der Verbrennung der Aschenkapsel mitgegeben.
Das auf dem Gelände des Neugebäudes, eines ehemaligen Kaiserschlosses aus dem 16. Jahrhundert in Simmering, 1922 erbaute Krematorium nach Plänen von Clemens Holzmeister (1886 bis 1983) gilt heute als Österreichs bedeutendster „expressionistischer“ Bau. Holzmeister erhielt damals den Auftrag, da sich sein Entwurf „Zinne“ in seiner Grundhaltung dem auf diesem Gelände stehenden Schloss „Neugebäude“ anlehnt. Für Holzmeister war der Bau nach eigenen Worten „das erste Monumentalwerk seines Lebens“ und bedeutete seinen Durchbruch als Architekt. Mit dieser Feuerhalle legte er den Grundstein für seine jahrzehntelange erfolgreiche Karriere in Österreich. Der Umbau und die Erweiterung des Krematoriums 1965 bis 1969 erfolgte ebenfalls nach Plänen von Clemens Holzmeister. Weitere Krematorien in Österreich entstanden 1927 in Steyr, 1929 in Linz, 1932 in Graz und Salzburg, 1953 in Villach und 1975 in Knittelfeld und St. Pölten. Aktuell stehen in Österreich zur Einäscherung elf Feuerhallen zur Verfügung. Etwa jeder fünfte Tote wird heute in Österreich feuerbestattet.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 35/2004

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