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14. Dezember 2005

Ein vergessener Pionier (Altes Medizinisches Wien 85)

Ein Hund war der Hauptdarsteller der wissenschaftlichen Sitzung in der Gesellschaft der Ärzte am 7. März 1902 in Wien. Aber kein gewöhnlicher Hund betrat hier das Podium, sondern einer, dem für alle sichtbar aus dem Hals Urin tropfte. Emerich Ullmann, Chefchirurg am Hartmannspital in Wien, hatte dem Tier eine Niere in den Halsbereich transplantiert und den Ureter in die Haut des Halses eingenäht.

Anastomosiert war die Niere am Hals des Hundes mit der Arteria carotis und der Vena jugularis und, wie Emerich Ullmann (1861 bis 1937) in der Wiener Klinischen Wochenschrift berichtete, „gelang das“ – von ihm selbst als wahrscheinlich nicht durchführbar eingeschätzte – „Experiment, da nicht nur die Lebensfähigkeit der transplantirten Niere, sondern auch ihre physiologische Function erhalten blieb.“ Ullmann war damit weltweit der Erste, der ein solides Organ im Sinne der modernen Transplantationsmedizin erfolgreich verpflanzt hatte. Dieser Eingriff gilt heute als Geburtsstunde der Transplantationsmedizin.

Erste Xenotransplantation

Im selben Jahr versuchte Ullmann, auch einer Patientin im Endstadium eines Nierenversagens eine Schweineniere in die linke Ellbogenregion zu transplantieren. Er scheiterte aber an technischen Schwierigkeiten. Es ist dies der erste Bericht einer, allerdings erfolglosen, Xenotransplantation, der Verpflanzung eines Tierorgans in einen Menschen. Die Xenotransplantation gilt heute, 100 Jahre später, als Ausweg aus dem weltweit zunehmenden Mangel an Spenderorganen. Es gibt zwar vielversprechende Ergebnisse im Tierversuch, aber bis zur ersten Xenotransplantation bei Menschen müssen noch viele Probleme gelöst werden. Überraschenderweise gelang Ullmann die Transplantation der Niere eines Hundes auf eine Ziege. Auch dieses Tier demonstrierte er in der Gesellschaft der Ärzte. Mit dem heutigen Wissen erscheint das Gelingen dieser Xenotransplantation ohne immunsuppressive Therapie als seltener Glücksfall.

Freiwilliges Versuchskaninchen

Emerich (Imre) Ullmann, geboren in Pecs (Fünfkirchen) in Ungarn, kam 1880 nach Wien, wo er sein Medizinstudium begann. Nach Abschluss seines Studiums erhielt er ein Stipendium am „Operationszöglings-Institut“ der 1. Chirurgischen Universitätsklinik. Der Chirurg Eduard Albert schickte ihn zu Robert Koch nach Berlin und Louis Pasteur nach Paris, um sich in die damals neue Wissenschaft der Bakteriologie einzuarbeiten. Bei Pasteur, der gerade seine damals umstrittene und von Robert Koch wegen ihrer Gefährlichkeit abgelehnte Schutzimpfung gegen Tollwut erprobte, stellte sich Ullmann als Versuchsobjekt zur Verfügung, um die Sicherheit der Schutzimpfung für Gesunde zu beweisen. Pasteur soll nach einer Erzählung Ullmanns Tränen in den Augen gehabt haben, als sich Ullmann als Versuchskaninchen zur Verfügung stellte. Ullmanns Selbstversuch führte schließlich zu einer raschen Verbreitung des Pasteur‘schen Verfahrens. Zurückgekehrt nach Wien, führte Ullmann die Tollwut-Schutzimpfung in Österreich ein und publizierte bereits 1887 die ersten 122 Fälle.

Autotransplantation von Darmabschnitten

Nach Abschluss seiner chirurgischen Ausbildung und der Habilitation 1891 übernahm Ullmann die chirurgische Abteilung des Hartmannspitals in Wien. Für heutige Verhältnisse überraschend, konnte Ullmann in diesem geistlichen Privatspital, einem „Peripheriespital“ in Wien, neben seiner chirurgischen Tätigkeit als Primararzt seine wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzen und eine Reihe von Arbeiten über verschiedenste chirurgische Themen, auch experimenteller Natur, publizieren. Gegen Ende des Jahrhunderts begann er sich zunehmend mit Darmanastomosen und Autotransplantationen von Darmabschnitten – Dünndarm in Dickdarm, Magen in Dickdarm, etc. – im Tierversuch zu beschäftigen. Über diese Arbeiten berichtete er 1900 auf einem internationalen Kongress in Paris und publizierte sie auch – „Über Darmtransplantation“ – in der Wiener Medizinischen Wochenschrift. Später gelangen ihm auch Transplantationen verschiedener Darmabschnitte von Hunden auf andere Hunde. Bei seinen Tierexperimenten kam es gelegentlich zu Kreislaufstillständen der Versuchstiere. Ullmann berichtete 1901 in einer Arbeit, dass er bei diesen Tieren den Thorax öffnete und es ihm gelegentlich gelang, mit direkter Herzmassage das Herz wieder zu spontaner Aktivität zu bewegen. Es ist dies möglicherweise weltweit der erste Bericht einer erfolgreichen Reanimation mit offener Herzmassage.
In den folgenden Jahren experimentierte Ullmann vor allem mit der Transplantation von Nieren. Ein noch ungelöstes Problem waren die Gefäßanastomosen. Ullmann verwendete „kleine Magnesiumröhrchen, die ich mir so herstellen ließ, dass die eine Hälfte der Röhre glatt ist, die andere Hälfte zwei Nuthen trägt“. Mittels Ligaturen befestigte er die auf die Röhren aufgefädelten Gefäße an den Nuten. Erst die von Alexis Carell 1902 in Lyon entwickelte Methode der Gefäßnaht, die End-zu-End-Anastomose mit feiner Seide durch eine fortlaufende Naht, erleichterte die technische Durchführung von Transplantationen. Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen dürfte Carell bereits die Tragweite dieser experimentellen Transplantationen geahnt haben. So bemerkte er: „Heute eine chirurgisch-technische Kuriosität, könnten Transplantationen eines Tages praktisches Interesse haben.“

Nierentransplantation am Menschen

Weltweit wurden an verschiedenen Zentren in den nächsten Jahrzehnten Nierentransplantationsversuche durchgeführt. Durchwegs erfolglos. Die meisten Forscher gaben die Organtransplantationen auf. Erst die Erforschung spezieller Gewebseigenschaften und damit das Verständnis der Abstoßungsreaktion führten nach dem Zweiten Weltkrieg auf den richtigen Weg. Die erste erfolgreiche Nierentransplantation beim Menschen mit Langzeitüberleben gelang Joseph Murray in Boston 1954 bei eineiigen Zwillingen. Der Patient lebte noch acht Jahre und starb schließlich an einem Herzinfarkt. Das Problem der Abstoßung war aber damit nicht gelöst, da eineiige Zwillinge gewebsidentische Menschen sind. Erst die chemischen Immunsuppressiva brachten den Durchbruch. 1962 transplantierte Murray erfolgreich die Niere eines frisch Verstorbenen. Die Abstoßungsreaktion konnte mit Medikamenten (Azathioprim, Actinomycin und Kortison), die das Immunsystem unterdrücken, beherrscht werden. Der Patient überlebte mehrere Jahre. Erst in den 1970er-Jahren begann eine neue Ära der Transplantationsmedizin. Mit dem damals neu entdeckten Inhaltsstoff eines Pilzes, Cyclosporin, der 1982 unter dem Markennamen Sandimmun zugelassen wurde, konnten die Abstoßung des transplantierten Organs wesentlich gezielter unterdrückt und die Überlebensraten dramatisch verbessert werden. Dies war ein Meilenstein auf dem Gebiet der Organtransplantation.

Viel beachtete Monographie

Auch Ullmann wendete sich nach Misserfolgen bei seinen Nierentransplantationen wieder anderen Themen zu. Er transplantierte mit unterschiedlichem Erfolg verschiedene Gewebe, Hoden, Haut und Ovarien. 1914 veröffentlichte er eine viel beachtete Monographie „Über Gewebs- und Organtransplantation“, in der er die überraschend umfangreichen Erfahrungen der Transplantationsmedizin dieser Zeit zusammenfasste. Neben seinen Arbeiten über Transplantationen entwickelte Ullmann eine Reihe von neuen chirurgischen Techniken, und er war möglicherweise auch der erste Chirurg, der Leberresektionen durchführte, und dies bereits 1903 publizierte. Wohlgemerkt, alle seine zum Teil bahnbrechenden Arbeiten und Experimente führte Ullmann nicht auf akademischem Boden durch. Ein Konflikt mit der Fakultät „vergiftete ihm sein Leben“. Die medizinische Fakultät verweigerte ihm sogar, trotz Fürsprache bedeutender Chirurgen wie Eduard Albert, Adolf Lorenz und Anton von Eiselsberg, lange Zeit den Titel „außerordentlicher Professor“. Erst 1919, bereits 58-jährig, erhielt er den Titel nach mehrmaliger Intervention von Adolf Lorenz. Ullmann war aber nicht nur ein begnadeter Chirurg und Forscher. Auch als Kunstexperte und Sammler war er international bekannt. Spezialisiert hatte er sich auf gemalte Kleinportraits. Seine Miniaturensammlung war weltberühmt. Emerich Ullman starb am 9. Februar 1937 an einem Schlaganfall.
Obwohl Ullmann heute international als „Vater der Nierentransplantation“ gilt, ist er in Wien fast unbekannt. In kaum einer Geschichte der Wiener Medizin findet sich sein Name. Möglicherweise wäre er einer der ganz Großen nicht nur in der Wiener Medizingeschichte geworden, wenn er seine Arbeiten und Experimente nicht „nur“ als Primararzt in der „Peripherie“, sondern auf akademischem Boden gemacht hätte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 33/2004

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