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14. Dezember 2005

Wie ein historisches Fitnessstudio (Altes Medizinisches Wien 84)

Die Adresse Rathausstraße 21 im 1. Wiener Gemeindebezirk ist für die Orthopädie ebenso bedeutend wie für die Psychotherapie die Adresse Berggasse 19, wo sich die Ordination Sigmund Freuds befand. Hier in der Rathausstraße, im zweiten Stock, Tür Nr. 9, befand sich ab dem Jahre 1903 die Privatpraxis von Adolf Lorenz, dem weltberühmten „unblutigen Chirurgen“.

Hier behandelte Lorenz und nach seinem Tod sein Sohn Albert (1885 bis 1970) in den kaum veränderten Räumen bis 1970 orthopädische Patienten aus allen Teilen der Welt. Für Patienten und Ärzte war diese Adresse jahrzehntelang fast gleichbedeutend mit dem Begriff Orthopädie. Die Witwe von Albert Lorenz betrieb in diesen Räumen bis 1993 ein Heilsport-Institut. Heute betreut der Adolf-Lorenz-Verein statutengemäß die Ordination von Adolf und seinem Sohn Albert Lorenz als museale Gedenkstätte an den „Vater der Orthopädie“. Als aufstrebender junger Assistent des Chirurgen Eduard Albert (1841 bis 1900) an der 1. Chirurgischen Klinik der Universität Wien träumte Adolf Lorenz von einer glanzvollen akademischen Karriere als Chirurg. Ein hartnäckiges Karbolekzem seiner Hände, das es ihm unmöglich machte, sich chirurgisch zu waschen oder auch nur ein chirurgisches Instrument anzufassen, hätte beinahe die Karriere des begeisterten Operateurs beendet [siehe Spurensuche: Der unblutige Chirurg. Folge 55 (43/03)]. Lorenz bereitete sich bereits darauf vor, als „Wald- und Wiesenarzt“ zu ordinieren. Albert wollte aber seinen Lieblingsschüler nicht verlieren.

„Trockene Chirurgie“

Albert beschäftigte sich neben seiner Arbeit als Chirurg mit Mathematik und Geometrie. Sein geometrisches Denken und Wissen beeinflusste auch seine medizinischen Vorlieben und sein Interesse für die Orthopädie. Die Mechanik der Gelenksbewegungen, der Aufbau der Knochen sowie kompensatorische Fußformen bei Veränderungen im Kniegelenk erregten zumindest theoretisch sein Interesse. Auf dieses Gebiet setzte Albert nach und nach seinen Assistenten Lorenz an. Er ermunterte ihn, es mit der so genannten „trockenen Chirurgie“ – einer Chirurgie, die sich bemühte, ohne blutigen Eingriff krumme Körperteile gerade zu richten – zu probieren und ermöglichte ihm Studienreisen zu den wichtigsten medizinischen Zentren Europas. Hier erkannte Lorenz, dass die Orthopädie, nicht nur ihn Wien, geradezu stiefmütterlich behandelt wurde. Selbst Billroth, den Lorenz sehr verehrte, war damals noch der Ansicht, „dass der Schneider der beste Orthopäde ist“.
Nach seiner Rückkehr an die Klinik begann Lorenz, zielstrebig neue Wege in der Orthopädie zu suchen. Albert unterstützte ihn und stellte ihm einen kleinen Raum an der 1. Chirurgischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus als orthopädisches Ambulatorium zur Verfügung. Hier sammelte der belächelte „Gipsdozent“ seine ersten Erfahrungen mit den von ihm entwickelten „unblutigen Operationen“. Seine Überlegungen, deformierte Körperteile nur durch Manipulation mit den Händen und mit seinen zu diesem Zweck erfundenen Maschinen zu behandeln, waren bahnbrechend und wurden grundlegend für das Fach Orthopädie. Nach jahrelangen Versuchen gelang ihm mit der unblutigen Behandlung der angeborenen Hüftgelenksluxation der internationale Durchbruch. Mit dieser aufsehenerregenden Behandlung wurde die „Lorenz Methode“ weltweit bekannt und ihr Erfinder erlangte ungeheure Popularität. Patienten aus der ganzen Welt kamen nach Wien, um sich von Lorenz behandeln zu lassen. Ärzte und Studenten pilgerten ins Allgemeine Krankenhaus in Wien, um von Lorenz zu lernen.

Ordination im Originalzustand

1903 verlegte Lorenz seine private Ordination vom Rooseveltplatz in die Nähe des Allgemeinen Krankenhauses, in die Rathausstraße 21, Tür Nr. 9. Nicht nur das Türschild der Ordination, sondern fast der gesamte Ordinationsbereich ist im Originalzustand erhalten. Im Wartezimmer, wo Patienten aus allen Gesellschaftsschichten und aus der ganzen Welt auf einer einfachen Holzbank warteten, um in den Turnsaal zur Gymnastik oder zum „unblutigen Zauberer“ zur Untersuchung vorgelassen zu werden, hängt noch immer sein Wintermantel an der Garderobe. Eine Büste von Viktor Tilgner erinnert an den „Gipsdozenten“, der mit seinen genialen, unblutigen Operationen weltweit höchste Anerkennung und Auszeichnung erhielt. Im Vorraum warteten die Patienten, um mit einer elektrischen Klingel zur Therapie in den Turnsaal oder zur Untersuchung ins Arbeitszimmer aufgerufen zu werden. Läge im Arbeitszimmer nicht eine zarte Staubschicht über dem gesamten Raum und seinen Exponaten, man hätte den Eindruck, der blutlose, aber bei Gott nicht blutleere Hexer mit den goldenen Händen könnte jederzeit den Raum betreten und den wahrscheinlich oft verzweifelten Eltern Mut machen. Sein Sohn Albert, mit dem er ab 1924 die Ordination als Gemeinschaftspraxis führte, veränderte die Einrichtung im Arbeitszimmer kaum.
Der Schreibtisch mit Brille, Löschwiege, Schreibutensilien und alten handschriftlichen Patientenkarteien mit Zeichnungen erweckt den Eindruck, der Herr Hofrat hätte nur kurz den Raum verlassen. Im Bücherschrank hinter dem Schreibtisch finden sich seltene Fachbücher mit persönlichen Widmungen an Vater und Sohn Lorenz sowie nicht nur medizinhistorisch hochinteressante Krankengeschichten von zum Teil höchst prominenten Patienten und persönliche Erinnerungsfotos mit Widmungen. Diese dokumentieren sowohl die soziale als auch die geografische Herkunft seiner Patienten und darüber hinaus auch die Wertschätzung, die er international im Kollegenkreis genoss.

Höhepunkt ist der Turnsaal

Höhepunkt der musealen Ordination ist aber sicher der Turnsaal. Hier stehen noch die Geräte und Apparate, die Lorenz in den Anfangsjahren seiner Privatordination selbst konstruierte und die er selbst und auch sein Sohn zur Behandlung der Skoliose und anderer orthopädischer Erkrankungen eingesetzt hatte. Holzkonstruktionen mit Streckschlingen, Apparate zur „redressierenden“ Gymnastik, Geräte mit verstellbaren Gewichten zum Training bestimmter Muskelgruppen, ein regulierbares Velotrab und ein gusseiserner Apparat zur aktiven Rumpfbewegung vermitteln den Eindruck eines historischen Fitnessstudios. Ein Instrumentenschrank mit chirurgischen Instrumenten und ausgeklügelten Vorrichtungen zur konservativen Behandlung von Pathologien im Bereich des Fußes zeigen den genialen Einfallsreichtum des Begründers der Orthopädie. Darstellungen über die Behandlung mit diesen Geräten finden sich in seinen Publikationen.

Dokumente und Photos

Unzählige Dokumente von Ehrenmitgliedschaften, Auszeichnungsurkunden, Photographien mit persönlicher Widmung, von Josephine Baker, über König Alfons XIII. von Spanien und anderen Staatsmännern und Künstlern, bis zu Dankschreiben von geheilten Luxationskindern erinnern an den Wänden der so genannten kleinen Kanzlei, in der einst die Ordinationshilfe residierte und die Krankengeschichten vorbereitete und verwaltete, an die ungeheure weltweite Popularität, die Adolf Lorenz und später auch sein Sohn Albert genoss. Internationale Auszeichnungen erhielt Albert Lorenz viele. Den Nobelpreis für Medizin verpasste er 1923 nur knapp. Im Vorschlag unterlag er mit nur einer Stimme. Seinem zweiten Sohn, dem heute umstrittenen Verhaltensforscher Konrad Lorenz, wurde diese Ehre 1973 zuteil.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 32/2004

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