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14. Dezember 2005

Die Anfänge der Laryngologie (Altes Medizinisches Wien 83)

Als Laryngologe war Leopold Schrötter von Kristelli (1837 bis 1908) weltbekannt. Er begründete die Laryngologie als Spezialfach an der Wiener Universität und errichtete die erste laryngologische Klinik der Welt im Wiener AKH Wien. Weniger bekannt sind seine Leistungen als Sozialmediziner und sein Engagement gegen die damalige Volksseuche Nummer eins in Wien: die Tuberkulose.

Schrötter organisierte die Gründung der Lungenheilanstalt „Alland“ und trug maßgeblich zur Schaffung von Luftkurorten und damit zum Aufstieg von Orten wie etwa Semmering, Abbazia und Ragusa bei. In einer Periode, als die so genannte 2. Wiener Medizinische Schule gerade Weltruhm erlangte, begann Schrötter sein Medizinstudium in Wien. Die Lehrer, die ihn am meisten beeindruckten, der Internist Joseph Skoda und der Chirurg Franz Schuh, bestimmten entscheidend seine weitere Laufbahn. Nach Beendigung seines Studiums 1861 begann er als Operationszögling bei Schuh, der die Chirurgie in Österreich zur Wissenschaft machte. Die hervorragende chirurgische Ausbildung, die er hier erhielt, sollte für seine weitere Karriere von entscheidender Bedeutung werden. Hier konnte er sich die chirurgischen Techniken aneignen, die ihn später zu seinen viel bewunderten operativen Leistungen in der Laryngologie befähigten. Während dieser zwei Jahre chirurgischer Tätigkeit verlor er aber nie den Kontakt zu den anderen Fachgebieten. Er wollte immer den kranken Menschen als „Ganzes sehen und nicht in einzelne Organe zerlegt“. 1863 machte Skoda ihn zu seinem Assistenten. Hier lernte er nicht nur vom Meister selbst die physikalische Krankenuntersuchung, hier begann er sich auch intensiv mit Lungenkrankheiten und speziell der Tuberkulose zu beschäftigen. Eine Krankheit, deren Bekämpfung und Behandlung ihm sein Leben lang ein großes Anliegen war. Sechs Jahre arbeitete Schrötter unter Skoda.

Autodidaktische Anfänge

Den Aktivisten Schrötter drängte es aber zu mehr. Angeregt durch die Erfindung des Kehlkopfspiegels durch Ludwig Türck und fasziniert von der Möglichkeit, bisher verborgene Körperhöhlen zu untersuchen, begann er sich als Autodidakt in Laryngologie auszubilden. Durch seine gediegene interne und chirurgische Ausbildung und seine außerordentliche manuelle Geschicklichkeit brachte er es in diesem Grenzgebiet zwischen Chirurgie und innerer Medizin zur Meisterschaft. 1867 habilitierte er sich über „Krankheiten der Brustorgane und des Kehlkopfs“. Seine Erfolge auf dem Gebiet der Laryngologie erregten allgemein Aufmerksamkeit. Unter Hinweis auf die Wichtigkeit der Laryngologie gelang es Schrötter 1870, nach dem Tod Türcks, die Fakultät zu überzeugen, eine laryngologische Klinik zu errichten und eine Lehrkanzel für Laryngologie einzurichten. Es war dies die erste Klinik für Laryngologie und die erste Lehrkanzel für dieses Spezialfach der Welt.
Obwohl die Klinik nur aus zwei Krankenzimmern mit jeweils acht Betten, untergebracht im Trakt zwischen dem 2. und 7. Hof im alten Allgemeinen Krankenhaus, bestand, war der Andrang von Patienten und Ärzten, die die laryngoskopischen Kurse Schrötters besuchten, enorm. Bereits drei Jahre später reichten die Räumlichkeiten bei weitem nicht mehr aus. Ärzte aus der ganzen Welt kamen, um sich bei Schrötter ausbilden zu lassen. Schrötter demonstrierte seinen Hörern hier alles, was am Kehlkopf zu sehen war. Auch seinen eigenen Larynx machte er oft zum Demonstrationsobjekt. Bekannt und beliebt unter den Studenten war das „lebende Phantom“ der Klinik Schrötter: Eine Frau, die sich gegen ein kleines Entgelt von den Studenten untersuchen ließ. Ihr Rachen war bereits so unempfindlich, dass „auch der ungeschickteste Anfänger ungestört mit dem Spiegel herumhantieren konnte, bis er die richtige Einstellung erlernte“. Außerdem konnten die jungen Ärzte an ihr auch noch Untersuchungen mit dem Augenspiegel üben, eine Magensonde einführen, ihre Wanderniere und, wenn gewünscht, auch noch ein Uterusmyom palpieren.

Endolaryngeale Eingriffe

Endolaryngeale Eingriffe, meist Abtragung von Polypen, waren in der Zeit vor der Entdeckung der Lokalanästhesie ein mühsames Unterfangen. Um nicht bei Berührung im Kehlkopf mit einem Glottiskrampf zu reagieren, musste der Patient langsam und geduldig trainiert werden, seine Reflexe zu beherrschen. Eine Prozedur, die Wochen dauern konnte. Versuche mit Lokalanästhesie gab es zwar – man verwendete die so genannte Bernatzki‘sche Mischung aus Morphium und Chloroform –, die Nebenwirkungen waren aber beträchtlich. Um einen Patienten am Morgen operationsbereit zu haben, musste man bereits am Vorabend mit der Pinselung beginnen. Und selbst dann musste der Eingriff blitzartig und mit ungeheurer Präzision durchgeführt werden. Eine Fähigkeit, die einer besonderen, nicht erlernbaren Geschicklichkeit bedurfte. Erst die Entdeckung der Kokainanästhesie durch Carl Koller 1884 brachte den Durchbruch. Jetzt konnten sich auch „gewöhnliche Sterbliche mit einigermaßen gewandter Hand in unser Arbeitsgebiet einleben“.

Problemfall Larynxstenose

Ein Problem, das damals sowohl den Internisten als auch den Chirurgen unter den Fingern brannte, waren Larynxstenosen als Folge der damals häufigen Syphilis. Die bedeutendsten Chirurgen scheiterten bei dem Versuch, dieses Krankheitsbild zu heilen. Strikturen des Kehlkopfes zu beseitigen und dem Patienten für sein weiteres Leben eine Trachealkanüle zu ersparen, war das Ziel Schrötters. Von interner Therapie hielt er, hier ganz Schüler Skodas, bei diesem Krankheitsbild wenig: „...statt eines aus den Apotheken zu holenden Medikaments lieber selbst energisch Hand anlegen“ war seine Maxime. Mit seiner von ihm entwickelten „chronisch-progressiven Dilatationsbehandlung“ mit Zinnbolzen und Hartgummiröhren gelang ihm dies unblutig auf mechanischem Weg. Dieses Verfahren erregte sensationelles Aufsehen. Die Schrötter‘schen Zinnbolzen und die Schrötter‘schen Hartkautschukröhren waren jedem Laryngologen ein Begriff und begründeten seinen Ruhm weltweit.
Dieses Verfahren und die Perfektionierung der damals noch jungen „Spiegelkunst“, mit der er die Diagnostik des Kehlkopfkrebses, auch in seinen Frühstadien, revolutionierte, war der Grund, dass er 1888 gemeinsam mit anderen europäischen Spezialisten an das Krankenbett des deutschen Kronprinzen, später Kaiser Friedrich III. zu einem Konsilium nach San Remo berufen wurde. Gegen die Meinung bekannter Autoritäten diagnostizierte er auf den ersten Blick die Bösartigkeit der Kehlkopferkrankung. Schrötter wurde auch ausgewählt, dem hohen Patienten die furchtbare Diagnose mitzuteilen. Er erledigte diese schwierige Aufgabe – „...sagen Sie, lieber Herr Professor, ist es Krebs?“ „Kaiserliche Hoheit, es ist eine bösartige Neubildung“ – wie allgemein rühmlich festgehalten wurde, mit Takt und Feingefühl.

Heilanstalt in Alland

Als Schüler Skodas war Schrötters Lieblingsgebiet das geradezu klassische Gebiet der Wiener inneren Medizin: die Erkrankungen der Brustorgane, und hier vor allem die Tuberkulose. In Wien starben damals täglich 20 Menschen an Tuberkulose, und unter den Arbeitern waren 50 Prozent der Todesfälle durch Tuberkulose bedingt. Als Erster in Österreich empfahl Schrötter bereits 1883 die klimatologische Behandlung der Tuberkulose in geschlossenen Anstalten. Und dies nicht nur in noblen Heilanstalten – wie in den „Zauberbergen“ von Davos, Meran und an der Riviera –, sondern auch für Unbemittelte zu ermöglichen, war ihm Gebot der Stunde. In Wien mussten damals täglich 50 bis 60 akute Fälle von Tuberkulose aus Platzgründen abgewiesen werden. Da Geldmittel von der Regierung nicht zu erhalten waren, kam es zur Gründung eines privaten Vereins, der bald durch Spenden die nötigen Geldmittel zur Errichtung einer Heilanstalt bereitstellen konnte. Aber nicht nur die Geldfrage, auch die Platzfrage war ein Problem. Bakterienfurcht der Gemeinden oder der Besitzer geeigneter Grundstücke behinderten das Projekt.
Erst nach jahrelangen Kämpfen gelang es, in Alland im Wienerwald ein Grundstück in hervorragend geeigneter Lage zu erwerben. Am 2. April 1898 konnte die Heilanstalt Alland eröffnet werden. In dieser mustergültigen Anstalt, die nach neuesten hygienischen Anforderungen erbaut wurde, konnte man nicht nur armen Tuberkulosekranken helfen, sondern auch wissenschaftliche Arbeit zur Erforschung der Tuberkulose und zur Erprobung neuer Heilmittel durchführen. Die Heilstätte Alland wurde zum Vorbild für ganz Europa. Seine Beschäftigung mit der Tuberkuloseprophylaxe führte Schrötter auch zu allgemeinen hygienischen Fragen einer Großstadt. In Vorträgen trat er für entsprechende Kanalisation, staubarme Straßenbeläge, gegen die Rauch- und Lärmplage, für die Wienflussregulierung, den Bau von Kinderspitälern und die Feuerbestattung ein. Er wollte, dass „Wien nicht nur die schönste, sondern auch die gesündeste Stadt der Welt“ werde.
Am 21. April 1908 hielt Schrötter die Festrede am 1. Internationalen Laryngologen-Kongress in Wien. Danach empfing er einige Teilnehmer in seiner Wohnung in der Mariannengasse 3. Am 22. April um 1 Uhr morgens war Schrötter tot. In seinem Testament bestimmte er, dass sein „Leichnam verbrannt“ werde, da er dies für die „richtige Art der Beseitigung eines Leichnams“ hielt. Die katholische Pfarre verweigerte prompt die Einsegnung.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 31/2004

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