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14. Dezember 2005

Medizin im Straßengraben (Altes Medizinisches Wien 82)

Das Sanitätsmuseum des Samariterbundes in der Pillergasse 24 im 15. Wiener Gemeindebezirk befindet sich, historisch gesehen, genau an der richtigen Stelle: Ende 1880 entstand hier die erste städtische Sanitätsstation. Ein Holzbau mit Pferdestallung, Heuboden und einem Zubau als Unterkunft für den Sanitätsdiener. Zwar recht primitiv, aber bereits ein gewaltiger Fortschritt zu den Sanitätszimmern.

Die Sanitätszimmer waren bis dahin in Badestuben, Wirtshäusern und Amtsräumen untergebracht gewesen. Im aktuellen Komplex Pillergasse, in dem heute das Museum untergebracht ist, befand sich einst die von Penzinger Bürgern um 1900 gestiftete Sanitätsstation der „Penzinger freiwilligen Rettungsgesellschaft“ und später die Zentrale der städtischen Sanität, des „permanenten Desinfektions- und Krankentransportdienstes“ der Stadt Wien, errichtet in den Jahren 1912 bis 1913. Mit Stallungen, Straßenboxen für die Gespanne, einer Dienstwohnung, Räumen für die Mannschaft und einer Telefonzelle im Permanenzraum war die Station bereits recht gut ausgestattet. Nach der Einführung des Automobils in den Sanitätsdienst 1922 stellte man die letzten von Pferden gezogenen Krankentransportwagen außer Dienst und die Station musste mehrfach umgebaut werden. Aus den Pferdeställen wurden Werkstätten und Garagen. Nach Bombenschäden im 2. Weltkrieg baute man das Gebäude nicht mehr vollständig auf. Die städtische Sanität übersiedelte schließlich 1963 in die Radetzkystrasse 1 im 3. Bezirk, wo sich heute die Zentrale der Wiener Rettung befindet. 1971 übernahm der Samariterbund Österreich das Gebäude und adaptierte es für seine Bedürfnisse. Bis 1992 war hier neben den Aufenthaltsräumen für die Wagenmannschaften, Garagen, dem Schulungszentrum und Materiallager auch die Österreichzentrale des Samariterbundes untergebracht.

Eröffnung im Jahr 1994

Nach Fertigstellung des neuen Bundesgebäudes in der benachbarten Hollergasse ergab sich die Gelegenheit, den bereits länger bestehenden Plan eines Sanitätsmuseums in die Realität umzusetzen. Auf Betreiben von Ing. Paul Meihsl (1929 bis 2002), gemeinsam mit den anderen freiwilligen Hilfsorganisationen Wiens der Johanniter-Unfallhilfe, dem Malteser-Hospitaldienst und dem Landesverband Wien des Roten Kreuzes gelang es 1994, das „Erste Wiener Sanitätsmuseum“ im damals leer stehenden Komplex Pillergasse 24 zu eröffnen. Ziel des Museums war es, neben der Geschichte der vier freiwilligen Hilfsorganisationen auch die historische Entwicklung der ersten Hilfe und der präklinischen Medizin zu dokumentieren. Das „Erste Wiener Sanitätsmuseum“ bestand bis 2001. Nach Sanierungsarbeiten und Umbauten im Gebäude konnte das Museum im Jahr 2003 in einem kleineren Rahmen wiedereröffnet werden. Jetzt allerdings nur mehr mit Exponaten des Samariterbundes. Die anderen Organisationen zogen ihre Ausstellungsstücke zurück. Deutlich abgespeckt, präsentiert sich die Sammlung heute in völlig neu adaptierten Räumen.

Große Bewährungsproben

Der Eingangsbereich ist dem Arbeiter-Samariterbund Österreich in Geschichte und Gegenwart gewidmet. Dokumente, Fahnen, Wimpel, Aufkleber, Zeitschriften und Werbeprospekte aus der Zeit der Gründung als eigenständiger Verein sind hier ebenso vorhanden wie der Auflösungsbescheid des Arbeiter-Samariterbundes aus dem Jahr 1934 und Dokumente der Wiederbegründung 1947, mit Hilfe der Schweizer Samariter. Mit umgebauten Heeresfahrzeugen und Verbandsmaterial aus Heeresbeständen konnte damals der Sanitätsdienst zumindest behelfsmäßig wieder aufgenommen werden. Archivfotos erinnern an die großen Bewährungsproben in den 1950er-Jahren, wie etwa das große Hochwasser 1954 und die Betreuung der Flüchtlinge aus Ungarn 1956, als 175.000 Menschen vor den russischen Panzern nach Österreich flohen. Den regulären Krankentransport konnte der Samariterbund in Wien erst wieder 1954 aufnehmen. Seit 1978 ist er gemeinsam mit der Wiener Rettung, der Johanniter Unfallhilfe und dem Roten Kreuz in die Wiener Rettungsgemeinschaft integriert. Oberstes Anliegen der Samariter war und ist, getreu ihrem biblischen Vorbild, des „guten Samariters“, die uneingeschränkte Hilfeleistung für alle Menschen in Not. Etwa 12.500 Menschen sind heute im Samariterbund aktiv tätig. Nach dem Roten Kreuz ist die Samariterbewegung, gegründet vom Chirurgen Friedrich von Esmarch 1882 in Deutschland als „Deutscher-Samariter-Verein“, die zweitgrößte freiwillige Sanitätsorganisation im deutschsprachigen Raum. Im schön gestalteten Hauptraum des Museums wird übersichtlich die Entwicklung der klassischen Erste-Hilfe-Maßnahmen, wie Ruhigstellung von Extremitäten, Blutstillung und Wundverbände anhand zahlreicher Objekte gezeigt. Das historische Inventar eines Notarztkoffers ist ebenso vorhanden wie die schönen Sanitätstaschen aus Leder, Erste-Hilfe-Schachteln für Schützenpanzer, Autoapotheken und Notfall-Sets aus den 1950er-Jahren. Eine Rarität ist die Taschenapotheke der k.k. Feldapotheke aus dem Jahr 1900 mit handschriftlichen Anweisungen zum Gebrauch der Medikamente: Kolapastillen bei Märschen zur Kräftigung, ein Stück Rhabarber bei Verstopfung, aber auch bereits Aspirin bei Kopfschmerzen und rheumatischen Beschwerden. Besonders stolz ist man auf einen amerikanischen Feldröntgenapparat aus dem Jahr 1948 und ein tragbares Kofferbeatmungsgerät der Firma Dräger: den in Fachkreisen berühmten Pulmotor, ebenfalls aus dem Jahr 1948. Ein komplett ausgestatteter Gynäkologenkoffer aus dem Jahr 1943 hat sich ebenfalls in die Sammlung verirrt. Eine Dienstanweisung aus dem Jahr 1927 erinnert den Sanitäter daran, „vor Antritt des Wachdienstes die Trauerränder an den Fingernägeln“ zu entfernen und das Rauchen im Dienst zu unterlassen.

Geschichte der Reanimation

Eine historische Tragbahre und eine kleine Geschichte der Reanimation vervollständigen die kleine Sammlung über die Entwicklung der „Medizin im Straßengraben“. Obwohl bereits ein kaiserliches Patent Maria Theresias vom 1. Juli 1769 die „Belehrung“ gab, wie die „scheinbar ertrunkenen, erhenkten oder erstickten Menschen beym Leben zu erhalten seyen“, und darin empfahl, „die Nasenlöcher zuzuhalten und die Luft stark und anhaltend in den Mund zu blasen“, geriet diese modern anmutende Anweisung in Vergessenheit. Bis Mitte der 1950er-Jahre war die von Henry Robert Sylvester (1828 bis 1908) 1859 beschriebene Methode der Thoraxkompression die Methode der Wahl. Eine direkte Beatmung der Lunge führte man nicht durch. Erst der Österreicher Peter Safar (1924 bis 2003) untersuchte in den USA 1954 die Atemspende durch Mund-zu-Mund-Beatmung wissenschaftlich. Eine Methode, die Hebammen bereits seit dem 16. Jahrhundert an Neugeborenen mit Erfolg durchführten. Seine Ergebnisse waren hervorragend und die neue Methode setzte sich rasch weltweit durch. Etwa seit 1958 wird diese Form der Atemspende Mund-zu-Mund oder Mund-zu-Nase in Kombination mit der externen Herzdruckmassage bei der Wiederbelebung erfolgreich angewendet und in jedem Erste-Hilfe-Kurs unterrichtet. Peter Safar gilt heute als Vater der Cardio-Pulmonalen-Reanimation (CPR). Eine Bibliothek mit den Themenschwerpunkten internationale Hilfsorganisationen, Umwelt und Katastrophenschutz, Sanitätswesen und ein etwa bis 1920 zurückreichendes riesiges Bildarchiv mit etwa 15.000 Bilddokumenten aus der Geschichte des Samariterbundes ergänzen die Sammlung. Die kleine, aber feine Sammlung zur Geschichte der präklinischen Medizin versteht sich auch als Hommage an den 2002 verstorbenen Paul Meihsl, dem Historiker des Samariterbundes und eigentlichen Begründer des Sanitätsmuseums. Seine akribisch recherchierte Geschichte des internationalen Arbeiter-Samariter-Wesens erschien 1992. Das Museum ist noch im Aufbau begriffen und unzählige interessante Exponate in verschiedenen Depots können aus Platzgründen derzeit noch nicht präsentiert werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 30/2004

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