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14. Dezember 2005

Instrumentenmacher vom Alsergrund (Altes Medizinisches Wien 81)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Wiener Medizin nicht nur wegen ihrer hervorragenden ärztlichen Persönlichkeiten ein weltberühmtes internationales Zentrum für Forschung und Lehre. Auch die Wiener Erzeuger medizinisch-technischer Apparate waren im „weiten Ausland rühmlichst bekannt und hochgeachtet“.

Die Alservorstadt, heute wie damals ein Wiener Ärzte- und Spitalsviertel, war der ideale Standort für dieses Gewerbe. Heinrich Esterlus, Mariannengasse 2, H. Reiner in der Van-Swieten-Gasse 10, Joseph Odelga, Garnisongasse 11, und Joseph Leiter in der Mariannengasse 11 waren bekannte Instrumentenmacher, die wesentlich zu den Fortschritten in der Medizin beitrugen.

Grundlagen der Endoskopie

Einer der international bekanntesten und begehrtesten Konstrukteure medizinischer Apparate war Joseph Leiter (1830 bis 1892). Neben der Entwicklung und Herstellung vielfältigster chirurgischer Instrumente, Apparate und Prothesen gelang es ihm in genialer Weise, die Ideen und Entwürfe eines jungen Assistenzarztes in Leipzig technisch umzusetzen und die ersten serienmäßig herstellbaren Endoskope zu erzeugen. Maximilian Nitze (1848 bis 1906) und Joseph Leiter schufen mit diesen Geräten die Grundlagen der modernen Endoskopie. Joseph Leiter, Sohn eines armen Militär-Schuhmachermeisters, begann nach „drei Classen der Trivialschule“ eine vierjährige Lehre bei einem chirurgischen Instrumentenmacher in Wien. Nach Abschluss seiner Lehre begab er sich mit „dem Felleisen auf dem Rücken auf die Walz“. Längere Aufenthalte in München, Brüssel und Paris vervollständigten sein handwerkliches Können und erweiterten sein Wissen. Besonders angetan war er von der damals hochentwickelten französischen Instrumentenfabrikation. Hier waren keine braven Arbeiter am Werk, die Handwerker waren Meister ihres Faches. Sie bauten nicht nur Instrumente und Apparate nach fertig vorliegenden Plänen, sondern verbesserten sie oft noch durch eigene Ideen und Erfindungen. Bei den damals weltbekannten Firmen Charrière und Luer lernte er französische Hersteller kennen, die mit den medizinischen Größen ihrer Zeit freundschaftlichen Umgang pflegten, sie in die Klinik begleiteten und aus eigener Anschauung die gewünschten Instrumente und Geräte entwickelten oder verbesserten. Hier fand Leiter seine Vorbilder, die er später erfolgreich nachahmte. Leiters besonderes Interesse gehörte der Elektrizität. Er beschäftigte sich intensiv mit dem Bau von Batterien und Geräten zur Galvanokaustik. 1854 erhielt er bei einer Ausstellung in München für sein System einer elektrischen Uhrenregulierung die höchste Auszeichnung. Sein Antrag, mit diesem System alle öffentlichen Uhren Wiens zu steuern, scheiterte aber am „Gemeinderathe“. Dieser erklärte die Sache kurzerhand für „überflüssig“.

Eigene kleine Werkstatt

Im Jahr 1855 eröffnete Leiter mit zwei Gehilfen und einem Radtreiber – einem Arbeiter zum Antreiben der Maschinen, später übernahmen Dampfmaschinen diese Tätigkeit in der Mariannengasse 11 im 9. Wiener Gemeindebezirk – eine kleine Werkstatt als Instrumentenmacher. Einige Jahre später hatte er bereits seinen ersten großen Erfolg. Er konstruierte für einen jungen Arzt der Chirurgischen Universitätsklinik im Allgemeinen Krankenhaus einen Nahtapparat, mit dem man mehrere chirurgische Nähte gleichzeitig setzen konnte. Für diesen komplizierten Apparat hatte man in Wien keinen Hersteller gefunden. Joseph Leiter erledigte diesen Auftrag in kurzer Zeit zur vollsten Zufriedenheit. Durch dieses Gerät, das an der chirurgischen Klinik das erste Mal an einem Lebenden eingesetzt wurde, kam er in Kontakt mit Franz Schuh, dem Vorstand der Klinik und Vorgänger Billroths auf diesem Lehrstuhl. Leiter konstruierte für Schuh ein komplettes Galvanokaustik-Instrumentarium einschließlich einer neuartigen Tauchbatterie, die im Gegensatz zu ausländischen Modellen leicht regulierbaren und lange anhaltenden Strom lieferte.

Langsam kam der große Erfolg

Durch Unterstützung Schuhs und anderer Ärzte kam der Erfolg. Leiter gelang es als Erstem, Hartkautschuk weich zu machen, in verschiedenste Formen zu pressen und damit unterschiedlichste Instrumente und Geräte herzustellen. Bei der Londoner Weltausstellung 1862 erregte er mit seinen chirurgischen Instrumenten, Batterien, Galvanokaustik- und Induktionsapparaten Aufsehen. Sein illustrierter Geschäftskatalog mit mehr als 1.000 Abbildungen und Erläuterungen erschien in mehreren Auflagen und galt als Lehrbuch der chirurgischen Instrumentenlehre. Angeregt durch die Vorlesungen des berühmten Anatomen Josef Hyrtl, begann Leiter 1864 auch mit der Konstruktion und Herstellung von Prothesen. Nach Aussage der bedauernswerten Benützer waren die von Leiter „construierten künstliche Füsse“ das „Vollkommenste, was auf diesem Gebiet bisher geschaffen worden war“. Nach kaum zehn Jahren hatte Leiter es geschafft. Er verkaufte seine Erzeugnisse praktisch auf der ganzen Welt. Bei allen bedeutenden Ausstellungen heimste er für seine Produkte Preismedaillen, Ehrendiplome und Verdienstkreuze ein.

Die Erfindung des „Kystoskops“

Am 29. Juni 1878 wandte sich Maximilian Nitze aus Dresden, der ein Cystoskop erfunden hatte, an Leiter, um sein Gerät soweit zu verbessern, dass man es an Lebenden anwenden konnte. Mit dieser Erfindung ist Leiters Name in die Geschichte der Medizin eingegangen. In zäher Arbeit gelang es Leiter schließlich, die Idee Nitzes, „die Elektricität zur Beleuchtung der verschiedenen Körperhöhlen zu verwenden“, in die Praxis umzusetzen. Am 9. Mai 1879 demonstrierten Nitze und Leiter ihr „Kystoskop“ in einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Der technische Aufwand dieses Gerätes war enorm. Der weiß glühende Platindraht, der als Lichtquelle benutzt wurde, benötigte einen beinahe drei Meter hohen Turm, um sein Kühlwasser mit ausreichendem Druck durch die engen Röhren des Instruments zu treiben, und außerdem schwere Batterien. Strom aus der Steckdose gab es damals noch nicht. Es ist leicht vorstellbar, dass die meisten Ärzte mit dieser komplizierten Apparatur technisch überfordert waren. Persönliche Animositäten, Streitereien über Patent- und Verkaufsrechte beendeten 1879 die Zusammenarbeit mit Nitze. Leiter reiste zwar mit seinem Gerät und einem Empfehlungsschreiben Billroths durch Europa, kommerzieller Erfolg war dem ersten „Kystoskop“ aber nicht beschieden. Die technische Überforderung der Ärzte, der hohe Preis und die starken Schmerzen der Patienten beim Einführen des nicht sehr zarten Gerätes waren die Ursachen. Erst mit der Erfindung der Glühbirne durch Thomas Edison 1880 und dem Einsatz der Mignonlämpchen als Lichtquelle 1886 kam der Durchbruch. Die Wasserkühlung fiel weg, die Geräte wurden kleiner, die Nachfrage stieg. Leiter fertigte nun verschiedenste Arten von Endoskopen für die „Creme“ der Wiener Ärzte. Persönlicher Kontakt zu den Chirurgen Billroth, Mikulicz-Radecky und Leopold von Dittel, einer der wichtigsten Förderer Leitners und Begründer der Urologie als selbständiges Fach in Wien, krönten sein Lebenswerk. Bei den Sitzungen der Gesellschaft der Ärzte war er gerne gesehen und diskutierte auch oft mit. Der kleine Handwerker war zu einem hochangesehenen Mann geworden: Präsident des Internationalen Vereines der Instrumentenmacher, vom akademischen Senat mit dem Titel „Lieferant der Universitäts-Kliniken in Wien“ ausgezeichnet, international als Fachmann anerkannt und mit Ehrungen, Medaillen und Verdienstkreuzen für seine Instrumente, Apparate und Prothesen überschüttet. An europäischen Universitäten empfing man ihn wie einen bedeutenden Wissenschafter. An den Folgen einer „von erprobten Händen in tadelloser Weise“ durchgeführten Dickdarmoperation wegen eines bösartigen Tumors starb Joseph Leiter am 21. März 1892. Sein Wahlspruch war: „Gute Leistung und dafür aber auch Anerkennung.“ Das eine hat er sicher erbracht, das andere wohl auch erhalten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 29/2004

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