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14. Dezember 2005

Die „heimliche“ Kurstadt Wien (Altes Medizinisches Wien 80)

Kaum ein Wiener weiß heute, dass er eigentlich in einer Kurstadt lebt. Nicht nur die Römer importierten ihr Badewesen hierher, zur Zeit Maria Theresias wurde der Arzt Johann von Crantz quasi zum Begründer der österreichischen Balneologie.

Obwohl Wien eine der heilkräftigsten Schwefelthermen Mitteleuropas besitzt und es Heilbäder und öffentliche Badestuben seit der Römerzeit gibt, darf sich Wien nicht Kurstadt nennen. Nach dem Kurortegesetz entsprechen die klimatischen Bedingungen nicht den Kriterien eines Kurortes. Das ändert aber nichts daran, dass heute viele Menschen nicht nur der Kultur, sondern auch der Kur wegen nach Wien kommen. Die Namen Stubenbastei und Stubenring erinnern noch heute an jenes Viertel, in dem es um das Jahr 1400 rund 100 Badestuben und Schwitzbäder gab.

Das Badewesen der Italiener

Aus archäologischen Funden ist bekannt, dass bereits die Römer ihr hochentwickeltes Badewesen in die Garnison Vindobona exportierten. In Italien empfahl der Heilige Benedikt von Nursia schon 529 in seinen Regeln den Gebrauch von Bädern für Kranke. In Wien verbreitete sich die Badekultur aber erst wieder im Mittelalter. Die Wiener Stadtverwaltung begann im 13. Jahrhundert öffentliche Badestuben – das Baden in fließenden Gewässern war aus Gründen der öffentlichen Moral lange Zeit verboten – einzurichten. Die ältesten Wiener Bäder mit „lebwarmem“ Wasser befanden sich in der Kurrentgasse und im Auwinkel, heute Dominikanerbastei im ersten Bezirk. Mit „Hornstößen und Tschinellen“ verkündeten die Bader: „Das Bad ist gehitzet“. Astrologische Gesundheitsregeln und Kalender informierten über besonders günstige Tage für nützliche Effekte des Bades. Baden galt aber bald nicht nur als förderlich für die Gesundheit, sondern auch als Genuss und Vergnügen für alle Bevölkerungsschichten. Schweiß- oder Schwitzbäder, dem Badewasser zugefügte Kräuter- und Blütenextrakte dienten nicht nur der Heilung oder Linderung von Krankheiten, sondern auch der Erhöhung des Wohlbefindens. Geselligkeit, Männlein und Weiblein gemeinsam in einer hölzernen Wanne, Speisen und alkoholische Getränke, serviert von lockeren Mädchen, den so genannten „Badmenschern“, verschlechterten nach und nach den Ruf der Badstuben, die sich bald zu Etablissements von höchst zweifelhaftem Ruf entwickelten. Obwohl Infektionswege unbekannt waren – die grassierende Lues und andere Seuchen wurden ja als Strafe Gottes für unzüchtiges, zügelloses Leben angesehen –, erkannte man doch die Badstuben als mögliche Ursache der Krankheitsverbreitung. Die gesundheitliche Gefahr, das in Mode gekommene „Abkühlen und Baden in der Thonau“ und nicht zuletzt die gestiegenen Holzpreise und damit hohen Badegebühren führten schließlich zu einem Rückgang des Badhausbesuchs. Nach und nach verschwanden die meisten Badestuben aus dem Stadtbild.

Schwefelquellen in Meidling

Die Römer brachten aber nicht nur ihr Badewesen nach Wien, sondern nutzten auch bereits die Heilkraft schwefelhältiger Quellen, die sich im Bereich des heutigen Bezirks Meidling befanden. Im ehemaligen Wienflussbett fand man im Jahr 1853 einen römischen Altarstein, der den Schutzgöttinnen der Heilquellen, den „Nymphen“, geweiht war. Die von den Römern benutzten Quellen gerieten aber in Vergessenheit. Etwa um 1707 ließ Kaiser Joseph I. auf dem von den Türken zerstörten Landgut „Niederhoff am Bach“ ein Jagdschloss errichten. Ein gewisser Abbé Pohl entdeckte 1755 im Garten des Schlosses erneut die römische Schwefelquelle, die dann der kaiserliche Familie als Gesundbrunnen diente. Maria Theresia ließ 1773 die Quelle von Johann von Crantz (1722-1797), Professor an der Wiener medizinischen Fakultät, analysieren. Crantz empfahl das Wasser bei „hartnäckiger Gelbsucht“ und gegen verschiedene Hautkrankheiten. Mit seinem Werk „Gesundbrunnen der österreichischen Monarchie“, in dem er zahlreiche Quellen und Heilbäder selbst untersuchte und deren Verwendungsmöglichkeiten in der praktischen Heilkunde als „natürliche Gesundheitsapotheke“ beschrieb, wurde er zum Begründer der österreichischen Balneologie.

Das älteste Heilbad Wiens

Aus einer zweiten, 1782 entdeckten Quelle in der Nachbarschaft entstand später das älteste Heilbad Wiens, das Theresienbad im 12. Bezirk in der Hufelandgasse. Kaum 400 Meter entfernt stieß man 1819 auf eine weitere stark schüttende Quelle mit Schwefelgeruch, die der Besitzer Josef Pfann für praktisch alle Beschwerden anpries. Das Pfannsche Bad (Ecke Niederhofstraße/Mandlgasse, im Bereich Hermann Leopoldi-Park) erfreute sich bald großer Beliebtheit. Ein „bequemer Gesellschaftswagen“ fuhr sechsmal täglich vom Stadtzentrum zum Bad. 1935 erklärte man diese Quelle als einzige radioaktive Schwefelquelle Wiens zur Heilquelle. Erst 1976 musste das Bad aus wirtschaftlichen Gründen seinen Betrieb einstellen. Kulturhistorisch interessant sind auch die leider nicht mehr existierenden idyllischen Heilbäder im 19. Bezirk. Zum einen das 1781 von Johann Baptist Burger errichtete Heilbad in Heiligenstadt, dessen Quelle durch die Donauregulierung (1870-1875) versiegte und danach den Betrieb einstellen musste. Das Grundstück kaufte die Stadt Wien und legte darauf 1905 den Heiligenstädter Park an. Und dann war da noch das „recht heitere“ Heilbad Döbling „auf der Osterleiten“, heute Döblinger Hauptstraße 70. Ludwig van Beethoven, Grillparzer, Schubert, Schwind und Feuchtersleben frequentierten diese Bäder oft.

Erste Analyse der Laaer Quelle

Crantz war es auch, der 1777 die erste chemische Analyse der Laaer Quelle vornahm. Er fand ein „saifenartiges Wasser mit einem phlogistischen, stinkenden Geist, reichen Eisenstof und eine Menge Bitter- und muriatisches Salz“ und kam zu dem Schluss, dass in ganz Österreich kein „Mineralwasser sey, welches zu einem kräftigeren Bade könnte angewendet werden“. Interessant ist seine Indikationsliste: Gliederreißen, rheumatische Zustände, Bleichsucht, unordentliche Monatsreinigung, Krätzen und andere Hautkrankheiten. Diese stimmen mit den Bäderindikationen, die 170 Jahre später (1955) der Wiener Rheumatologe Egon Fenz für die Laaer Quelle erstellte, fast völlig überein: Anämie, chronische gynäkologische Leiden (Adnexitis), arterielle Durchblutungsstörungen, Akne, Psoriasis und vor allem rheumatologische Erkrankungen. Das in der Nähe der Kirche von Oberlaa gefundene Schwefelwasser soll bereits im 18. Jahrhundert Menschen aus der Umgebung gegen Rheumatismus geholfen haben. Bei Erdölversuchsbohrungen am linken Ufer der Liesing entdeckte man 1934 in 346 Metern Tiefe eine heiße Schwefelquelle. Das Bohrloch wurde wieder verschlossen. Erst 1965 bohrte man im Auftrag der Stadt Wien neuerlich nach dieser Schwefeltherme. Vier Jahre später wurde offiziell ein provisorischer Kurbetrieb an der Liesing aufgenommen. Im Rahmen der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG) 1974 errichtete die Heilquelle (Thermalschwefelquelle) Oberlaa Kurbetriebsges.m.b.h. auf rund einer Million Quadratmeter ein modernes Kurzentrum am Südhang des Laaer Berges. Auf dem Gelände der Gartenschau entstand anschließend der Kurpark und das Kurzentrum. Im großen Kurmittelhaus befinden sich nicht nur die Therapieeinrichtungen des Bades, sondern auch das Ludwig-Boltzmann-Institut für Rheumatologie und Balneologie, das medizinische Grundlagenforschung über Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises betreibt. Der weitläufige und vielfältig gestaltete Kurpark trägt auch psychisch – „durch das Gefühl von Ferien“ – zum Kurerfolg bei und ist heute, wenn sich schon Wien nicht Kurort nennen darf, zumindest eine echte Kurzone. Schwefel gilt zwar als Element des Teufels, aber das schreckt die Gäste, die die wirksamste Schwefeltherme Europas, genauer gesagt eine Natrium-Calcium-Sulfat-Chlorid-Schwefel-Therme, in Oberlaa besuchen, nicht wirklich ab.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 28/2004

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