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14. Dezember 2005

Der Analytiker der „österreichischen Seele“ (Altes Medizinisches Wien 79)

Am 28. Juli 2004 jährt sich zum zehnten Mal der Todestag des Analytikers und scharfsichtigen Kritikers der „österreichischen Seele“: Erwin Ringel (1921 bis 1994). Wenn sich auch in den 1980er-Jahren so mancher fragte: „Muss denn der Ringel überall seinen Senf dazugeben?“ – so hatte er doch fast immer Wichtiges, für die Betroffenen allerdings meist nicht sehr Angenehmes zu sagen.

Gefragt oder ungefragt meldete sich der „Seelendoktor der Nation“ zu fast allen Streitfragen und öffentlichen Diskussionen zu Wort. Ungeschoren kam dabei keiner davon. Eltern, Lehrer, Religion, Kirche, Politik, alle ließ der wortgewaltige und begnadete Selbstdarsteller über seine rhetorische Klinge springen. Ringel, Psychiater und Tiefenpsychologe, war so etwas wie ein Medienstar. Einer, von dem die Journalisten wussten und dies natürlich nutzten, dass er nicht nur zu jedem Thema etwas zu sagen hatte, sondern auch immer was „Gescheites“ und oft sogar provokant Kritisches von sich gab. Aber Ringel war mehr als ein viel diskutierter Bestsellerautor, der Österreich auf die Couch legte. Mit aller Macht kämpfte er gegen erstarrte staatliche und kirchliche Autoritäten und machte sich zum leidenschaftlichen Anwalt für alle Schwachen und Unterdrückten. Internationale Bedeutung erlangte er durch den Aufbau des weltweit ersten Selbstmordverhütungs-Zentrums in Wien. Ringel gelang es, das Interesse für die damals noch wenig bekannten Themen Psychosomatik und Suizidologie nicht nur bei Fachleuten, sondern auch bei der breiten Öffentlichkeit zu wecken. Ringel gilt heute nach Freud, Adler und Frankl als einer der bedeutendsten Tiefenpsychologen Österreichs.

Unerschrockene Zivilcourage gegen Naziterror

Schon in der Mittelschule überraschte Ringel seine Mitschüler, die ihn damals eher als Musterknaben, Streber und „Kerzelschlicker“ einstuften. Als die Nazis 1938 jüdische Mitschüler zu schikanieren begannen, war er der Einzige, der lautstark „mit sich überschlagender Stimme“ protestierte. Nur die allgemeine Verblüffung über diese Ungeheuerlichkeit schützte ihn vor schweren Konsequenzen. In Gestapo-Haft geriet er als einer der Organisatoren der einzigen Antinazigroßkundgebung in Österreich am Christkönigsfest 1938. Und, so Johannes Bischko, Mitautor des Buches „Wer war Erwin Ringel?“, nur die Gefälligkeitsdiagnose „Paranoia“ rettete Ringel 1941 vermutlich das Leben: Er warf das Gewehr dem Hauptfeldwebel einer Studentenkompanie in Wien vor die Füße, mit den Worten: „Wie kommt ein intelligenter Mensch dazu, sich von einem militärischen Trottel solche Dinge anschaffen lassen zu müssen?“ Ringel wurde psychiatriert und musste die Deutsche Wehrmacht verlassen. Damals fasste er aber laut Bischko den Entschluss, sich der Psychiatrie zuzuwenden.
Erwin Ringel promovierte 1946 und begann unmittelbar danach seine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Universitätsklinik Wien und eine psychotherapeutische Ausbildung als Individualpsychologe. Ringel war zwar Adlerianer, er bekannte sich aber auch immer zu Sigmund Freud und verstand die Individualpsychologie als wichtige Ergänzung zur psychoanalytischen Theorie Freuds. Mit seiner Neurosenlehre versuchte er die beiden großen verfeindeten österreichischen Schulen Freuds und Adlers zu vereinigen.

Lebensthema Selbstmordverhütung

Bereits 1948 beschäftigte sich Ringel mit einem Thema, das ihn sein Leben lang nicht mehr losließ und ihm schließlich Weltgeltung und den Spitznamen „Mr. Suizid“ verschaffte: der Selbstmordverhütung. Im Rahmen der Caritas gründete er 1948 das erste Selbstmordverhütungs-Zentrum der Welt, das sich im Lauf der Jahre zur heute selbständigen, international anerkannten Institution des „Kriseninterventionszentrums“ entwickelte. 1960 gründete Ringel die Internationale Vereinigung für Selbstmordverhütung, deren erster Präsident er war. In den 1950er-Jahren formulierte er das präsuizidale Syndrom, das er als Alarmzeichen einer suizidalen Gefährdung sah. Nach Ringels Auffassung ist der Suizid der „Abschluss einer krankhaften Entwicklung“. Durch seine Forschungen und seine beharrlich vertretene Krankheitsthese des Suizids machte er aus den von kirchlicher Seite verachteten Selbstmördern Krisenopfer, denen nun nicht mehr das christliche Begräbnis in geweihter Erde verweigert wurde. Die entsprechende Änderung des Codex Iuris Canonici machte ihn glücklich und stolz. „Das kirchliche Rechtsbuch zu verändern, ist eine so große Tat, womit nur vergleichbar wäre, die Alpen von Mitteleuropa nach Afrika zu verschieben“, meinte Ringel. Selbstmord oder, wie man es heute wertfreier nennt, Selbsttötung ist zwar nach wie vor eine Tabuthema, aber der Rückgang der Suizidrate um 25 Prozent in den letzten fünfzehn Jahren lässt hoffen und ist mit Sicherheit ein Verdienst Ringels und seiner Schüler und Mitarbeiter in der Krisenintervention.

Pionierarbeit in der Psychosomatik

Als Leiter der Frauenpsychiatrischen Station gründete er bereits in den 1950er-Jahren die erste psychosomatische Station Österreichs. Ein weiteres großes Gebiet, auf dem er und sein Team in Österreich Pionierarbeit leisteten. 1972 erfolgte die Ernennung zum außerordentlichen Professor für Psychosomatik und zum Leiter des Psychosomatischen Departments der Psychiatrischen Klinik in Wien. 1981 ernannte man ihn zum ordentlichen Professor für medizinische Psychologie. Diesen ersten Lehrstuhl für medizinische Psychologie in Wien hatte Ringel bis zu seiner Emeritierung 1991 inne. „Was kränkt, macht krank“, postulierte Ringel, und „eine Medizin ohne Liebe, eine Medizin, die nicht die Gefühle des Menschen achtet und sich nicht bemüht zu verstehen, dass einerseits, was kränkt, krank macht und andererseits Krankheit kränkt, so dass jeder Mensch eine seelische Unterstützung braucht“, eine solche Medizin verdiente seiner Meinung nach „diesen Namen nicht“.

Zahlreiche Publikationen

In vielen Büchern, viele davon Bestseller, hunderten wissenschaftlichen Arbeiten und unzähligen Vorträgen beschäftigte sich Ringel vor allem mit den Themen Selbstmordverhütung, Psychosomatik, Neurosenlehre und Sozialpsychologie. Seine besondere Liebe gehörte den Grenzgebieten der Psychologie zu Kunst und Religion. Berühmt wurde er hier durch seinen „Opernführer“, in dem er Opern und Libretti analytisch deutete und Motive freilegte, die zwar dem Besucher verborgen bleiben, aber trotzdem tiefe Schichten seiner Seele ergreifen. Ringel war ein tief religiöser Katholik. Das hinderte ihn aber nicht daran, mit der Amtskirche in den Clinch zu gehen. 1985 veröffentlichte er gemeinsam mit Alfred Kirchmayr das Buch „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“. Darin geht er mit der christlichen Erziehung hart ins Gericht und prangert ihre neurotisierende und krankmachende Wirkung an. Viele empörte Christen wünschten sich das „widerliche“ Buch nicht nur auf den Index der verbotenen Bücher, sondern überhaupt, am besten wohl gleich mit dem Autor, in den „Feuerpfuhl“.

Kritisch und sozial engagiert

Fast wie ein Wanderprediger tourte Ringel – eine schleichende Krankheit, die ihn in den letzten Jahren an den Rollstuhl fesselte, hinderte ihn nicht daran – durch die Lande, um seine Botschaften „unters Volk“ zu bringen. Sein persönlicher Einsatz ging weit über sein eigentliches Arbeitsgebiet als Psychiater hinaus. Er war eine der kritischsten, aber auch sozial engagiertesten Persönlichkeiten Österreichs. Ringel setzte sich für Häftlinge – mehr als ein Jahrzehnt war er Obmann der Bewährungshilfe –, Kriminelle, Flüchtlinge und überhaupt alle Minderheiten und Schwachen ein. Wie Adler versuchte er, die Tiefenpsychologie mit Politik zu verquicken, um damit die Gesellschaft und die soziale Gemeinschaft zu verbessern. Sein Herz gehörte aber vor allem den Kindern. Gebetsmühlenartig ermahnte er Eltern und vor allem Lehrer – er wollte ja früher selbst Lehrer werden – die Kinder ernst zu nehmen, Hochachtung zu haben und keinen Machtmissbrauch zu betreiben. Gewalt gegen Kinder, auch mit Worten, war ihm, nicht nur wegen ihrer neurotisierenden Wirkung, ein Gräuel. „Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, ob es gelingt, eine glückliche Jugend heranwachsen zu lassen, oder wir haben eben keine Zukunft.“
Wenngleich er sich selbst als „Sisyphus in Österreich“ bezeichnete, weil er zwar vieles bewegen konnte, es aber oft nicht schaffte, den „Stein über den entscheidenden letzten Punkt auf den Gipfel zu heben“, hat Ringel doch gesellschaftspolitisch vieles in Bewegung gesetzt. Auch heute noch haben viele seiner Ideen nichts an Aktualität verloren. Einen Vortrag im Wiener Rathaus bei einer Festveranstaltung zu seinem 70. Geburtstag beendete Erwin Ringel 1991 mit den Worten des damals 103 Jahre alten Jesuitenpaters Neill Brüning: „Es ist mir zwar vieles nicht gelungen, aber ganz vergeblich ist mein Dasein nicht gewesen.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 26/2004

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