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14. Dezember 2005

Vom Narkotiseur zum Intensivisten (Altes Medizinisches Wien 78)

Im September 1963 wurde im Alten Allgemeinen Krankenhaus in Wien die Station 41, die erste Intensivbehandlungsstation Österreichs, eröffnet. Sie war eine der ersten interdisziplinären Einheiten dieser Art in ganz Mitteleuropa.

Es gibt wohl kaum ein Gebiet der moderneren Medizin, das in den letzten 50 Jahren eine rasantere Entwicklung genommen hat als die Intensivtherapie. Unter diesem Begriff versteht man heute jede Behandlung, die der Unterstützung oder dem temporären Ersatz versagender oder ausgefallener Körperfunktionen dient. Ausgehend von einfachen postoperativen Wachstationen über spezialisierte Poliomyelitis-Beatmungsstationen entwickelten sich diese Einheiten zu hochtechnisierten Intensivstationen, in denen heute praktisch alle wichtigen Organsysteme kontinuierlich überwacht und fast alle lebenswichtigen Organe, zumindest vorübergehend, ersetzt werden können. Ein Akutspital ohne - zumindest eine - Intensivstation ist heute nicht mehr vorstellbar. Betreuung Schwerstkranker

in der Geschichte

Schwerstkranke Patienten mit allen Mitteln am Leben zu erhalten, ist aber keineswegs in der Tradition unserer westlichen Medizin. Manche antike Ärzte empfahlen explizit, sich bei infauster Prognose zurückzuziehen, damit der tödliche Ausgang der Krankheit nicht dem Arzt angelastet werden kann. Auch Hippokrates definierte die Medizin in seiner Schrift „Peri Technes“ als „die Kunst, die Kranken von ihren Leiden ganz zu befreien, die Heftigkeit von Krankheiten zu mildern, sich aber von der Behandlung derjenigen ganz fern zu halten, die schon von der Krankheit überwältigt sind.“ Diese Einstellung, dass der Arzt die Behandlung Unheilbarer abzulehnen habe, hielt sich bis ins 18. Jahrhundert. Für das Christentum war allerdings die Betreuung Schwerstkranker und Sterbender immer höchste Pflicht der Nächstenliebe. Die Überwachung von Todkranken geschah aber vor allem aus seelsorgerischen Gründen, um rechtzeitig den Priester zu holen. „Wenn der Priester kommt, geht der Arzt“, ein Satz, der ab dem Mittelalter die ärztliche Ethik bestimmte. Erst zur Zeit der Aufklärung wandelte sich diese Einstellung. Von nun an wurde dem Arzt auch die Betreuung Schwerst- und Todkranker zur Pflicht gemacht.

Erste Wachstationen in Deutschland

Fortschritte der Anästhesie und der aseptischen Methoden führten zu immer größeren und risikoreicheren Operationen und damit zur Notwendigkeit, diese Patienten postoperativ auch zu überwachen. Erstaunlich spät, erst in den 1930er- Jahren begann man, sich mit diesem Problem verstärkt zu befassen. Anfang 1930 errichteten die deutschen Chirurgen Kirschner und Sauerbruch an ihren Kliniken die ersten so genannten Wachstationen zur Überwachung frisch Operierter nach großen Eingriffen. Die Betreuung der Patienten lag zunächst vorwiegend in den Händen des Pflegepersonals. Nach dem 2. Weltkrieg wurde dieses Konzept wieder aufgegriffen, besonders gefährdete Patienten auf speziellen Stationen zu überwachen. Die apparativen Einrichtungen dieser Abteilungen waren aber mehr als bescheiden. EKG-Monitore im heutigen Sinn gab es noch nicht, der Blutdruck wurde mit Quecksilbermanometern gemessen. Die Überwachung der Atmung erfolgte durch Sichtkontrolle mit Hilfe kleiner Papierstreifchen, die, auf die Nase geklebt, bei jedem Atemstoß des Patienten in der Luft flatterten. Ein entscheidender Fortschritt waren die Überwachungsblätter, auf denen Blutdruck und Puls in regelmäßigen Abständen vermerkt wurden. Sie ersetzten die bis dahin üblichen Fieberkurven. Über die postoperative Pathophysiologie war aber kaum etwas bekannt. Letale Ausgänge nach großen Operationen galten als schicksalhaft. Das zynische Statement „Operation gelungen, Patient tot“ hatte damals durchaus Berechtigung.

Postoperative Beatmung setzte sich nur langsam durch

Die Betreuung der postoperativen Patienten übernahmen allmählich die Anästhesisten, die ja bereits während der Narkose für die vitalen Funktionen zuständig waren. Sie lieferten in der Folge eine Fülle von Erkenntnissen über die verschiedensten Störungen und möglichen Schädigungen in der postoperativen Phase. Der Schock wurde definiert, und zahlreiche Arbeiten über Störungen und Ausgleich des Elektrolytstoffwechsels, Säure-Basenhaushalts, Infusionstherapie und parenterale Ernährung erschienen. Erkenntnisse, die heute Routine sind, und ohne die viele chirurgische Eingriffe gar nicht möglich wären. Trotz aller Fortschritte blieb lange Zeit die Pneumonie als häufigste und schwerwiegendste postoperative Komplikation ein Problem. Es gab zwar bereits seit den großen Polioepidemien in den 1950er-Jahren in Skandinavien, wo ateminsuffiziente Patienten erfolgreich über Wochen von Ärzten und Studenten mit Atembeutel manuell beatmet wurden, spezialisierte Beatmungsstationen. Aber im postoperativen Bereich hatte sich die Beatmung noch nicht etabliert. Lange Zeit hindurch galt es als Zeichen einer schlecht geführten Narkose, wenn Patienten postoperativ nachbeatmet werden mussten. Und viele Patienten starben noch Ende der 1950er-Jahre an der gefürchteten postoperativen Pneumonie. An Beatmung in dieser Indikation dachte damals noch niemand. Erst durch den gezielten Einsatz von Antibiotika und der konsequenten Anwendung der mechanischen Beatmung verlor diese postoperative Komplikation langsam ihren Schrecken.
Aus der Notwendigkeit, nicht nur Patienten mit Poliomyelitis oder Tetanus, später dann auch mit schweren Schädel-Hirn-Traumata zu beatmen, entwickelten sich die ersten Intensivbehandlungseinheiten im heutigen Sinn. Weltweit die erste Intensivstation entstand 1958 auf Initiative des aus Wien stammenden amerikanischen Anästhesisten Peter Safar im City Hospital in Baltimore. Safar propagierte bereits in den 50er-Jahren als erste Notfallmaßnahme die Mund-zu-Mund-Beatmung.

Erste Intensivbehandlungseinheiten entstanden

In Österreich organisierten 1963 die Anästhesisten Rudolf Kucher (1922 bis 1971) und Karl Steinbereitner (1920 bis 2001) die erste interdisziplinäre Intensivstation, die zweite im mitteleuropäischen Raum nach Münster (1962). In einer leer stehenden ehemaligen Unfallambulanz der I. Chirurgischen Klinik im Alten Allgemeinen Krankenhaus entstand eine Intensivpflegestation mit elf Betten. Für diese elf Betten gab es zwei EKG-Monitore und drei Beatmungsgeräte, die mit großen, unter den Betten liegenden Sauerstoffbomben angetrieben wurden. Persönliches Interesse des Leiters der chirurgischen Klinik, Paul Fuchsig, und die Initiative des Anästhesie-Vorstandes, Otto Mayerhofer, machten aus dieser Station eine echte interdisziplinäre Einheit. Der Intensivstation zugeteilt waren vier Assistenten, drei Anästhesisten und ein Chirurg. Das Pflegepersonal stellte die Chirurgie. Geleitet wurde die Station von Anfang an von Anästhesisten. Kucher und Steinbereitner waren die ersten leitenden Oberärzte dieser Station. Sie lieferten auch die ersten Erfahrungsberichte im deutschsprachigen Raum über die Intensivbehandlungsstation als Forum interdisziplinärer Zusammenarbeit. Eine Zusammenarbeit fast aller Fachbereiche, die sich bis heute bewährt hat. Rudolf Kucher und Karl Steinbereitner veröffentlichten 1972 auch eines der ersten deutschsprachigen Lehrbücher über Intensivstation, -pflege und -therapie.

Aufwertung der Anästhesie

Im Vorwort eines Sonderheftes der Krankenhausärzte Deutschlands hieß es 1967: „Als besonders segensreich hat sich gerade für schwerstkranke Patienten erwiesen, dass sich die Tätigkeit des Anästhesisten über den Operationssaal hinaus auf Wach- und Frischoperierten-Stationen und Intensivbehandlungsstationen ausgebreitet hat. Viele Patienten, die sonst verloren gewesen wären, konnten dank der ständigen Überwachung und Betreuung und, falls nötig, mit maschineller Dauerbeatmung gerettet werden.“ Mit Fug und Recht kann man heute mit Otto Mayerhofer – emeritierter erster Ordinarius für Anästhesie an der Wiener Universitätsklinik – sagen, dass „die seit 1950 erzielten Fortschritte der operativen Medizin zum größten Teil auf der Anästhesie und Intensivmedizin beruhen.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 24/2004

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