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14. Dezember 2005

Der Coca-Koller nahm die Schmerzen (Altes Medizinisches Wien 76)

Im ehrwürdigen alten Allgemeinen Krankenhaus in Wien haben nicht nur die Gebäude historische Bedeutung. Auch in den weitläufigen Höfen des Spitals wurde Medizingeschichte geschrieben. Hier, in einem der vielen Innenhöfe, begann 1884 die Geschichte einer der wichtigsten Entdeckungen der Medizin. Diesmal war es ein Augenarzt, dem das Leiden seiner Patienten keine Ruhe ließ.

Ein junger Sekundararzt mit Zahnschmerzen traf damals auf eine Gruppe von Kollegen, unter denen sich auch Sigmund Freud und Carl Koller befanden. „Ich sagte ihm“, so Freud später, „ich glaube, ich kann ihnen helfen, und wir gingen in mein Zimmer, wo ich ihm ein paar Tropfen der Medizin gab, die seine Schmerzen sofort stillten.“ Freud, auf der Suche nach einer aufsehenerregenden Entdeckung, experimentierte damals gerade mit einer Substanz, von der er sich Ruhm und vor allem Geld erwartete: mit dem Extrakt einer südamerikanischen Coca-Pflanze, dem 1860 von Albert Niemann isolierten Kokain. Persönlich tragisch für Freud war, dass sich gerade die von ihm für eine Nebenwirkung gehaltene und wenig beachtete Wirkung des Kokains in der Folge als die einzige medizinisch nutzbare Wirkung herausstellte.

Freuds Selbstversuche

Freud hatte bei seinen Selbstversuchen bemerkt, dass er die Schmerzen seiner Zahnfleischentzündung mit Kokainlösung bessern konnte. Wie bereits Niemann und der Pharmakologe Schroff bemerkte auch er ein „Taubheitsgefühl auf Lippen und Zunge“ und „dass die Berührungsstelle vorübergehend wie betäubt, fast gefühllos wird“. Freud wusste also um diese Wirkung, es fehlte ihm aber vermutlich der Bezug zur praktischen Medizin und vor allem zur Chirurgie, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Erst Carl Koller (1857–1944), den Freud an seinen Experimenten über die Wirkung des Kokains auf das Nervensystem beteiligte, zog die richtigen Schlüsse. Koller stammte aus Nordböhmen, studierte in Wien Medizin und promovierte hier auch 1882. Im Gegensatz zu Freud, der ja zunächst eher eine wissenschaftliche Karriere anstrebte, wandte sich Koller von Anfang an der praktischen Medizin zu. Er wollte Augenarzt werden und erlebte im Operationssaal, was Freud nie gesehen hatte: Täglich musste er miterleben, wie furchtbar es für die Patienten und wie schwierig es für den Operateur war, ohne Schmerzbetäubung – die Allgemeinnarkose eignete sich damals nicht besonders für Augenoperationen – einen unruhigen Patienten zu operieren.

Koller erkannte seine Chance

Koller suchte seit längerer Zeit ernsthaft eine Substanz, um schmerz-frei oder zumindest schmerzarm am Auge operieren zu können. Seine Tierexperimente mit Chloral, Brompräparaten und Morphium waren aber alle gescheitert. Er war aber, als Freud ihn auf das Kokain aufmerksam machte, „vorbereitet, die Gelegenheit zu erfassen“ und „nicht, wie so manche andere, achtlos daran vorüberzugehen“, wie er selbst später in einer historischen Notiz über die Anfänge der Lokalanästhesie schrieb.
Im Juli 1884 veröffentlichte Freud seine Schrift „Über Coca“. Es war dies ein begeisterter Bericht über das vermeintliche Heilmittel Kokain, das Freud aber als Mittel gegen Depression, zur Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, zur Beseitigung von Magenbeschwerden und sogar als geeignet zum Morphinentzug pries. Freud sah sich als Verfasser einer weltbewegenden Arbeit über die unbekannten Heilwirkungen des Kokains. Nur beiläufig erwähnte er, „dass die Fähigkeit des Kokains und seiner Salze, Schleimhäute unempfindlich zu machen, an eine künftige mögliche Verwendung denken lässt, besonders in Fällen örtlicher Infektion.“

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Freuds Fehleinschätzung

Bevor er im September nach Hamburg zu seiner Verlobten reiste, empfahl er noch – wieder eher nebenbei – seinem Freund und Augenarzt Leopold Königstein, Kokain einmal bei schmerzhaften Entzündungen des Auges zu versuchen. Die schmerzlindernden Eigenschaften des Kokains schienen aber Freud offensichtlich nicht sonderlich interessiert zu haben, deshalb befasste er damit einen Kollegen. Freud konzentrierte sich auf die, wie er meinte, wichtigere Wirkung auf das Zentralnervensystem. Die wollte er selbst erforschen und damit berühmt werden.
Aber gerade diese betäubende Wirkung des Kokains auf Schleimhäute interessierte nun Koller. Intuitiv erfasste er, dass er möglicherweise die lange gesuchte Substanz „mit den Wirkungen, nach denen ich vorher vergeblich gesucht hatte“, in der Hand hatte. Sofort begann er mit Versuchen im Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie. Er träufelte eine selbst hergestellte zweiprozentige Kokainlösung in das linke Auge eines Frosches. Das so behandelte Auge erwies sich als unempfindlich gegen Berührung, gegen thermische, chemische und sogar elektrische Reize. Das andere Auge reagierte auf gleiche Reize äußerst empfindlich.

Kein Schreien und Stöhnen

Selbstversuche, Versuche an Kollegen und Patienten folgten. Es funktionierte immer. Koller hatte seine Substanz gefunden. Kokain war das Mittel, mit dem man die Augenoberfläche vollständig betäuben konnte. Als am 11. September 1884 auch noch die erste Staroperation ohne das übliche Schreien und Stöhnen des Patienten gelang, war es gewiss: Koller hatte einen Meilenstein in der Geschichte der Augenheilkunde und der gesamten Medizin gesetzt. Er hatte die Lokalanästhesie entdeckt.
Bereits am 15. September 1884 ließ Koller durch den Triestiner Augenarzt Dr. Brettauer (siehe Spurensuche Folge 72) beim Kongress der Augenärzte in Heidelberg die Ergebnisse seiner Arbeit verlesen und seine Experimente demonstrieren. Koller reiste, möglicherweise aus Geldmangel, möglicherweise weil er nicht Mitglied der deutschen Gesellschaft der Augenärzte war und als Unbekannter nicht plötzlich ein Referat halten konnte, nicht nach Heidelberg. Sein Bericht wurde in Heidelberg zunächst fassungslos, dann enthusiastisch aufgenommen.
Am 17. Oktober hielt er dann selbst vor der Gesellschaft der Ärzte in Wien einen Vortrag über seine Entdeckung. Binnen kurzem verbreitete sich die sensationelle Nachricht über die Presse weltweit. Erst jetzt schien Freud registriert zu haben, welche Chance er hier vergeben hatte. Koller erwähnte zwar in seinem Vortrag, dass er von Freud auf das Kokain aufmerksam gemacht wurde, aber Freud war deprimiert, dass „nur fünf Prozent des Ruhmes“ auf ihn fielen. Sein Versuch, einen Kollegen von seiner Morphiumsucht mit Kokain zu heilen, war ebenfalls furchtbar schief gegangen. Das Kokain hatte Freud doppelt betrogen.
Wie bei fast allen großen Entdeckungen in der Medizin kam es auch diesmal zu Prioritätenstreitigkeiten. Ein Würzburger Pharmakologe reklamierte die Entdeckung für einen seiner Schüler, und auch Leopold Königstein, der tatsächlich unabhängig von Koller die lokalanästhetische Wirkung des Kokains entdeckt hatte, beanspruchte die Entdeckung für sich. Auf Intervention Wagner-Jaureggs und Freuds musste Königstein aber die Priorität Kollers anerkennen. Anfang 1885 entwickelte der amerikanische Chirurg William Halstedt die Leitungsanästhesie mit Kokain.
Freud ärgerte sich noch 50 Jahre später in einem privaten Gespräch über die damals verpassten Gelegenheiten, und die Kokain-Episode hinterließ zumindest kleine Nadelstiche in seiner Seele, die ihn gelegentlich auch quälten. Königstein blieb verbittert bis an sein Lebensende, und auch für Koller, dem Freud den Spitznamen „Coca-Koller“ gegeben hatte, erfüllten sich seine beruflichen Träume nicht. Sein größter Wunsch, eine Assistentenstelle an einer der beiden Augenkliniken im Allgemeinen Krankenhaus in Wien zu erlangen, ging nicht in Erfüllung. Wer das verhinderte, blieb unklar. Wegen eines Duells mit einem antisemitischen Kollegen musste er 1885 die Klinik und Wien verlassen. Nach einigen Jahren als Assistent an der holländischen Augenklinik in Utrecht wanderte er 1888 nach Amerika aus, wo er am Mount Sinai Hospital in New York als Augenarzt große Erfolge hatte. 1944 starb Carl Koller, heute unbestritten der Begründer der Lokalanästhesie, in New York.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 22/2004

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