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30. November 2005

Die veterinärmedizinische Sammlung (Narrenturm 13)

Selbst in Laienkreisen ist es kein Geheimnis mehr, dass im pathologisch-anato- mischen Bundesmuseum im Narrenturm hervorragende, manchmal auch recht skurrile Präparate aus der Humanmedizin besichtigt werden können. Kaum jemand weiß aber, dass der Turm auch sensationelle Objekte aus der Veterinär-medizin beherbergt.

Die Präparate aus der Veterinärmedizin begann der ehemalige Museumsleiter, Hofrat Dr. Karl Alfons von Portele (1912-1993) zu sammeln. Wollte Portele, wie einst der berühmte Anatom Josef Hyrtl mit seinem Museum der vergleichenden Anatomie, der vergleichenden pathologischen Anatomie einen Ehrenplatz in der Wissenschaft zuweisen? Eines hat Portele zumindest erreicht: Was schon Hyrtl über sein Museum schrieb, „dass sich kein Museum der Welt sich ähnlichen Reichtums in ähnlicher Pracht rühmen kann“, trifft wohl heute auch auf die Sammlung im Narrenturm zu. Darauf ist auch Wolfgang Brunthaler, wissenschaftlicher Betreuer und Kurator der veterinärmedizinischen Sammlung, besonders stolz.

Weltweit einzigartige ­Sammlung

Die veterinärmedizinische Sammlung, die heute – inklusive der Spezialsammlung Kincel – 3.500 Exponate umfasst, ist wahrscheinlich weltweit die einzige Sammlung dieser Art, die öffentlich zugänglich ist. Sie ist aber nicht nur aus diesem Grund einzigartig, so Brunthaler. Die Qualität der durchwegs hervorragend präparierten Objekte und die oft einzigartigen, unschätzbar wertvollen Raritäten machen die Sammlung zu einem – nicht nur für Veterinärmediziner – „Gusto­stückerl“ des Narrenturms. Schwerpunkt der Sammlung ist die Darstellung von pathologischen Veränderungen am Tier, im Vergleich mit ähnlichen Veränderungen beim Menschen. Interessant ist hier vor allem eine Gruppe von Präparaten, die eine lokale Häufung von Missbildungen im nördlichen Waldviertel dokumentiert. Es scheint dort durch eine verstärkte natürliche Radioaktivität gehäuft zu verschiedenartigen Missbildungen zu kommen. Eine hervorragende präparatorische Arbeit ist etwa das Präparat einer Doppelmissbildung bei einem Kalb oder das eines neugeborenen Ferkels mit eingeschlagenem Schädel. Letzteres ist das Präparat eines Cranium duplex, an dem der Präparator nicht nur das Objekt einer Missbildung im Tierreich dargestellt hat, sondern auch den heute noch teilweise bestehenden ländlichen Aberglauben in Österreich dokumentierte. Da die Geburt eines missgebildeten Tieres im Glauben der Bauern Unglück über den Hof bringt, wird es üblicherweise nach der Geburt sofort getötet. Aber nicht nur Missbildungen werden in dieser Sammlung präsentiert. Vom geheimnisvollen, vor jedem Gift schützenden Bezoar – ein meist kugelförmiges Konkrement aus einem Tiermagen – über die Ichtyosis eines Lammes bis hin zum Magengeschwür eines Seelöwen kann hier fast alles, was die Veterinärmedizin zu bieten hat, bewundert und studiert werden. Diese unglaubliche Fülle von Mazerations- und Feuchtpräparaten und in geringerem Maße Fossilien, Moulagen und Plastinate beeindruckt den einschlägigen Fachmann ebenso wie den veterinärmedizinischen Laien.

Craniologische Sammlung

Eine abgeschlossene Sammlung innerhalb der veterinärmedizinischen Sammlung ist die craniologische Sammlung „Collectio Kincel“. Eine umfangreiche Privatsammlung von vorwiegend mazerierten tierischen Crania eines Mittelschulprofessors, dessen Ziel es war, von jeder Gattung oder zumindest von jeder Ordnung der in der Zoologie üblichen Systematik des Tierreiches einen Vertreter in seiner Sammlung zu besitzen. Dies gelang ihm tatsächlich weitgehend. Die „Collectio Kincel“ ist die größte österreichische private zoologische Schädelsammlung. Auch heute noch nimmt sie weltweit eine führende Stellung ein. Die Sammlung Kincel blieb im Narrenturm als geschlossene Einheit erhalten. Eine Sammlung, die heute in dieser Form jedoch nicht mehr aufgebaut werden könnte, betont Brunthaler. Viele Objekte der Sammlung könnten aus Gründen des Artenschutzes heute gar nicht mehr erworben werden. Eines der vielen spektakulären Objekte der Sammlung Kincel ist das überaus seltene Präparat einer Latimeria, eines Quastenflossers, dem „Brückentier“ zwischen Fischen und Landlebewesen. Dieses „im Gebiet der Komoren“ erbeutete Tier erwarb Kincel 1974 für seine Sammlung. Es war das erste Stück seiner Art, das nach Österreich kam. Mittlerweile gibt es ein weiteres Exemplar im Naturhistorischen Museum in Wien. Kincel hat dieses Präparat, wie viele andere auch, darunter sogar einen Elefantenschädel, in der Badewanne seiner Privatwohnung in Wiener Neustadt hergestellt. Die Sammlung Kincel kam 1983 als geschlossene Einheit ins pathologisch-anatomische Bundesmuseum.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 20/2005

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