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14. Dezember 2005

Die älteste Operation der Welt (Altes Medizinisches Wien 74)

Die Wiege der Wiener Medizin stand möglicherweise in Guntramsdorf, etwa 20 Kilometer südlich von Wien. Vor 2200 Jahren hinterließ hier zumindest ein keltischer Arzt die Spuren seiner erbrachten medizinischen Leistungen.

In der kleinen Weinbaugemeinde fand im Jahr 1927 der Lehrer und Hobbyarchäologe Ernst Wurth mehrere keltische Gräber aus der Latènezeit. Die Schädel in einigen Gräbern wiesen eindeutig die Spuren einer Trepanation am lebenden Menschen auf. Die damals trepanierten Schädel sind die ältesten Belegstücke einer medizinischen Tätigkeit im engeren Wiener Raum.

Tausende Jahre altes Verfahren

Archäologisch gesichert ist die Besiedelung des Wiener Raums bis in die Jungsteinzeit. Die steinzeitlichen Jäger und Sammler hinterließen in Wien aber keine Spuren ihrer heilkundlichen Aktivitäten. Prähistorische Funde aus der ganzen Welt beweisen aber, dass die Technik der Schädelöffnung – das wahrscheinlich älteste Operationsverfahren überhaupt – bereits mehrere tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung bekannt und weltweit verbreitet war. Wie und mit welchem Werkzeug die Trepanationen durchgeführt wurden, ist durch zahlreiche Fundstücke belegt. Die frühen Operateure – Magier, Druiden und weise Frauen – gingen bei den gefährlichen Eingriffen in der Regel sehr schonend vor. Ihre Techniken und Operationskünste waren bereits in der Jungsteinzeit hoch entwickelt. Mit einem scharfkantigen Feuerstein schabten sie den Knochen langsam auf, ohne die Hirnhäute zu verletzen. Erstaunlicherweise lag die Überlebensrate, wie man aus der Kallusbildung an den Knochenrändern ablesen kann, bei etwa 50 bis 70 Prozent. Die später von den Griechen entwickelten und von Hippokrates beschriebenen Trepanationsbohrer verkürzten zwar den Eingriff, die Verletzungsgefahr für die Hirnhäute war aber weit größer. Nach diesem „Trepan“, einem metallenen Hohlzylinder mit Sägezähnen und einem zentralen Fixationsdorn, ist dieser älteste chirurgische Eingriff auch benannt.
Die entnommenen Knochenscheiben wurden manchmal wieder in die Bohrhöhle reponiert, wie Resorptionsspuren an einem Fund in Guntramsdorf zeigen, oder durchbohrt und als Amulette gegen Krankheiten getragen. Postmortale Trepanationen zur Gewinnung von Knochenscheiben als Amulette oder zur Herstellung von „Mittel gegen die fallende Sucht“ sind bis ins Mittelalter bekannt. Dabei wurde bevorzugt die „Menschenhirnschale eines Gehangenen“ zu einem zarten Pulver zerrieben.

Geringe Überlebenschancen im Mittelalter

Dem französischen Arzt, Anthropologen und Pionier der Hirnforschung Paul Broca gelang es Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Steinzeitinstrumenten an soeben Verstorbenen in kaum mehr als 30 Minuten Knochenscheibchen aus der Schädeldecke zu schneiden. Der peruanische Hirnchirurg Francisco Grana bewies 1962 in Lima, natürlich in Narkose und unter Einhaltung aller Regeln der modernen Asepsis, bei einem Patienten mit Hirnblutung und Lähmung nach einem Unfall, dass eine Trepanation mit den 2.500 Jahre alten Instrumenten seiner Vorfahren problemlos machbar ist.
Als Broca 1867 einen etwa 3.500 Jahre alten Inkaschädel mit einer eindeutig von Menschenhand durchgeführten Schädelöffnung vorstellte, der erkennen ließ, dass der Eingriff auch längere Zeit überlebt wurde, war sowohl die archäologische als auch die medizinische Welt in Aufruhr. In Aufruhr deshalb, weil die Trepanation in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den riskantesten Eingriffen überhaupt zählte und die Patienten wegen Infektionen und Blutungen nur geringste Überlebenschancen hatten. Der deutsche Chirurg Dieffenbach schrieb noch 1848: „Die Trepanation ist mir in den meisten Fällen als ein sicheres Mittel erschienen, den Kranken umzubringen.“ A. Cooper, einer der bedeutendsten englischen Chirurgen des 19. Jahrhunderts forderte: „Wer trepaniere, solle zur Vergeltung selbst trepaniert werden.“ Wieso die steinzeitlichen Trepaneure bessere Erfolge hatten als ihre Kollegen im 18. und 19. Jahrhundert, bleibt unklar.

Wie diese Operationen gemacht wurden, ist heute gut erforscht. Warum sie durchgeführt wurden, ist allerdings rätselhaft. Waren es religiös-magische Rituale? Ein mystischer Schädelkult? Wollte man einem Dämon, den man im Kopf vermutete – etwa bei Migräne oder auch Geisteskrankheiten – einen Ausgang verschaffen? Beweisen wird man es wahrscheinlich nie können, aber die meisten Archäologen und Paleontopathologen sind heute der Meinung, dass auch die frühen Operateure in vielen Fällen aus medizinischer Indikation trepanierten. Etwa nach Verletzungen, um Knochensplitter zu entfernen, oder wenn der Patient nach einem Sturz oder Schlag über unstillbare Kopfschmerzen klagte, Lähmungserscheinungen hatte oder epileptische Anfälle bekam. Ethnologische Studien an Naturvölkern, wie etwa den Gusii in Kenya, die auch heute noch in diesen Indikationen – obwohl von der Regierung verboten – mit einfachen Eisenmessern trepanieren, scheinen diese Thesen zu bestätigen. Natürlich wird auch heute – zwar mit besseren und vor allem sterilen Instrumenten – wie seit Jahrtausenden trepaniert, um Hämatome zu entfernen und eine Druckentlastung des Gehirns zu erreichen. In der Neurochirurgie ist die Trepanation, hier allerdings mit Eröffnung der Hirnhäute, das Standardverfahren für den operativen Zugang zum Gehirn.

Trepanation unter Branntweinnarkose

Wie eine Trepanation bei den Serben in der Mitte 19. Jahrhundert vor sich ging, beschrieb das „Correspondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“ im Jahr 1900 etwa so: „Nachdem sich der Operateur mit dem Kranken oder Verwandten dahin gehend verständigt hat, dass ihn keine Verantwortung trifft, falls der Patient stirbt, hält er eine Consultation, ob der Kranke genügend stark ist, die Operation ohne Anwendung von Narcotica auszuhalten. Ist dies nicht der Fall, so verabreicht er einem Manne 1 Liter Branntwein, einer Frau Liter, welches Quantum womöglich auf einen Zug geleert werden soll. Hierauf stopft der Assistent des Arztes die Ohren des Patienten gut mit Watte, damit er das unangenehme Sägeklirren des Knochens nicht höre. (....) Nach Freilegung des Knochens dreht er den Trepan kreisförmig an der ausgewählten Stelle, aber immer auf einer Seite etwas stärker drückend. Auf diese Weise wird der stärker gedrückte Halbkreis früher abgesägt. (....) Dann zieht er mit Hilfe seines Assistenten gemeinschaftlich auf´s Commando mit drei feingebogenen Haken das runde Knochenstück heraus und verschließt nach einer Reinigungsprocedur das trepanierte Loch mit den Hautdreiecken. Der Operateur bekommt seinen Lohn. Junge Leute genesen vollkommen erst 40 Tage nach der Trepanation, die schwächeren und älteren nach 2 Monaten. Als einzige Diät bleibt den Trepanierten das ewige Verbot, nie Schweinefleisch zu genießen.“

Bohrtrepanationen

Die keltischen Gräber mit den trepanierten Schädeln aus der Schottergrube in Guntramsdorf weisen eine Besonderheit auf: die Bohrtrepanation. Meist kam bei den Kelten ja die Schabtechnik zur Anwendung. Vom Schädelöffner selbst und seinem Werkzeug fand sich bisher keine Spur. Man nimmt an, dass ein Druide – bei den Kelten Priester, Arzt, Richter und Lehrer in Personalunion – die Technik der Bohrtrepanation im Mittelmeerraum gelernt hatte oder ein wandernder Arzt hier Behandlungen durchführte und dann weiterzog. Dafür spricht, dass auch im Burgenland keltische Schädel mit gebohrten Trepanationen gefunden wurden. Großartigen Erfolg scheint er nicht gehabt zu haben: Von allen Schädeln in Guntramsdorf lässt sich nur an einem einzigen tatsächlich eine Heilung nachweisen.
Im neu gestalteten Ernst Wurth Museum in Guntramsdorf befindet sich leider nur mehr der trepanierte Schädel, der 1976 in einem keltischen Grab zusammen mit eindruckvollen Grabbeigaben und einer Aschenurne entdeckt wurde. Ein Besuch des Museums lohnt sich aber auf alle Fälle. Aus der kleinen Schausammlung prähistorischer Exponate im Konferenzzimmer der Volksschule entwickelte sich im Lauf der Jahre ein Museum, dessen einzigartige Objekte nicht nur einen spannenden Einblick in 5.000 Jahre Besiedelungs-, Orts-, Gewerbe- und Industriegeschichte bieten, sondern auch den Alltag vergangener Zeiten dokumentieren. Die sensationellen Funde von 1927 kamen in die Bestände des Niederösterreichischen Landesmuseums und 1970 ins Museum für Urgeschichte des Landes Niederösterreich in Asparn/Zaya, wo sie auch heute noch sind.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 20/2004

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