zur Navigation zum Inhalt
 
30. November 2005

Das Obduktionsprotokoll eines Genius (Narrenturm 12)

Nur ein paar Schritte vom Narrenturm entfernt, starb am 26. März 1827 während eines heftigen Wintergewitters eines der größten Musikgenies des Abendlandes: Ludwig van Beethoven. Das lange verschollene Obduktionsprotokoll befindet sich im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm.

Einen Tag nach Beethovens Tod führte Johann Wagner, Chef und Lehrer des später weltberühmten Pathologen Karl von Rokitansky, die Obduktion – eine so genannte Sectio privata – durch. Ort der Handlung war die letzte Wohnung des Komponisten im Schwarzspanierhaus im 9. Bezirk in Wien, heute Schwarzspanierstraße 15. Das lange verschollene Obduktionsprotokoll in lateinischer Originalfassung wurde schließlich ein Teil der Sammlung im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm. Auch ein Gipsabdruck des Schädels von Beet­hoven aus der anatomischen Sammlung Josef Hyrtls wird heute hier aufbewahrt.

Recherchen eines Pathologen

Über Beethovens Beschwerden und Krankheiten, insbesondere über die Ursachen seiner Taubheit, wurde und wird viel spekuliert und geschrieben. Wir folgen hier in erster Linie einer Publikation des Pathologen und Schriftstellers Prof. Dr. Hans Bankl aus dem Jahr 1986. Bankl lag das originale Obduk- tionsprotokoll vor. Da er selbst in der Tradition der Wiener pathologischen Schule, also in der Tradition der genauen und detaillierten Beschreibung, erzogen wurde, sind seine Schlussfolgerungen eine zuverlässige Interpretation der Tat-sachen und weit entfernt von jeder sensationellen Spekulation. Bankl lagen zwei wichtige historische Objekte zu Beethovens Krankheit und Tod vor: das Sektionspro-tokoll im lateinischen Originaltext und ein Gipsabguss des Schädels von Beethoven, der anlässlich der ersten Exhumierung am 13. Oktober 1863 angefertigt wurde. Folgt man den Krankheitsberichten Ludwig van Beethovens, geboren am 17. Dezember 1770, muss man ihn ab etwa 1796 als chronisch krank bezeichnen. Von da an war er wegen verschiedenster Leiden und Beschwerden durchgehend in ärztlicher Behandlung. Er litt fortwährend unter Verdauungsstörungen, Koliken, Fieberattacken und Nahrungsunverträglichkeiten. Im Alter von 26 Jahren traten ers-te Hörstörungen auf. Trink- und Badekuren brachten nur wenig Besserung.

Verzweifelt wegen Hörverlust

Bereits 1802 schildert er im Heiligenstädter Testament ergreifend seine Verzweiflung über den zunehmenden Hörverlust. Ab 1818 halfen ihm auch mechanische Hörhilfen, wie die Melzel-Hörrohre, nichts mehr. Beethoven war jetzt stocktaub. Er verfiel zunehmend in Depressionen und äußerte Suizidgedanken. 1817 untersagten ihm seine Ärzte den Genuss alkoholischer Getränke. Beethoven hielt sich aber zeitlebens absolut nicht an ärztliche Vorschriften. Er nahm seine Medikamente wahllos ein und um das Alkoholverbot scherte er sich schon gar nicht. Erste Berichte über einen Ikterus finden sich 1821 und über Hämatemesis im Jahr 1825. Auf den Genuss von Alkohol wollte Beet­hoven aber trotzdem nicht verzichten. Er trank weiterhin zu jeder Mahlzeit eine Flasche Wein. Sein Zustand verschlechterte sich in der Folge dramatisch.

Vollbild einer Leberzirrhose

Die erste Aszitespunktion – gewaltige elf Liter – erfolgte am 20. Dezember 1827. Weitere Punktionen folgten. Zwei Tage vor seinem Tod kommentierte Beethoven eine Weinlieferung mit den Worten: „Schade, schade, zu spät!“ Das waren die letzten Worte dieses genialen Tonsetzers. Nach zwei Tagen im Koma verstarb Beethoven am 26. März 1827. Nach dieser Vorgeschichte ist es wenig verwunderlich, was „Doctor Johann Wagner, Assistent beym pathologischen Musäum“ bei der Obduktion vorfand: „Der Leichnam war, insbesondere an den Gliedmaßen, sehr abgezehrt und mit schwarzen Petechien übersäht, der Unterleib ungemein wassersüchtig aufgetrieben und gespannt ... In der Bauchhöhle waren vier Maß (1 Maß = 1,415 Liter) graulich-brauner trüber Flüssigkeit verbreitet ... die Leber erscheint auf die Hälfte ihres Volumens zusammengeschrumpft, lederartig fest, grünlichblau gefärbt und an ihrer höckerigen Oberfläche, sowie an ihrer Substanz mit bohnengroßen Knoten durchwebt.“ Was Wagner hier beschrieb, ist das Vollbild einer Leberzirrhose im atrophen Stadium. Alkohol scheint aber nicht die einzige Ursache der Zirrhose gewesen zu ein. Im Jahr 1994 analysierte man im Auftrag des Beethoven-Centers in Kalifornien einige Haare aus einer Locke Beethovens, die seine Schwägerin unmittelbar nach dem Tod vom „Haupt des Dahingeschiedenen“ abgeschnitten hatte. Die mittlere Bleikonzentration in den Haaren war über vierzigmal höher als normal. Als Ursache für die chronische Bleivergiftung kam zu jener Zeit vor allem Wein in Frage. Billigen Wein mit Bleiverbindungen zu „schönen“, war damals durchaus üblich.Über die Ursachen der Schwerhörigkeit Beethovens liegt eine Vielzahl von Hypothesen und Möglichkeiten vor. Lues, Typhus, Meningitis, Atrophie des Nervus acusticus, Tuberkulose, Fleckfieber, Morbus Paget, die chronische Bleivergiftung und vieles mehr geistern hier seit Jahrhunderten durch die Literatur. Aber weder im Originaltext des „Protocollum de sectione corporis Domini Ludwig van Beethoven“ noch im Gipsabguss des Schädels konnte Bankl Beweise für eine endgül-tige Klärung der Hörstörung Beethovens finden. Heute tendiert man zu der Ansicht, dass Beethoven an Otosklerose, einer Knochenfehlbildung der kleinen Knochen im Mittelohr, gelitten hat. Viele Symptome und der Krankheitsverlauf deuten auf diese häufigste Ursache des progredienten Hörverlustes bei jungen Erwachsenen hin. Es darf aber durchaus weiter spekuliert werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 19/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben